Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 1893
- Issue
- 24 (16.6.1893)
- Date
- 1893-06-16
- Page
- Seite 376 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 24. Seite 376. I e sch u ru n. Und als er sich nach der Ursache erknndigte, erfuhr er, daß ein Oberst Plötzlich krank wurde und Feuer anzünden ließ. „Siehst Du," rief ihm R. Josua zu, „Dein Gebot konnte nicht einmal drei Tage gehalten werden, trotzdem Du noch am Leben bist, während das Gesetz Moses, das schon tausend Jahre alt ist, heilte noch beobachtet wird. (Midrasch rabba Ruth.) Ein anderes mal konnte Hadrian nicht umhin, seiner Verwunderung darüber Ausdruck zu verleihen, daß Israel, dieses kleinste aller Völker, trotz der grausamen Verfolgungen und Bedrückungen, deren es stets preisgegeben war, heute noch besteht: „Groß ist das Lamm, das unter siebenzig Wölfen besteht," rief er verwundert aus! R. Jvsna aber entgegnete ihm: „Nicht das Lamm ist groß, sondern Gott, der es schützt. (Midr. rabba Ester.) R. Josua zeichnete sich nicht bloß durch Bescheidenheit, Demut und Sanftmut, sondern auch durch unvergleichliche Herzensgüte Charakterfestigkeit, Seelenadel und Biedersinn aus. Er hatte tiefes Mitgefühl für jedes Leid und Weh, was ans folgender Erzählung entnommen werden kann: Als er einst nach Rom kam, erfuhr er, daß ein schöner israelitischer Knabe, namens Jsmael b. Eli'cha, daselbst gefangen sei. Er suchte den Knaben auf und rief dabei die Worte des Propheten (Jesaias 42. 24.) ans: „O! wer hat Israel seinen Peinigern und Jakob seinen Plünderern preisgegeben? Und der Knabe antwortete mit den Worten desselben Propheten: „Gott ist es, gegen den wir gesündigt haben, und in dessen Wegen wir nicht wandeln wollten. R. Josua gab sich dann alle Mühe, den geistreichen Knaben loszukaufen, und der Knabe wurde später ein berühmter Lehrer in Israel. (Rabb Echa 78.) R. Josua war sein Leben lang ein erbitterter Feind der Renegaten, 'mit denen er so manch' harten Strauß zu besteben hatte. Daß er ihnen stets gewachsen war und ihrem Übermute Schranken zu setzen gewußt, beweist der Umstand, daß seine Kollegen, als er auf dem Sterbebette lag, tief besorgt ausriefen- „Wer wird für uns jetzt mit den Ungläubigen kämpfen?" (Chag. 5.) Als einst sein eigener Neffe, der nachmals berühmte Chananja, durch den Umgang mit den Minäern ans Abwege geriet und sogar den Sabbat verletzt hatte, setzte er alle Hebel in Bewegung, um den Verirrten aus den Schlingen dieser Verführer zu befreien. Nachdem ihm dieses gelungen war, fühlte er sich überglücklich und schickte den Neffen nach Babylonien, damit er nicht in Palästina den Verlockungen und Verführungen der Minäer preisgegeben sei. lKohel. rabb. 1. 16.) Seine Wahlsprüche lauteten: „Neid, Leidenschaftlichkeit und Gehässigkeit führen den Menschen seinem Untergange entgegen. (Abot 2. 11.) Ein mürrischer Chassid, ein schlauer Bösewicht („Rascha arum"), eine Frau, die sich als Pharisäerin gebärdet (ischa peruscha) und die gefälschten Pharisäer sind die Weltverderber. (Sota 20.) In der Ausübung der Wohlthätigkeit, sagte er, müsse der Mensch unermüdlich sein. Selbst im hohen Greisenalter darf der Mensch es nicht unterlassen, N ohlthaten auszuüben, denn es heißt: (Kohel. 3.) „Am Morgen streue Deine Saat ans, und am Abend lasse Deine Hand nicht sinken." (Midrasch rabb« 1. M. Abschr. 