Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 1893
- Issue
- 24 (16.6.1893)
- Date
- 1893-06-16
- Page
- Seite 378 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 378. Nr. 24. ^Jeschurun. Herbarl, dessen Pädagogik, das „Interesse" an die erste Stelle setzt, der wie kein anderer das psychologische Wesen des Interesses erforscht hat, nimmt in der That das entgegengesetzte Verhältnis an. Er erwartet, daß von dem Inhalt der Lektüre sich das Interesse auch auf die Sprache Vokabeln, Grammatik re. fortpflanzen werde und incht umgekehrt. Er hat das Verhältnis, in welchem das Interesse sich den Dingen zuwendet, in unumstößlicher Weife festgestellt. Er sagt: alles, was uns entgegentritt, ist entweder Gegenstand, oder Bild, oder Zeichen. Diese Drei: Gegenstand, Bild und Zeichen, umfassen alles. Bild und Zeichen unterscheiden sich selbstverständlich dadurch, daß das Bild eine Ähnlichkeit mit dem Gegenstände, den es darstellt, hat, während das Zeichen ohne jede Ähnlichkeit daran erinnert. Ein in der Ferne weilender Freund schickt uns seine Photographie, oder beispielsweise eine Busennadel. So oft wir ersteres oder letztere sehen, erinnern wir uns seiner; aber während ersteres sein Bild ist, ist letztere nur ein Zeichen. Das stärkste Interesse haftet nun, so führt Herbart aus, ohne Zweifel an den Gegenständen selber, leien es Personen oder leblose Dinge; an dem Bilde ist das Interesse schon ein sekundäres, nur insofern es einen Gegenstand darstellt. Noch schwächer ist das Interesse für Zeichen, da ihre Beziehung zu den Gegenständen nicht in ihnen selbst gegeben ist. Dies als unbestreitbar vorausgesetzt, fragen wir nun: zu welcher Klasse gehören die Spra hen? Die Antwort kann nicht zweifelhaft fein: selbstverständlich zu den Zeichen. Die Worte haben mit den Vorstellungen oder Gegenständen, die sie bezeichnen, nicht das Geringste gemein. Welche Ähnlichkeit hätte das Wort „Haus," oder das hebräische „bajith", mit einem wirklichen Hause? Nicht die geringste. Es ist nur ein Zeichen. Wenn wir nun mit Herrn Dreyfuß von der hebräischen Sprache, oder sogar von der Sprachlehre, ein Interesse für das in der Sprache Niedergelegte, für die Religion erwarteten, so setzte das voraus, daß das Zeichen interessanter sei, als das Gezeichnete, was aber aller Erfahrung der Psychologie widerspricht. Nichtsdestoweniger hat Herr D., wie er sagt, die Erfahrung gemacht, daß durch grammatikalische Zergliederung das Interesse in der Klasse gehoben wurde. Diese Thatfache bezweifle ich keinerweges, aber sie wird eben anders erklärt werden müssen. Und die Erklärung liegt, wenn ich nicht irre, gar nicht fern. — (Fortsetzung folgt. Israelitische Lehrer - Konferenz für Rheinland und Westfalen. Als Versammlungsort für die am 23. und 24. Mai d. I. stattgehabte Konferenz war Gelsenkirchen gewählt worden. Wie der schöne Verlauf derselben bewies, ist diese Wahl eine überaus glückliche gewesen. Der Vorsitzende des Vereins, Herr Blumenfeld-Essen, eröfsnete die Sitzung mit Gebet und herzlichen Worten der Begrüßung. Als Vertreter der Synagvgengemeinde Gelsenkirchen erhielt das Wort der erste Vorsteher, Herr H. Spiegel. Derselbe begrüßte die Versammlung und übermittelte den von der Gemeindevertretung bewilligten