Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 1893
- Issue
- 24 (16.6.1893)
- Date
- 1893-06-16
- Page
- Seite 373 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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-sh | t f dj u r u n. Seite 373. Nr. 24. Lehre des Judentums, noch in dem intellektuellen, moralischen und sozialen Leben der Juden irgend etwas zu finden sei, was dieselben im Vergleich zu andern Menschen irgendwie minderwertig erscheinen ließen, daß im Gegenteil die Juden ihren christlichen Mitbürgern in vieler Beziehung zum Muster dienen könnten und das Wohl des Staates, in welchem sie lebten, hervorragend förderten, wendet er sich den sogenannten jüdischen Stammeseigentümlichkeiten zu, welche die gesellschaftliche Aversion gegen die Juden vielleicht in irgend einer Beziehung rechtfertigen könnten und weist im einzelnen nach, wie diese Eigentümlichkeiten, welche durch äußere Einflüsse hervorgerufen sind und durch ansgleichende Gerechtigkeit wieder verschwinden werden, oft lange nicht so abstoßend und störend wirken, wie die zahlreichen dialektischen und gesellschaftlichen Besonderheiten, welchen man in vielen deutschen Städten und Gegenden resp. Ständen und Berussklassen begegnet. Aber selbst natürliche menschliche Schwächen würden keinem so schwer verziehen wie dem Juden. Wenn deshalb noch viele gebildete Deutsche, welche die Ziele und Ausschreitungen des Antisemitismus weit von sich weisen, dennoch indirekt eine gewisse Berechtigung dieser unseligen Bewegung zugestehen, so kann dieses, nachdem die völlige Gleichwertigkeit der Juden mit den christlichen Mitbürgern aufs klarste dargethan worden, an den Juden selbst nicht liegen, sondern nach der Überzeugung des Verfassers, welche auch wir durchaus teilen, lediglich daran, daß auch die Gebildeten — abgesehen von einzelnen Ausnahmen, welche die Regel nur bestätigen — noch immer, bewußt oder unbewußt unter dem Einflüsse der seit Jahrtausenden herabgeerbten und förmlich herangezüchteten Vorurteile gegen die Juden stehen. Diese eingewurzelten Vorurteile, welche daran gewöhnt haben, in dem Inden eigentlich den fremden Eindringling zu erblicken, welcher, aus Palästina stammend, kein gleiches Anrecht am Vaterlande haben könnte, welcher eigensinnig^) an seiner besonderen Religion festhält, welcher doch mauchem den Platz und das Brot fortnähme: diese Vorurteile sind naturgemäß schließlich die Brutstätten von Neid und Mißgunst besonders für denjenigen, der im Wettlaufe des Lebens sich von vielen überflügelt steht, und für einen solchen Kryptoantisemiten bedarf es nur des geringsten Anstoßes, um völlig in das antisemitische Lager überzugehen und allen Groll, der sich in ihm gegen die Begabteren und vom Glücke Begünstigteren ausgesammelt hat, über die Juden auszugießen, welche ja eigentlich gar kein Recht hätten, mit ihm zu konkurrieren. Auf solche Weise wird der Jude zum Prügelknaben für alle Widerwärtigkeiten des Lebens, die wahren Ursachen der Mißstände werden verdunkelt, die erfolgreiche Bekämpfung derselben fast unmöglich gemacht, Moral und Gerechtigkeit abgeschwächt und so schließlich ein bedauerliches Kulturdefizit h"rbeigeführt, wie wir es am Eude dieses Jahrhunderts erleben. Als rechter, echter Arzt giebt nun der Verfasser, nachdem er die Ursachen und Folgen des Kryptoantisemitismus (Vorurteile — Kulturdefizit) erkannt, zugleich auch, und zwar gemäß dem ärztlichen Grundsatz: 7.cessante causa cessat effectus“, das Mittel an, diese Krankheit zu heilen. Es ist ein Leiden, zu dessen Beseitigung vor allem die