61.) Mehr leistet der Arme dem Spender, als der Almosengeber dem Armen, (ibid 3. M. Abschn. 34.) Einst kam R. Josua an einem heißen Sommertage, als er im Begriffe war, armen Leidenden Labung zu überbringen, in ein entlegenes Dorf, wo er bei einem Brunnen, von der glühenden Hitze ermattet, ansruhte. Da kam ein Mädchen zum Brunnen, um Wasser zu schöpfen. Reiche mir Deinen Krug, rief ihr der fromme Rabbi zu, und lasse mich ein bischen Wasser schlürfen, denn ich bedarf sehr des Labetrunkes. O trinke nur mein Herr, entgegnete ihm das Mädchen, trinke und erquicke Deine ermatteten Glieder, und wenn Du Dich hinreichend gelabt haben wirst, will ich auch für Deine ermüdeten Tiere schöpfen. Nachdem er genug getrunken hatte, dankte er dem Mädchen und sagte: Du hast Dich wie die fromme Patriarchin Rebekka gezeigt. Das Mädchen aber entgegnete ihm witzig: Ich habe wohl wie Rebekka gehandelt, Du aber nicht wie Elieser, welcher der Rebekka schöne Geschenke übergeben. Du brauchst, erwiderte ihr der Rabbi, weder Goldnoch Silbergeschmeide, denn Du besitzest einen kostbaren Schatz, den alle irdischen und zeitlichen Güter nicht aufznwiegen vermögen. Du bist reich an Geist, Güte, Sanftmut und Frömmigkeit, und ich wünsche, daß Du auch fürder durch den göttlichen Beistand an solchen unverwüstlichen Reichtümern znnehmen mögest. Hochentzückt ob dieser Worte verneigte sich das Mädchen und der Fromme setzte seine Reise fort. (Meg. Echa.) (Ein fünftes Kapitel folgt.) Katheder und Kan;et. Die leitenden Gesichtspunkte zu einer „Unterstufe des Gebete-Übersetzens", von Dr. I. Goldschmidt. 1. Herr Lehrer Dreyfuß hat in Nr. 19 dieses Blattes mit Recht darauf hingewiesen, daß in der jüdischen Religivnsschule die Erweckung des Interesses für das Judentum als das Hauptziel betrachtet werden müsse. Er sagt sehr richtig: „Wo das Interesse vorhanden ist, da ist ein thätiges, rastloses und freudiges Weiterstreben, aber kein Erkalten und kein Gleichgültigwerden." Aber wie, durch welche Mittel ist das Interesse zu erwecken? das ist die Hauptfrage, die Frage der Fragen. Das heißt: durch welche Mittel ist die R e l i g i o n s s ch u l e im stände das erloschene, oder erlöschende religiöse Interesse im Judentum anzufachen, die Religio nsschnle ohne Beihilfe des Hauses. Wenn wir die Beihilfe des Hauses Hütten, wie in der alten Zeit; wenn nicht im Hanse das religiöse Leben entschwunden wäre; wenn die Kinder, nicht nur vom Vater, von der Mutter, angehalten würden, die vvrgeschriebenen Gebete zu verrichten, sondern auch bei den Eltern ein lebhaftes religiöses Interesse durch gewissenhaftes religiöses Leben vor Augen sähen: dann wäre die Aufgabe der Schule leicht gelöst; dann würde sich durch den Untermcht in der Schule und das Beispiel im Hanse das religiöse Interesse von selbst einstellen und man hätte nicht nötig besondere Veranstaltungen zur Erreichung dieses, Zieles zu treffen. Thatsächlich hört man auch keine Klage über Mangel an „religiösem Interesse" in den Kreisen, wo die Religion noch wahrhaft das Leben beherrscht, wie z. B. in der „Adaß Jeschurnn" in Frankfurt a. M. Ich will damit gar kein Urteil über diese Gemeinde aussprechen, sondern nur die Thatsache konstatieren, daß man in einer solchen Gemeinde sich wegen Erweckung des Interesses für das Juden-