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Jeschurun · 1893-06-23 · 25 (23.6.1893) · p. Seite 389

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
1893
Issue
25 (23.6.1893)
Date
1893-06-23
Page
Seite 389 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 25. J f f dj u r u n. >«- Seite 389. in der Festung geschwunden, diese übergiebt, ist ebenso ehrenwert, wie der Feldherr, der die Festung erobert. Einer hat halt mehr Glück als der andere. Ferner: Jede Religion, die den Anspruch inacht, eine sittliche zu sein, muß ihren Bekennern vorschreiben, sich als echte und rechte Unterthanen desjenigen Staates zu fühlen, dessen Schutz sie genießen. Ja, wenn die Staaten sich erst noch bildeten! Dann könnten wir sagen, wir wollen auch unseren Einfluß geltend machen, obgleich es nicht recht einzusehen ist, wie solche, die aus ihrem eigenen Vaterlande haben flüchten müssen, nun anderswo den Ton angeben wollen. Als Volk dürfen wir das mm und nimmermehr, der Einzelne mag cs als Staatsbürger in den Landern, wo er in Wahrheit als Staatsbürger angesehen wird, immerhin thun. Wenn wir nun nach der Ansicht des Dr. B. ein Volk sind, so ist doch damit der Beweis erbracht, daß ein Volk auch ohne eigenes Land bestehen könne. Dr. B. meint aber, ein solcher Zustand sei unwürdig. Ich habe schon bewiesen, daß hiervon keine Rede sein könne. Das Unwürdige inüssen wir dadurch beseitigen, daß wir unser Volkstum nicht allzusehr in den Vordergrund stellen. Es ist ja richtig,, daß der Antisemitismus die jüdische Rasse ächtet und in den Bann thnt, allein so viel Gottvertrauen müssen wir doch haben, daß wir uns sagen, der Antisemitismus wird niemals Staatsgrundgesetz werden. — An Gvltvertrauen scheint es dem Zionismus überhaupt zu fehlen. Was soll das bedeuten, daß er dem jüdischen Volke eine Mission abspricht! Ein Volk, das sich Jahrtausende erhalten, seine Peiniger und Bedränger überdauert, ein so.ches Volk hat bewiesen, daß es eine Mission besitzt. Nun fragt Dr B.: Welche? Ich empfehle ihm, einmal die Kritiken des Philosophen Kant zu lesen, da wird er finden, daß man wohl in der Welt eine Zweckmäßigkeit, nicht aber einen Endzweck feststellen könne. Richtig ist, daß keins der 613 Gebote uns eine Mission im christlichen Sinne vorschreibt, aber was will das sagen? Ich befehle auch nicht dem Lolze, daß es brenne und die Stube wärme, ich zünde es nur an, das andere macht sich schon von selbst. Darüber brauchen wir also nicht zu grübeln. Nachträglich, in der Geschichte, stellt sich schon die Mission der Beruf, die Sendung heraus, a priori, als religiöses Gebot läßt sich die Mission nicht feststellen. So möchte ich denn meinen, daß die jüdische Nation wesentlich einen religiösen Beruf hat. Denn sei es Philosophie, so kann man doch nicht in dem Sinne von einer jüdischen Philosophie reden, daß diese besondere Wahrheiten, neue Begriffe der Welt mitgeteilt. Sie befaßt sich mit religiösen Lehren, die sie mit der Vernunft in Einklang setzen will, diese sind aber ein der reinen Philosophie fremdes Gebiet. Die Grundbegriffe der philosophischen Wissenschaften sind nicht von den Juden auf die Jetztzeit gekommen, sondern von den Griechen und Römern. Ähnlich verhält es sich mit Mathematik und Naturwissenschaft, ähnlich mit Staatswissenschaften. Das Judentum hat aber die Welt in großartiger Weise beeinflußt