Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 1893
- Issue
- 24 (16.6.1893)
- Date
- 1893-06-16
- Page
- Seite 383 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr 24. I e s ch n r u n. Seite 383. ist durch Herrn Levy aus Lingen besetzt. — Herr Rabb. Rakwitz aus Schivelbein ist, 64 Jahre alt, gestorben. — Herr M. Schatz aus Rüsselstein a. M. ist als Kantor nach Neu-Endingen berufen worden. famUun^Umtg. Maimonides. Historische Erzählung von Dr. M. Defsaner. (Fortsetzung.) Viertes Kapitel. Die weitere Fahrt ging glücklich von statten. Als sie nahe am Ziele waren, sagte die Schwester zu Maimuni: „Du kannst es Dir kaum denken, wie unruhig mein Herz schlägt und wie ich vor Ungeduld brenne, das Land zu sehen, an welches sich so viele Erinnerungen knüpfen, und wohin die Anhänger dreier Religionen voll Ehrfurcht ihre Blicke richten. Ich habe mir manche langweilige Stunde auf der Reise damit vertrieben, daß ich Deine Ratschläge befolgte und mich anleiten ließ, eine genaueKenntniß der Geschichte und Beschaffenheit desselben zu gewinnen. Zunächst lese ich die Bibel mit mehr Aufmerksamkeit als zuvor; denn wir werden doch ohne Zweifel die meisten der von ihr erwähnten heiligen Stätten besuchen: die Gräber der Patriarchen in Hebron, der Berg Sinai, die Ruinen des Tempels. . .?" „Vieles, liebe Schwester, wirst Du freilich nicht mehr in dem Zustande finden." nnterbrach sie Moses, „wie Du nach der biblischen Erzählung es Dir vorstellen magst. Über den Gräbern in Hebron beispielsweise, welche noch zur Zeit der zweiten Tempelzerstörung in schönem Marmor kunstvoll gearbeitet zu sehen waren, erhebt sich heute eine christliche Kirche. Der berühmte Reisende Benjamin von Tudela, der vor fünf Jahren dort gewesen, erzählt, daß die Stadt heute zu Ehren des Erzvaters St. A b r a h a m heiße und während der Krenzzüge zn einem Bischofssitze gemacht worden sei. Am Fuße des Berges Horeb, wo Mose den brennenden Dornbusch gesehen, liegt ein Kloster von I u st i n i a n erbaut. Durch das neue Testament und die christli 1 en Legenden, sowie durch die Kalifenherrschaft sind andere geweihte Erinnerungen hinzugekommen und alte Namen mehrfach verändert worden. So nannte Kaiser Hadrian die Stadt Jerusalem, welche er wiederherstellen ließ, Aelia capitolina, und bei den Muhammedanern heißt sie in ihrer arabischen Sprache El-Kuds (die heilige)." „Aber die Berge, Thäler und Gewässer konnte doch Niemand umbilden," erwiderte sie pathetisch, „nicht den Libanon versetzen, von dem ein arabischer Dichter sagt, er trage auf seinem Haupte den Winter, auf seinen Schultern den Frühling, den Herbst im Schoße, und der Sommer schlummere zu seiuen Füßen; nicht die glänzenden Schneehäupter des Hermon mit den berühmten Zedernwäldern; nicht den Karmel abtragen, wo der Prophet Elia mit heiliger Begeisterung den Gott Israels gegen die Baalspriester verherrlicht hat; nicht den Tabor, wo die Prophetin D e b o r a h das israelische Heer zu Sieg und Ruhm geführt und ein herrliches Danklied angestimmt hat; nicht die Gebirge Ephraim und Juda, die Berge Zion, Moria, den Ö l b e r g hinwegnehmen; und auf der andern Seite des Jordan flusses P i s g a , von dessen Spitze aus Mose das Land der Verheißung überschauen durfte, welches erst sein Jünger Josua den Hebräern erobern sollte. Es wird doch ferner