Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 1893
- Issue
- 24 (16.6.1893)
- Date
- 1893-06-16
- Page
- Seite 377 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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/ / -• Nr. 24. | e f rij tum gar keine Sorge zu machen braucht. Dort ist das Vorhandensein des religiösen Interesses die Regel und der religiöse Jndifferentismus die Ausnahme, wie das in der „guten alten Zeit" allgemein war. — Die Sorge um das religiöse Interesse, um das rege Interesse für das Judentum fängt erst da an, wo die Religion aufgehört hat, eine das Leben beherrschende Macht zu sein, also entweder da, wo das Haus mit dem religiösen Leben ganz gebrochen hat, oder^auch da schon, wo man im Hause zwar noch in der Hauptsache sich nach den Vorschriften der Religion äußerlich richtet, aber ohne einen absoluten Wert auf das religiöse Leben zu legen, dies macht sich dann in erster Linie in der Erziehung der Kinder bemerkbar: den Kindern läßt man vieles hingehen, was man sich selbst nicht erlauben würde, z. B. frühstücken ohne zu beten, wenn dieselben zu spät aufgestanden sind und die Schulstunde schlügt; am Sabbat in der Schule schreiben, oder mit andern Worten, fast alles, sobald es mit der Schule und später mit dem Geschäft in Kollision gerät. Es gehört wahrlich nicht der scharfe Spürsinn des Kindes dazu, um herauszufühlen, daß unter solchen Umständen dem religiösen Leben der Eltern nicht mehr ein wahres, tiefes, religiöses Interesse zu gründe liegt, und die natürliche Folge davon ist dann-unsere moderne Sorge um Erhaltung, oder^vielmehr Erzeugung des religiösen Interesses bei den Kindern. Da vom Hause diese Leistung nicht in betracht zu ziehen ist — sonst wäre ja diese Sorge gar nicht vorhanden — so fällt diese ganze Sorge in unserer Zeit ausschließlich der Schule zu. Die Frage ist also präzis so zu stellen: Ist die israel. Religionsschule ohne jede Beihilfe des Hauses, im stände das im Leben erlöschende religiöse Interesse durch ihre bloße Unterrichts- Thätigkeit im Herzen ihrer Zöglinge zu erzeugen? Die Schule muß also bei der theoretischen Beantwortung dieser Frage, wie Herr Lehrer Dreyfuß die« mit Recht gethan hat, sich ganz auf die eigenen Füße stellen, und nicht das „Haus" als Mitarbeiter in betracht ziehen. In der Praxis wird ja jeder Lehrer sich mit dem Hause ins Einvernehmen zu setzen suchen, schon darum, weil ja nicht bloß die Schule, sondern auch die Gemeinde sein Wirkungskreis ist. Hier aber haben wir es mit der rein theoretischen Frage zu thun: ob die Schule als bloße Schule, das religiöse Interesse zu erzeugen und dauernd zu begründen vermag, und durch welche Mittel? — Um den rein theoretischen Charakter dieser Frage streng zu wahren, müssen wir noch eine Bemerkung machen, wodurch in die Frage noch eine neue Beschränkung der Bedingungen hineinkommt. Eine Folge des religiösen Jndifferentismus ist es, daß die der Religionsschule zur Verfügung stehende Zeit eine außerordentlich beschränkte ist. Für den hebräischen Unterricht bleiben nur in den günstigsten Füllen 3—4 Stunden für jedes Kind zur Verfügung. Wollte man diese Zeit überschreiten, so würden die Eltern ein Veto einlegen, sie würden eine Überbürdung der Kinder, d. h. ein Zurückbleiben in der bürgerlichen Schule oinr im Gymnasium befürchten, das Schreckgespenst des „Nichtversetztwerdens" würde seinen schaurigen Flügelschlag