Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 1893
- Issue
- 24 (16.6.1893)
- Date
- 1893-06-16
- Page
- Seite 381 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 24. I e s ch u Dieselben decken den Bedarf der Kolonieen vollkommen. Hente und in der nächsten Zeit kann ein Urteil über die Lebensfähigkeit und das Gedeihen des Unternehmens noch nicht gegeben werden, da dieser erste Versuch mit großen Schwierigkeiten verbunden war, die Einwanderer sich noch nicht genügend eingelebt haben und noch nicht Gelegenheit hatten, ihre Thatkraft zu beweisen. Gedeiht das Unternehmen, kann den viel Verfolgten jenseits des Ozeans eine neue Heimat gegeben werden, so wird das humane Werk des Barons Hirsch von geschichtlicher Bedeutung sein. Gemeinde, Synagoge und Schule. * g. Man schreibt uns aus Posen: Ein für die hiesige jüdische Gemeinde überaus denkwürdiger Akt ist am 31sten vorigen Monats vom Vorstande derselben in Gegenwart der Gemeinde-Vertreter und etwa 80 eingeladener Mitglieder der Gemeinde vollzogen worden, >iub zwar die Feier der Grundsteinlegung zum Ban des von dem gleichfalls anwesenden Herrn Moritz Rohr aus Berlin vermittelst einer Dotation von 600000 Mark begründeten Jüdischen Kranken- und Siechenhauses Abraham und Henriette Rvhr'sche Stiftung. In schöner parkartiger Umgebung, in unmittelbarer Nähe der Stadt -- vor dem Königsthor — soll ein stattlicher Gebäude-Komplex als Kranken- und Siechenhaus sich erheben und zum Oktober 1894 fertiggestellt sein mit allen Einrichtungen, welche die moderne Technik und die Fortschritte der Hygiene sowohl als auch die strenge Rücksichtnahme auf die religionsgesetzlichen Bestimmungen fordern. Die Feier wurde mit der Weiherede des Gemeinde-Rabbiners Herrn Dr. Feilchenfeld eröffnet. Der Genannte führte aus, daß die Menschenliebe ihre echte und rechte Wirkung nur erlange durch Gottesfurcht. Indem die Eltern die Herzen der Kinder mit Gottesfurcht erfüllen, rufen sie in ihnen jene Empfindungen wach, welche zu den Wegen des Guten und Idealen führen. Gottesfurcht bilde den Grundstein zu der in der Errichtung begriffenen Anstalt, welche von dem hochherzigen Stifter ausdrücklich im Andenken an seine verewigten Eltern, Abraham und Henriette Rohr, begründet worden ist. — Hierauf hielten der Vorsitzende des Vorstandes der Synagogen-Gemeinde, Herr Samuel Schönlank, der Vorsitzende des Baukomitees, Rechtsanwalt Salz, sowie der Fabrikbesitzer und Stadtverordnete, Herr Moritz Victor, Ansprachen. — Demnächst nahm Herr Dr. med. Ludwig Friedlünder, Vorsitzender der Repräsentanten-Versammlung, das Wort, indem derselbe auf das mosaische Gebot der Wvhlthätigkeit als Pflicht der Begüterten behufs möglichsten Ausgleichs der Besitzunterschiede, sowie auf die Bedeutung hinwies, welche eine Krankenanstalt für die jüdische Bevölkerung der östlichen Provinzen habe. — Alsdann folgte eine Ansprache des in Vertretung des mit der Leitung des Baues betrauten Herln Regierungsbaumeisters Lauber hier, welcher für sich sowie für den mit der Bauausführung beauftragten Maurer- und Zimmermeister Herrn Mögelin hier die Versicherung abgab, ihrerseits in technischer Beziehung das Möglichste zu leisten, damit der Bau tadellos hergestellt werde. — Hierauf wurden verschiedene Urkunden rc., darunter je ein Exemplar der in Deutschland erscheinenden fünf jüdischen Zeitschriften: „Allgeneine Zeitung des Judentums", „I e s ch u