Betrag von 150 Mark der Unterstützungskasse. Auch der Vorsitzende des Schulvorstandes, Herr N. Wolfs, hieß die Versammlung bestens willkommen. Die inzwischen fertig gestellte Präsenzliste weist die Anzahl von 62 Konferenzbesuchern auf. Nachdem die Herren Dublon-Dülmen und Steinweg- Dortmund als Schriftführer gewählt worden, erstattete Herr Blumenfeld den Bericht über den Stand der Kasse. Der Deutsch-Israelitische Gemeinde-Bund hat auch in diesem Jahre 180 Mark als Reiseunterstützung für die Konferenz-Teilnehmer überwiesen. Der Ehrenprüses unseres Vereins, Herr Blumenau, drückt schriftlich sein Bedauern aus, infolge einer Erkrankung den Verhandlungen nicht beiwohnen zu können. Die Verlagshandlung W. Jaeobsohn in Breslau hat der Konferenz mehrere in ihrem Verlage erschienenen Schriften zugestellt. Unter diesen Schriften hebt der Vorsitzende ganz besonders die „Geschichte der Juden re.", bearbeitet von Dr. Brann, hervor. Er bespricht ihre Vorzüge und empfiehlt sie nicht nur für die höhere Schule, sondern auch für das Haus. Herr A. Levin hat eine größere Anzahl von Prvbenummern seiner Wochenschrift „Jeschurun" übersandt. Der Vorsitzende verteilt dieselben mit einigen empfehlenden Worten. — Hierauf erhält Her: Rosendusch-M. Gladbach das Wort zum Vortrage: „Die Pflege der Ethik in Schule und Synagoge". Da das Referat demnächst im Druck erscheinen wird, enthalten wir uns eines näheren Eingehens auf dasselbe, doch müssen wir kurz bemerken, daß die Arbeit von großem Fleiße und tiefem Sachverständnis zeugte und von der Versammlung beifällig ausgenommen wurde. Nach halbstündiger Pause wurde die Versammlung wieder eröffnet, und verlas der Vorsitzende ein inzwischen eingegangenes Schreiben des Bürgermeisters der Stadt Gelfenkirchen, des Herrn Vattmann, worin dieser sein Bedauern ausdrückt, den Verhandlungen wegen Krankheit nicht beiwohnen zu können. Hierauf wurde als Ort der nächstjährigen Konferenz Köln bestimmt und sollen folgende Vorträge die Tagesordnung bilden: 1. „Die rechtliche Stellung des jüdischen Lehrers innerhalb seiner Gemeinde". ReferentBrisch-Mühlheim a.RH. 2. „Das Gebetbuch als Religionsbuch". Referent Löb-Köln. Gegen 6 Uhr wurden die Verhandlungen des ersten Tages geschlossen. Abends trat die Fidelitas in ihre Rechte. Ein Festessen, das durch die trefflichen Vorträge des Gelsenkirchener Synagogenchores gewürzt wurde, vereinigte sämtliche Konferenzbesucher und die Mitglieder der Gemeinde, Herren und Damen. Rühmenswerte Erwähnung verdienen die Ausführung des schwierigen 42. Psalmes von Mendelssohn und die Soli des Frl. Wolfs. Die Verhandlungen des zweiten Tages begannen morgens 9 Uhr. Herr Gold schmidt- Köln referierte über „Handwerk und Ackerbau unter den Juden". Der sehr interessante und beifällig aufgenommene Vortrag gipfelte in nachstehenden Thesen: 1. Die Juden, ursprünglich ein sich ausschließlich mit Ackerbau und Viehzucht beschäftigendes Volk, bildeten später, wie die übrigen Völker bei sich die Handwerke aus. Der Arbeiter stand bei ihnen stets in hoher Achtung. 2. Auch seit ihrer Vertreibung stellen sie in den Ländern, in denen sie freie Berufswahl hatten und haben, einen mindestens ihrer Seelenzahl entsprechenden Anteil zn den Arbeitern aller Art.