Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 1893
- Issue
- 24 (16.6.1893)
- Date
- 1893-06-16
- Page
- Seite 375 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 24, Serie 375. I e sch Wissenschaft und Meratur. Die hervorragendsten Apologeten in der talmndischen Zeit. Von Dr. M. H. Friedländer. VI. R. Josua b. Chananja. Ungefähr 26 Jahre vor der Zerstörung Jerusalems hatte R. Josua b. Chananja, von dessen Mutter unsere Weisen sagten: „Heil der, die ihn geboren!" (Abot 2.), das Licht der Welt erblickt. Dem levitischen Stamme angehörend, hat er in seiner frühesten Jugend nicht nur den Glanz des Tempe s wie dessen feierlichen, aller Welt imponierenden Gottesdienst mitangesehen, sondern auch die Psalmen im Chore mitgesungen (Erech. >1. b). R. Josua, von dessen Bescheidenheit und Großmut wir schon im vorigen Kapitel zu sprechen Gelegenheit hatten, war der Ansicht, daß die Beschäftigung mit dem Studium durchaus nicht die Erwerbsthätigkeit ausschließen darf. Er selbst war ein Gewerbsmann, nämlich ein Schmied, und lehrte: „Wer des Morgens und des Abends je zwei Halachas studiert, die übrige Zeit aber für sein Gewerbe verwendet, hat der Pflicht, täglich das Gesetz zu studieren, entsprochen. (Mechilta Beschäl. 32.) Dieser fromme, bescheidene, zartfühlende Lehrer hatte es sich zur Lebensaufgabe gemacht, seinem Volke das Gesetz so viel als möglich zu erleichtern. Während viele Pharisäer nach der Zerstörung des Tempels sich des Genusses von Fleisch und Wein enthalten zu müssen glaubten, weil sowohl das Fleisch als der Wein beim Altar gebracht wurden, sprach sich R. Josua gegen diese überspannte Frömmigkeit entschieden ans, indem er ihnen ironisch zurief: Auf diese Weise müßten wir auch auf den Genuß des Brotes und des Wassers verzichten, da auch diese auf den Altar gebracht wurden. Es dürfen überhaupt, meinte R. Josua, keine unerträglichen Erschwerungen der Gemeinde auferlegt werden. (B. Batra, 60.) Sein Ausspruch, daß selbst die Edlen mtb Frommen unter den Heiden des künftigen Lebens teilhaftig werden (Syahedrin 105.a), zeugt von seiner Toleranz und Freisinnigkeit. Als einst Hadrian sein bereits gegebenes Versprechen betreffs der . Wiederherstellung des Tempels nicht halten zu wollen Miene machte, war die Volksmasse höchst erbittert über ihn und viele bewaffneten sich, um einen Aufstand in Szene zu setzen. Nichtsdestoweniger gab es viele nüchterne, fnedlich gesinnte Menschen im Volke, welche das Gefährliche eines Aufstandes erkannten und die Tragweite desselben zu ermessen wußten. An der Spitze dieser gemäßigten Partei stand R. Josua. Er beschwichtigte die aufgeregte Menge, indem er derselben eine Fabel vortrug, die ihr das Thörichte ihres Vorhabens veranschaulichte: Einst blieb einem Löwen, als er seine Beute verzehrt hatte, ein Knochen im Rachen stecken. Der Löwe befand sich in einer fürchterlichen Situation und versprach daher, denjenigen, der ihn aus feiner höchst verzweifelten Lage befreien werde, reichlich zu belohnen. Ein Kranich mit einem großen Schnabel fand sich zu diesem Behufe ein, dem es auch in der That gelang, die Operation glücklich zu vollziehen. Als er dann seine gerechte Forderung an den Löwen machte, sprach jener spöttisch: Seifroh, daß Du Deinen Kopf aus des Löwen Rachen unverletzt r u n. ^tzgezogen, was verlangst Du noch mehr? — Dieselbe Bewandtnis hat es mit uns, sagte