durch die von ihm ausgehenden religiösen Begriffe, auch nicht in propagandistischer Weise, sondern in der Hülle des Volkstums, das mit der Religion in eigentümlicher Weise verschmolz, durch die volkstümliche (doch nicht „populäre" nn gewöhnlichen Sinne des Wortes) Litteratur, die sich im Grunde nur um das Eine dreht: Die Erkenntnis des Guten und Bösen, wie schon Moses den Begriff der Religion definiert. Wir sprechen aber von Thateu Gottes, die er unserem Volke gegenüber bewiesen, daß er nns erkoren, daß er eine Stätte seiner Verehrung erkoren. Das sind also Heiligtümer Gottes, die wir nicht aufgeben dürfen. Das ist auch das Einzige, was nns von, Abfall vom Judentume zurückhält — die heilige Schrift und das Gebetbuch. Wir bitten Gott, er möge der Welt seine Herrlichkeit wieder zeigen wie zuvor, damit rtnser Glaube lticht fürder als Wahn und Aberglaube bezeichnet werde, und damit die Welt in noch intensioerer Weise der Segnung des Jndentuins teilhaftig werde. Daß wir Zion und Jerusalem uns als Mittelpunkt der Gottesverehrung denken, geschieht in Gemäßheit der hl. Schrift. Was geht nun atts dein Obigen hervor? Wir sollen mehr, als bisher unsere Religion im wahrhaft gottesfürchtigen Geiste Pflegen, sollen gute Unterthanen und Staatsbürger sein, sollen versöhnend und friebenftifteub segenbringend wirken. Dagegen sollen wir nicht im Sinne Sebeds und Schußelach Propaganda für Palästina machen Vorläufig ist es türkisches Gebiet und wir würden nur aus der einen Staatshoheit in die andere gelangen. Verboten ist ja so etwas nicht. Aber es ist doch ein verantwortungsvolles Unternehmen, zur massenhaften Kolonisation aufzufordern, und damit den Pauperismus zu vermehren. Weiß Dr. B. nicht, daß ungezählte Bettelbriefe aus Palästina nach dm „profanen" Ländern gehen, deren Flut nur dadurch einigermaßen eingedämmt wird, daß man sie unbeantwortet läßt? Wenn wir in unserem Gebete sagen: „Wegen unserer Sünden sind wir ans unserem Lande vertrieben", so erkennen wir es doch als den Willen der Vorsehung, daß wir außerhalb des gelobten Landes leben sollen. Möglich, daß einstmals ganz Israel versammelt werde, das ist Gottes Sache; wir haben zu streben, daß unsere „Sünden" aufhören, und zu diesen Sünden zähle ich auch den Aufsatz des Dr. Birnbaum. Wissenschaft nnd fitteratiir. Ackerbau und Handwerk unter den Juden in Vergangenheit und Gegenwart*). Bon Dr. L. Munk. Die Wertschätzung der Arbeit war bei den verschiedenen Völkern des Altertums und bis in die Gegenwart hinein eine verschiedene. Griechen und Römern galt die Arbeit für unehrenhaft und eines freien Bürgers unwürdig. Die Arbeit, sagt Plato, verdummt, der Banausos hat nicht die Kraft, etwas Höheres zu erstreben, die meisten sind Sklavenseelen, die nicht wissen, was schön, gut und gerecht ist. Mit der Handarbeit, sagt Aristoteles, darf sich der gute Bürger nicht befassen, stumpft Geist nnd Körper ab und schafft ungeschlachte Leute. Demosthenes meint, von dem Arbeiter, der ein Niedriges treibt, fft keine Hochherzigkeit zu erwarten. Die Römer benannten die Arbeit labor mit dem Ausdruck des Schmerzes, sie ließen ihre Besitzungen durch Sklaven *) Nachdruck mit genauer Ouellenangabe gestattet. Auszug aus einem im Verein für jüdische Geschichte und Litteratur in Frankfurt a/M. gehaltenen Bortrag.

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