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Jeschurun · 1893-06-16 · 24 (16.6.1893) · p. Seite 380

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
1893
Issue
24 (16.6.1893)
Date
1893-06-16
Page
Seite 380 (sequence 10)
Language
German
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Saal zu erhalten. Kein einziger Wirt wollte dem Agitator eine Heimstätte für seine Hetzreden überlassen! Wie ein Lauffeuer hat sich die Kunde von den Kieler und Rendsburger Vorgängen in der ganzen Provinz verbreitet, und hat das energische Eingreifen des Herrn Dr. Stern in Kiel nicht nur bei Juden, sondern noch mehr bei Christen einstimmigen Beifall gefunden. * Ans dem Wahlkreis Friedeberg-Arnswalde wird der ,,Pos. Zig." gemeldet, daß die Konservativen bei der wahrscheinlichen Stichwahl zwischen Ahlwardt und dem Kandidaten der freisinnigen Vereinigung wohl wieder für Ahlwardt stimmen werden. (Das haben wir oft genug gesagt! „Jeschurun.") Der konservativerseits aufgestellte Landrat steht mit dem Widerspruch gegen diese Absicht so gut wie allein da. Bezeichnend für den politischen Bildungsstand der Ahlwardtschen Wähler ist die weitere Mitteilung, daß viele Bauern allen Ernstes glauben, daß im Falle der abermaligen Ablehnung der Militärvorlage Caprivi stürze und Ahlwardt sein Nachfolger werde. * Die medizinische Fakultät der ezechischen Universität in Prag gab ein Gutachten ab, daß die Dienstmagd, deren Leichenaufffndnng den bekannten Koliner Judenexzeß hervorrief, den Ertrinkungstod gesunden und keine Spur gewaltthütiger Einwirkung von fremder Hand zu konstatieren war, weshalb die Frage eines „Ritnalmordes" ad limine abgewiesen werden mußte. * Beim Wiener Landgericht haben der Rabbiner Jankiel Rabiuowiez aus Biala in Russisch-Polen als Schwiegersohn des von Paulus Meyer und Deckert als Mörder verleumdeten, 1873 verstorbenen Rabbiners Josua Leutschna — im Vereine mit seiner Gattin Rachel Rabinowiez, der Tochter des genannten Ostrower Rabbiners, ferner die derzeit noch lebenden Israel Frost, alias Parzewer, Moses Rozanka alias Moifche Beriches und Schmiel Tarler, welch' letzterer in dem Schreiben des Paulus Meyer an Pfarrer Deckert als Mörder eines Christenkindes verleumdet worden, durch den Hof- und Gerichtsadvokaten Dr. Josef Kopp die Klage überreichen lassen. * Auch die Polizeibehörde von Sadowa Wisznya (Österreich) hatte sich im Laufe des Mai mit einer Ritual- Mord-Affaire zu beschäftigen. Es verbreitete sich nämlich in diesem Städtchen das Gerücht, daß im nachbarlichen Dorfe die Leiche eines Mädchens von einem Hunde ausgegrabeu wurde, und dasselbe gewiß von den Juden zum bekannten Zwecke getötet worden ist. Der dortige Geistliche gab sich alle Mühe, daß die leichtgläubige Menge diesem Gerüchte Glauben schenken solle; der Polizei-Behörde ist es aber gelungen der Sache aus den Grund zu kommen. Im genannten Dorfe wohnt ein Bauer, der eine taubstumme Tochter hatte, und die Leiche dieser war es, die vom Hunde gefunden wurde, dieselbe ist aber nicht von den Juden, sondern „vom eigenen christlichen Vater" ermordet worden! * Neue Grausamkeiten gegen die Juden hat die russische Regierung in Odessa verübt. Wie die „Daily News" melden, ist die ganze jüdische Einwohnerschaft Odessas ausnahmslos und auf kurzfristige Benachrichtigung hin aus Lustdorf, Großliebenthal und Kleinliebenthal, drei ausgedehnten und volkreichen Vorstädten dieser Stadt, ausgewiesen worden. Wie es heißt, sollen ähnliche Maßregeln gegen