starke Willenskraft des Erkrankten selbst beizutragen hat. Hinweisend deshalb ans die großen Gefahren, welche im Antisemitismus nicht bloß die Juden, sondern durch Aufstachelung der niedrigsten Leidenschaften die ganze besitzende Klasse, durch Verletzung des Gerechtigkeitsprinzips jede Minorität bedrohen, tritt Verfasser an die Gebildeten mit der dringenden Mahnung heran, eine gründliche Umwandlung ihrer Anschauungen und Beseitigung der eingewurzelten Vorurteile gegen die Juden dadurch herbeizuführen, daß sie sich zu der völligen, unbedingten Erkenntnis emporarbeiten und diese immerfort sich vor Augen halten: „Daß die Juden vollkommen gleichberechtigte und ebenbürtige Staats- und Gesellschaftsgeuvssen der übrigen deutschen Bürger sind." Wenn daun solche Anschauungen im Schoße der Familie gehegt und in der Heranwachsenden Jugend nebst dem Geiste der allgemeinen Menschenliebe und der Achtung vor den heiligen natürlichen Rechten aller Menschen großgezogen werden, daun wird die Kultur- und Bildungselite unsres deutschen Volkes nicht mehr ein Raub der gewissenlosen Umtriebe antisemitischer Agitatoren werden; dann wird auch in den Schulen, auf den Universitäten und Kanzeln und schließlich bei der Regierung selbst die Überzeugung von der völligen Gleichberechtigung der deutschen Bürger jüdischer Konfession und von der Notwendigkeit der strikten Durchführung dieser Gleichberechtigung allmählich zum Durchbruch kommen. Der Blick für die wahren Urheber der Zeitübel wird geschärft, die Beseitigung derselben gestärkt und das moralische Gefühl im Herzen der Besseren geklärt und gehoben — kurz: das Kulturdefizit am Ende des I9ten Jahrhunderts ausgeglichen werden. Der Verfasser schließt mit dem innigen Wunsche und der zuversichtlichen Hoffnung, daß unser deutsches Vaterland dieses Ziel nach glücklich überstandener Krisis erreichen werde. Das besprochene Werk verdient durch seine logische Schärfe und klare Beweisführung, sowie durch seine praktischen Ziele und Ratschläge in Dingen, welche den Fortschritt der Kultur und den Lebensnerv des Judentums berühren, den weitesten Leserkreis. Unter den Juoen selbst, weil wir daraus ein freieres Selbstbewußtsein und eine glücklichere Selbstkritik schöpfen können, als solche bei manchen uii)rer altgläubigen und modernen Glaubensgenossen infolge oes ahrtausendelangen Druckes und — der fortwährenden Nörgeleien seitens unsrer heutigen liebenswürdigen, generalisierenden Antisemiten, anzutreffen sind. .Dann aber wird es vor allem eine dankbare Aufgabe jott Vereinen, wie z. B. des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus und des „Zentralvereins deutscher Staatsbürger irdischen Glaubens" sein, dieses Buch an die rechte Adresse zu befördern, d. h. es den weiten Schichten der gebildeten Christen in unserm Vaterlande zugänglich zu machen. Der Zionismus und sein Programm. Von Robert Lemberger. Wien den 8. Mai. In Nr. 22 des „Jeschurun" erschien ein Artikel, welcher auf sonderbare Art für die,,Zionisten" Propaganda machen soll. Nach den vier Programmpunkten der Zionisten ist der „Zionismus" eine Eigenart, eine Erkenntnis, eine Überzeugung und eine Anschauung, daß das jüdische Volk ewig bestehen werde und daß die jetzige unglückliche Lage der Juden nur beseitigt werden könne, wenn Palästina wieder das Asyl und der Sammelpunkt aller Juden geworden ist. Wenn jemand behaupten würde, daß die in Indien und China so arg verfolgten Mohamedaner und Katholiken nur dann ruhig in diesen Ländern leben werden, wenn mohamedanische und katholische Konsulate daselbst zunl