keiner die quellenreichen Hügel, die fruchtbaren Thäler mit ihren immergrünen Ol- und Lorbeerbäumen, Dattelpalmen, Pistazien, Mandeln, Feigen und Granaten verändern!" „Oh, unser Schwesterchen macht mir mit den Granaten, Feigen und Datteln den Mund wässerig," rief David ans, der samt den Eltern mittlerweile den Sprechenden sich genähert hatte. „Sie lebt in dem glücklichen Wahne, das Land sehe noch gerade so aus, wie die heilige Schrift es uns schildert: „ein Land des Weizens und der Gerste, des Weinstocks, der Feige und Granate, ein Land des Ölbaums und des Honigs, ein Land, darin da dein Brot nicht in Dürftigkeit issest, wo dir nichts mangelt." .... Damals war es allerdings voll trefflicher Weideplätze und hatte eine Vegetation. Heute aber ist es durch unaufhörliche Kriegserschütterungen, durch Mißwirtschaft und zuletzt durch die wilden Kreuzscharen halb verödet. Obgleich ich von meiner Kindheit an von Sehnsucht erfüllt war, es zu sehen, so glaube ich doch kaum, daß wir dort unsern Unterhalt finden werden und auf die Dauer den Wohnsitz aufschlagen können." — — — Nach einer vierwöchigen Fahrt lag die Küste des heiligen Landes vor den Augen der Auswanderer. Das Familienhaupt sprach, den Blick gen Himmel gerichtet, ein Dankgebet, in welches alle Familienmitglieder mit heißer Andacht, die Arme sehnsüchtig gegen das Land streckend eineinstimmten. Nach Beendigung der Andacht ließen sie sich von einem ortskundigen Mitreisenden die sichtbaren Strecken des Landes erklären: „Jener bläuliche Fels im Süden ist der Berg Karmel, dort gegen Norden seht ihr den schneebedeckten Gipfel des Libanon ragen, hier vor uns liegt Akko, an zwei Seiten von den Wellen umspült; einem Schilde gleich, ist es ein fester Schirm der Kreuzfahrer. Dort hinten ragen die Zinnen der Königsburg, dies sind die starken Thürme und die Bausteine der Brüder von St. Johannes, und weiter abwärts hinter den Hügeln liegt das Pilgerschloß, die Burg der Templer. Ihr wisset doch wohl, daß die kräftigste Stütze der durch die Kreuzfahrer eroberten Gebiete die geistlichen Ritterorden sind; freilich werden auch sie das Land nicht auf die Dauer vor Unfall bewahren können; die Entartung der aus vielen Völkern gemischten Mannschaften ist zu groß, ihr Leben zu locker und die Sicherheit allenthalben gefährdet." Es war ein froher Tag, als das Schiff am sechszehnten Mai in den-Hafen von Akko einlief. Ein Schwarm von Menschen mit seltsamen Trachten, die sie niemals geschaut, drängte sich an die Landenden heran. Syrische Christen mit weißem Turban und Wollgürtel, Griechen im langen bunten Gewände und Juden im Kaftan, Frauen, welche Stirn und Kinn verhüllt trugen, halbnackte Kinder, weiß, braun uud schwarz, hoben begehrlich die geöffneten Hände. Zwischen die Menschen schoben sich Esel, und Maultiere der Führer, welche die Reisenden und ihr Gepäck in Empfang nehmen wollten, dahinter ragten die langen Hälse und Höcker der Kameele. Solches Volksgetümmel empfing, besonders in der Zeit der Kreuzzüge, jedes aus dem Abendlande kommende Schiff. Auf dem Wege zur Stadt begegneten ihnen seltsamen Gestalten, Ordensbrüder im schwarzen Mantel der Johanniter und im weißen der Templer und der deutschen Ordens, stolze Krieger aus dem Abendlande; Leibwachen und Patriarchen in vergoldeter Rüstung und georgische Reiter, Mann und