r u n", „Israelit" „Jüdische Presse", „Israelitische Wochenschrift" und je ein Stück sämtlicher gangbarer Münzen des deutschen Reiches, zusammen 14 Stück, in den zur Einfügung in den Grundstein bestimmten kupferr u n. Seite 381. nen Behälter gelegt und der letztere verlötet, worauf die hierzu berufenen Herren Moritz Rohr, Dr. Feilchenfeld, Dr. Bloch, Justizrat Orgler, Stadtverordneten-Vvrsteher, Sam. Schönlank, Dr. Ludwig Friedländer, Rechtsanwalt Salz, Lauber, Mögelin und Architekt Kindler unter Verlautbarung sinnvoller Sprüche die üblichen Hammerschläge abgaben. — Die Schlnßweiherede hielt der Rabbiner der israelitischen Brüder-Gemeinde Herr Dr. Bloch. Derselbe hob die denkwürdige Thalsache hervor, daß genau vor 300 Jahren — im Jahre 1593 — gleichfalls der Grundstein zum Ban eines jüdischen Hospitals gelegt wurde, welches im Jahre 1803 abbrante, und führte ferner in vortrefflicher Weise ans, wie die von Herrn Moritz Rohr im Andenken an seine verewigten Eltern begründete Stiftung des Krankenhauses das Wort des Propheten Maleachi erfülle. Ein Gebet des Herrn Dr. Bloch für den Landesherrn sowie für das Gedeihen des Bailes schloß die wahrhaft erhebende Feier. * Der jüngst erschienene Jahresbericht des Israelitischen Waisenhauses in Stettin konstatiert, daß sich das Vermögen der Anstalt im letzten Verwaltungsjahr wieder um ca. 4000 Mk. vermehrt hat. Es beträgt jetzt Mk. 136,663 56 In der Anstalt befanden sich am Schlüsse des Jahres 10 Knaben, wovon jetzt einer die Anstalt verließ, um sich dem Lehrerstande zu widmen: außerdem wurden für 2 Kinder Erziehuugsbeiträge gezahlt. Die Einnahmen beliefen sich auf Mk, 9595.76; die Ausgaben dagegen auf Mk. 9643.01, so daß Mk. 47.25 dem Reservefond entnommen werden mußten; es kostet mithin ein Kind pro Jahr nach Abzug der Ausgaben für Handfertigkeits-Unterricht und der Erziehungsgelder 900 Mk. — Möge die segensreiche Anstalt auch fernerhin viele Freunde und Gönner finden! * Neuerdings hat in Dresden ein religiöser Streit die Gemüter erregt. Rabbiner Dr. Winter wollte einen Knaben, der unbeschnitten geblieben war, nicht einsegnen. In Berlin geschieht dies vielfach, der Rabbiner weiß gar nicht, ob die Kinder, die er einsegen soll, in den Bund Abrahams aufgenommeu sind. Die Angelegenheit kam vor den Vorstand. Dr. Winter wurde hart bedrängt, hielt aber allen Angriffen Stand. Schließlich stellte sich die Mehrheit des Gemeinderats auf Seite des Rabbiners. — Besser noch, als solche Konflikte zum Austrag zu bringen wäre es, wenn die betr. Eltern auf die Einsegnung verzichteten. Ein gebildeter Mensch kann doch von einem Rabbiner nicht den Segen der Religion erzwingen wollen, deren Grundgesetz er ostentativ verachtet. * Am 3. d. Mts. verschied nach nur sechstägiger Krankheit der seit 1875 in Pforzheim als Kantor und an der Realschule als Lehrer wirkende Herr Emil Bloch, im 59. Lebensjahre. Die Gemeinde verliert an dem Verstorbenen einen in jeder Beziehung hochachtbaren, mit großem Wissen begabten Lehrer und Kantor. Die große Beteiligung an seinem Leichenbegängnisse seitens aller Konfessionen war ein Beweis dafür. Sein vielseitiges Wissen, seine Verdienste als Lehrer, Kantor, rc. wurden von Rabb. Dr. S v n dheimer aus Heidelberg in ergreifenden Worten geschildert. Der Direktor der Realschule schilderte in beredten Worten seine guten Eigenschaften und seine eifrige Thütigkeit. Ehre seinem Andenken!