R. Joina. Wir sollten ebenfalls froh sein, aus des Römers Hand unverletzt gekommen zu sein, wozu ihn noch durch die an ihn zu stellende Forderung reizen? (Genesis Rabba) Heiden gegenüber, die in den Verband des Judentums ausgenommen zu werden wünschten, war er so sanft, milde und freundlich wie Hillel es bei solchen Anlässen gewesen. Einst kam eine heidnische Frau zu R. Elieser b. Hirkanvs und wünschte vo? ihm in die jüdische Geme'nde ausgenommen zn werden. Du scheinst also Deine Sünden zu be'euen, rief der Rabbi ihr zu, nun gut, sage mir einmal, inwiefern Du Dich versündigt hast? — Ich bin die Mutter eines Kindes, dessen Vater mein ältester Sohn ist, war ihre Antwort. Mit Indignation und Entrüstung stieß der Fromme sie barsch von sich. Sie ging zu R. Josua u' d stellte an ihr dasselbe Ansuchen. Dieser aber nahm sie freundlich auf. Als seine Schüler nicht umhin konnten, ihre Verwunderung hierüber auszudrückeu, entgegnete er ihnen: Von mir aus wird diese Frau, nachdem sie sich bekehrt hat, als neugeboren betrachtet. (Rabba Kohel. 10) Auch dem Proselyten Akilas gegenüber, der ein geborener Heide gewesen, später sich aber den Heidenchristen angeschlossen hatte und zuletzt gar Jude geworden ist — benahm R. Elieser sich nicht sehr huldvoll, während er, Akilas nämlich, von R. Josua auf das freundlichste und wohlwollendste empfangen wurde. Infolge seiner Klugheit, seiner weltmännischen Bildung und seines geistreichen Witzes erwarb sich R. Josua nicht nur die Liebe seiner Glaubensgenossen, sondern auch die Achtung und Verehrung Andersgläubiger und besonders die Gewogenheit des Kaiserhauses. R. Josua war ebenso häßlich als geistreich. Eines Tages bemerkte die Tochter des Kaisers: „Welch' ein unansehnliches Gefäß für so viel Weisheit!" — „Wo bewahrt Ihr denn den Wein?" fragte der fromme Rabbi. — „In gewöhnlichen Gefäßen von Thon, wie Lausend andere es thun," war die Antwort. — „Aber für Euch am königlichen Hofe," erwiderte R. Josua, „sollte der Wein in silbernen und goldenen Gefäßen aufbewahrt werden." — „Du scheinst nicht ganz unrecht zu haben, lieber Rabbi, entgegnete die Prinzessin, und sofort erteilte sie den Befehl, daß der Wein in silberne und goldene Gefäße gefüllt werde. Allein nach kurzer Zeit wurde der Wein sauer. Der Fücü, hierüber entrüstet, erkundigte sich bei seiner Tochter nach dem Ratgeber, und als er erfuhr, daß R. Josua es gewesen sei, ließ er ihn vorladen und fragte ihn, was ihn denn eigentlich veranlaßt habe, der Prinzessin einen solchen Rat zu erteilen? „Herr," antwortete R. Josua, „Deine Tochter glaubte mich meiner Häßlichkeit wegen geringschätzig behandeln zu dürfen, so versuchte ich es ihr begreiflich zu machen, daß man auf falscher Fährte sei, wenn man auf äußere Schönheit einen allzugroßen Wert legt, da der beste Wein in einem silbernen oder goldenen Gefäße ungenießbar wird, während er in unansehnlichen Gefäßen geschmackvoll bleibt." (Taanit 7 a.) Einmal redete ihn Kaiser Hadrian in folgender Weise an: „Ich bin weit größer als Euer Lehrer Muses, denn es steht ja geschrieben: „Besser ein lebendiger Hund, als ein toter Löwe". (Kohel. 9. 4.) R. Josua entgegnete ihm: „Wärest Du im stände, es durchzusetzen, daß niemand drei Tage Feuer anzünde?" — „Warum denn nicht," antwortete Hadrian und erließ sofort darüber ein Verbot. Allein noch am selben Abend sah er Rauch aus seinem Hause aufsteigen.