Mannheim
Compact Memory

Jeschurun · 1893-06-23 · 25 (23.6.1893) · p. Seite 388

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
1893
Issue
25 (23.6.1893)
Date
1893-06-23
Page
Seite 388 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/9610650-9609441-9609510--153-9609512
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

:eite 388. I e s ch u r u u. Nr. 25. die den grausamsten und erbärmlichsten Leidenschaften, deren der Mensch fähig ist, ihr Entstehen verdankt. Und die Fortschritte der Kultur werden leider keinen großen Einfluß zu ungunsten dieser traurigen Bewegung auszuüben vermögen, weil eben nicht das Erkenntnisvermögen, sondern ausschließlich die blinde Leidenschaft die Triebfeder des Antisemitismus ist." Und nun folgt ein Satz, der gerade unter dem Eindruck der eben vollzogenen Wahlen zum deutschen Reichstage und der ungeheuren Niederlage, welche die für uns eintretcnden Parteien erfahren haben, eine besondere Bedeutung gewinnt: „Attch die neuen, auf der Grundlage des allgemeinen Wahlrechtes errichteten Staatsformen, welche dir Übermacht der ilnteren Schichten über die intellektuell höher stehenden Klaffen zur Folge haben, begünstigen beit Antisemitismus, und wie man in folge althergebrachter Vorurteile dem Geburtsadel nngerechterweise den Vorzug gegenüber den Bürgerlichen giebt, so wird man bei politischen Wahlen aus doppelten Gründen stets alle anderen Kandidaten den Inden vorziehen, selbst wenn diese höher anznrechnende Eigenschaften und Befähigungen anfznweisen haben. Und so wird es kommen, daß alle jene, welche sich der Waffe des Antisemitismus zu bedienen verstehen, mögen es auch geistig beschränkte, unzurechnungsfähige und verkommene, charakterlose Menschen voni Schlage eines Ahlwardt sein, ja selbst noch brutalere als dieser, von der Menge stets mit offenen Armen freudig ausgenommen werden." Nach dieser traurigen Prognose verschreibt der Gelehrte eine Medizin, für uns und andere. „Man begründe, sagt er, ein sozialistisches NeU'Christentnm, zu welchem sowohl die Inden, die heute noch zum Teile an die alten ReligionSgebräuche gebunden sind, als auch die Christen befreit von ihrem Hasse gegen die ersteren und von Vorurteilen und Aberglauben, zwangslos und ohne Scheu übertreten könnten." Er nimmt uns aber sogleich die Medizin wieder vor der Nase weg, indem er schließt: „Aber das ist wohl eine Utopie, zu deren Verwirklichung noch nicht einmal die allerersten Anzeichen sichtbar sind." Sebr ermunternd ist es nachgerade nicht, was der gelehrte italienische Sozialist uns prophezeihet; wenig ermunternd für unsund unsere Gegner. Da gehen die deutschen Sozialisten schlauer zu Werke; sie suchen den Antisemitismus zu diskreditieren, indem sie ihn loben. Das Zentralorgan der deutschen Sozialdemokratie, der „Vorwärts", kommentiert nämlich die Wahlen — auf die wir '-ach den Stichwahlen zurückkommen werden — wie folgt: „Außer der Sozialdemokratie hat nur der Antisemitismus zngenommen — außer dem ächten Sozialismus der gefälschte, außer dem Sozialismus der Vernünftigen der „Sozialismus der Dummen." Immerhin ein Triumph der sozialistischen Idee, die rechts und links alles sich unterthan macht. Die Fortschritte des Antisemitismus sind uns darum nichts weniger als unerwünscht. Im Gegenteil, wir wissen, sie können nur uns zu gute kommen. Der Antisemitismus hat sich aus Kosten der konservativ-reaktionären Parteien ausgebreitet — er bedeutet den Bankrott des hohlköpfigen und ftraußmagigen Konservatismus, der mit seinem wurmstichigen, verstaubten Feudalplunder, mit seinem heuchlerischen Gerede von Königstrene, Gottesfurcht und praktischem Christentum keinen Hund mehr hinter dem Ofen hervorlockt. Der Bauer ist ein verhärteter Materialist, der