vernehmen lassen. Vor allem muß das Kind in der Elementar-, Bürger-, oder höheren Schule vorwärts kommen," das ist ein Axiom bei den Eltern, wie etwa: „Erst das Geschäft und dann r u n. Seite 377. das Vergnügen." Das ist eine Thatsache, mit der man durchaus rechnen muß, die sich, wie nun einmal die Verhältnisse liegen, nicht beseitigen läßt. Man kann also im Kampfe der Schule gegen die religiöse Gleichgültigkeit, nicht im Entferntesten an eine Vermehrung der Unterrichtsstunden in der Religionsschule denken: das hieße eine Flamme mit Öl löschen wollen. Die Schule spräche dann nicht mehr blos zum Hause: „Wer nicht für mich ist, ist gegen mich", sondern das Haus würde dann der Schule positive Opposition machen. Unsre Frage muß also noch die Zeitbestimmung anfnehmen und so formnliert werden: „Ist unsre Religionsschule, innerhalb d e r b e s ch r ä n k t e n, ihr zur Gebote st eh enden Zeit, durch den bloßen Unterricht, unabhängig vom Hause, im stände, im Kampfe gegen den religiösen Jndifferentismus unserer Zeit den Sieg zu erringen? Und wenn dies bejaht wird: durch welche Waffen? Herr Lehrer Dreysnß ist nun der Ansicht — und ich will gleich erklären, daß ich darin seinen Optimismus teile — daß die Schule wohl diesen Sieg erringen könne, und als Waffen in diesem Kampfe schlügt er e i n e gründliche B e h a n d l u n g des hebräischen Sprachunterrichts vor. Die Idee des Herrn Dreyfuß verdient ohne Zweifel, wie überhaupt jedes Mittel gegen den religiösen Jndifferentismus, in ernste Erwägung gezogen zu werden. Herr Dreyfuß hat nun gewiß nicht sagen wollen, daß die hebräische Grammatik eine besondere magische Kraft, das Interesse zu erwecken, besitze, mehr als die Grammatik irgend einer andern Sprache. Vielmehr soll sicherlich das, was Herr Dreyfuß von der hebräischen Grammatik behauptet von jeder Grammatk gelten. Die Erfahrungen, die man im Sprachunterricht, sowohl bei der Muttersprache als bei fremden Sprachen macht, sind aber nicht geeignet, die Ansicht des Herrn Dreyfuß zu unterstützen. Ein Lesestück ist den Kindern immer lieber, als das Einprägen grammatischer Regeln. Das Gymnasium verwendet gewiß die meiste Zeit und Mühe ans lateinische und griechische Grammatik, aber wie selten kommt es vor, daß Gymnasiasten eine aufrichtige Freude - am Sprachunterricht haben! Ein selbstthätiges Interesse, das nicht stille steht, das sich in freier Neigung mit Latein und Griechisch beschäftigt, ist eine freudige Erfahrung, die dem Lehrer nur äußerst selten vergönnt ist. Warum sollte es also beim Hebräischen anders sein? Aber selbst in den Fällen, wo ein Schüler ein reges Interesse für irgend eine Sprache hat, da wäre es doch seltsam, wenn das Verhältnis nicht das umgekehrte wäre, als wie Herr Dreyfuß es annimmt, wenn die Lektüre nicht das Hauptinteresse besäße, von der sich erst ein Nebeninteresse für die Grammatik abzweigte, während Herr D. der Grammatik das Hauptinteresse znschreibt, von dem uns auch ein Nebeninteresse für das Judentum überhaupt absallen soll. Ich hoffe, der Leser empfängt nicht den Eindruck, daß ich die Absicht habe, die von Herrn D. angeregte Idee zu zerpflücken, sondern im Gegenteil: das ihr zu Grunde liegende Wahre und Gute heranszusuchen und sestzuhalten. Also die anderweitigen Erfahrungen sprechen nicht dafür, daß die Grammatik so sehr interessant sei, um noch die Lektüre und deren Gegenstand interessant zu machen.