die jüdischen Bewohner der Vorstädte sämtlicher anderer Zentren im Bezirk bevorstehen. * g. Der so oft genannte freigebige Herr Lazarus Brvdsky hat zur Unterstützung der aus dem Kaukasus und den Grenzstädten verlriebener Juden 100,000 Rubel gespendet. * g. Die Juden in Bulgarien haben bei der Hochzeit des Prinzregenten Ferdinand dem Herrscher eine Glückwunsch- und Ergebenheits-Adresse überreicht; dieselbe lag in einem reich mit kostbaren Edelsteinen verzierten Etui, das mehrere hunderttausend Francs gekostet hat. * 5 Baron Edmund de Rothschild hat auf seiner Vergnügungsreise im südöstlichen Europa auch Palästina besucht. Er besuchte inkognito die von ihm gegründeten landwirtschaftlichen Kolonien, um sich von dem Gedeihen derselben persönlich zu überzeugen. * k. In einen Briefe aus Bombay heißt es: Indien gehört zu den seltenen Ländern, wo die Toleranz nicht allein gelehrt und gepredigt, sondern auch geübt wird. Mohamedaner, Christen, Parsen, Hindus und Juden leb en im besten Einvernehmen und niemals bedient man sich des Wortes „Jude" in einer häßlichen Nebenbedeutung. Viele Israeliten sind ans Arabien, Persien und der Türkei nach Bombay verzogen, das durch seine glückliche Lage dem Handel und Verkehr große Vorteile gewährt, und sie leben im allgemeinen glücklich und zufrieden. Die treuen Soldaten der Beni-Jsrael haben in Afghanistan, in Persien in Abessinien stets mutig und tapfer ihre Schuldigkeit gethan und haben selbst in den unruhigsten Zeiten niemals aufgehört, zu der englischen Regierung zu stehen. Die Zahl der Juden hat in den letzten Jahren bedeutend zugenommen, 1874 zählte man unter einer Einwohnerzahl von 650,000 nur 2669, nach der Aufnahme von 1891 hingegen 5021 Juden. * Auf der kürzlich in Louisville (Amerika) abgehaltenen National - Konvention der republikanischen Partei brachte C. C. Shayne aus New Jork einen Antrag ein, der das Verhalten des Union Leagune Club (in Sachen Seligmann, cfr. Nr. 23. des „Jeschurun") mißbilligte. Die Resolution wurde angenommen, aber im Berichte „vergessen." — Ein rechter Iankee-Mann mag keinen Juden leiden, doch seine Stimme nimmt er gern. * Zu unserem Berichte in der vorigen Nr. wird der „V.-Z." geschrieben: „Moises-Vi-lle" ist keine Gründung der „Jewish Colonization Association". Diese Kolonie wurde schon 1890 vom Großgrundbesitzer Palacivs errichtet und ist ein kommerzielles Unternehmen. Baron Hirsch hegte schon seit langer Zeit den Wunsch, das Schicksal seiner Glaubensgenossen in Rußland zu verbessern. Er spendete 50000000 Franks zur Stiftung der „Jewish Colonization Association", welche in Argentinien große jüdische Kolonien anlegen sollte. Die erste Kolonie der „I. C. A." ist „Manricio". Im Jahre 1891 wurden dort 611 Familien mit ca. 2200 Seelen angesiedelt. Die erste Zeit waren sie in Zelten untergebracht, und erst als die Landmessungs- Arbeiten beendet waren, wurden sie auf die ihnen bestimmten Ländereien geführt. Hier wohnten sie in Gruppen von je acht Familien, jeder Familie wurde ein Haus aus Ziegelsteinen erbaut. Jede Familie erhielt ca. 50 Hektar Land, vier Ochsen, eine Kuh, ein Pferd und das für den Ackerbau erforderliche Zubehör. Der Boden in Manricio ist außerordentlich fruchtbar, über ein Meter Humus, und das Klima sehr günstig. Da unter den Kolonisten viele Handwerker waren, richtete sich alle Klein-Industrien ein: Schmiede, Schlosser, Tischler, Schneider, Schuster, Klempner rc., rc.

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