Greifbares haben will. Und der fette Judenknochen, den „der Sozialismus der Dummen" ihm vor der Nase herumtanzen läßt, ist etwas sehr Greifbares und Begreifbares — für Dumme. „Die Juden raus" ans Deutschland, und alle Bauern sind reich — nichts kann verständlicher sein. Freilich, lange hält die Weisheit nicht vor — die Enttäuschung kommt rasch. Und der Antisemitismus wirtschaftet deshalb überall, wohin er kommt, sehr schnell ab. Am Rhein, an der Lahn und am Main, kurz in seinen ersten Domänen ist er gegen küLO zurückgegangen. Die Bauern haben dort den Judenbraten gerochen und den Schwindel gemerkt. Und in den neuen Domänen, die der Antisemitismus seinem konservativen Nährvater undankbar abgesagt ht, wird er bald dem Sozialismus der Vernünftigen den Platz räumen müssen." — Wir merken die gute Absicht des „Vorwärts" und sind verstimmt, verstimmt, besonders deswegen, weil man zu solch e n Mitteln greifen muß, um den Judenhaß zn ächten. Doch für heut sei es genug: ich möchte nicht dem Leser die Laune und mir das Konzept für die nächste Wochenübersicht verderben. Leitende Artikel. Der Zionismus. Von L. Weinberg. Bodenfelde, den 13. Juni. Der Aufsatz des Dr. Birnbaum liest sich ganz gut, er ist im herzlichen Tone geschrieben und zur Lektüre recht geeignet. Richtig und stichhaltig aber ist er nicht, vielmehr ist er nichts weiter, als eine geistreiche Bereinigung von Widersprüchen. Wenn Jemand Propaganda machen will, so muß er sich auf Kritik gefaßt machen, und die soll ihm denn auch nicht erspart bleiben. 'Der Grundgedanke des Exposes ist: Die Juden bilden vor allem ein Volk, eine Nation, sie müssen nun auch notgedrungen darnach streben, das ihnen innewohnende Volkstum zur Wahrheit zu machen, d. h. ein Vaterland für das Gesamtvolk der Juden zu erwerben. Dasselbe sagen ungefähr die Antisemiten, nur machen diese den Juden nicht zum Vorwurf, daß sie einen dunklen Drang zur Wiederkehr nach Palästina besitzen, sondern, darüber rüsvnuiereu sie, daß die Juden solange zögern, diesen Drang zur Wahrheit zu machen. Da sich Dr. Birnbaum, ohne Antisemit zu sein, in diesem Punkte doch auf den Standpunkt der Antisemiten stellt, so hätte man billigerweise Ratschläge erwarten sollen, wie wir die Erfüllung dieser Erfordernisse herbeiführen konnten. Diese Ratschläge stehen offenbar nicht auf dem Programm des „Zionismus." Wenn man daher fragt: „Was ist der Zionismus?" so lautet die Antwort: „Nichts!" Sind nämlich die Juden ein Volkstum, so bedarf es durchaus nicht der zionistischen Propaganda, die umso überflüssiger ist, als sie höchstens Ungelegenheiten herbeiführt. Ich vermisse in dem lufsatze des Dr. Birnbaum jedes praktische greifbare Resultat, es steht darin nichts, was wir dann in Gemäßheit des Zionismus zu erstreben, zu thun hätten. Dr. B. schreibt, der Zionismus sei weder orthodox, noch reformistisch. Das glaube ich gern, er ist eben nichts, und da sowohl Orthodoxie als auch Reform sich für etwas halten, so werden sich beide bedanken, mit dem Zionismus in Parallele gestellt zu werden. Wir können und müssen, sagt Dr. B., auf die Vergangenheit unseres Volkes stolz sein. Sehr schön und sehr richtig — aber das ist doch nichts Neues, das habe ich schon als Kind gewußt. Wenn aber ein Volk einen großen, glänzenden Namen im Altertum gehabt, infolge widrigen Geschickes dann besiegt, überwunden worden ist, sich zu allererst todesmutig verteidigt, nach vergeblicher Anstrengung aber sich in anderen Ländern niedergelassen hat; wenn dies schon fast 2000 Jahre her ist: so frage ich, was soll ein solches Volk nun noch thun? Ich meine, es hat seiner Ehre Genüge gethnu! Ein Feldherr, der, nachdem Munition und Nahrung <

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.