Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 1893
- Issue
- 24 (16.6.1893)
- Date
- 1893-06-16
- Page
- Seite 372 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 372. Nr. 24. | e I il »r ii n. k*- Die russische Regierung unterwirft sich in ihrem Kreuzzuge keinerlei Bedingungen, sondern fährt in ihrer „Aktion" wider die Juden unbeirrt fort. Im Dezember 1892 berichtete der Spezialkorrespondent der in London erscheinenden Monatsschrift „Darkest Russia", daß die Ausdehnung der Mai-Gesetze auf die polnischen Provinzen bevorstände. Früher war es den Juden in Polen erlaubt, sich niederzulassen, wo sie wollten. Jetzt sollen sie unbarmherzig aus den Dörfern in die Städte getrieben werden. Diese Austreibungsbefehle sind peremptorisch und gewähren in einigen Fällen nur eine vierzehntägige Frist, während welcher die unglücklichen Familien ihre Vorbereitungen machen müssen, bevor sie ihr altes Heim verlassen. Und die rumänische Regierung erweist sich, wie schon so oft, als eine gelehrige Schülerin Rußlands. Der „Rumänische Lloyd" berichtet nämlich: Wie die Ausweisungsbefehle gegen die Juden in den Dörfern, namentlich in der obern Moldau ausgeführt werden, läßt sich aus folgenden Beispielen deutlich erkennen. Einem Inden aus Borac wurde die ganze Habe auf einen Karren geladen und bis zur Moldaubrücke transportiert: da jedoch die Brücke in folge der Überschwemmung gebrochen und daher die Überschreitung des Flusses unmöglich war, wurden die Sachen aufs Feld geworfen, woselbst sie drei Tage lang dem heftigsten Regen ausgesetzt blieben. Einer Frau, welche kein Geld besaß, um den Fuhrmann zu bezahlen, rissen die Unholde ein zweijähriges Kind aus der Wiege, und wurde letzteres als Entlohnung den Fuhrleuten übergeben. Eine andere Frau schonte man nicht einmal während der Geburtswehen; bi * Leute drangen ins Haus und warfen alles zum Fenster hinaus. Mehrere in der Kommune Draguscheni ansässige Juden, denen der Gemeinderat den Aufenthalt im Dorfe gestattet hatte, wurden in den Nachtstunden vertrieben, ohne daß man ihnen Zeit zur Ordnung ihrer Angelegenheiten gelassen hätte. — Dem Jassyer „Evenimentul" wird aus der Kommune Belceschti, Distrikt Jassy, geschrieben: Sonntag den 14. Mai kam der Primär Chiriac in Begleitung seines Adjunkten mit 25 Soldaten ins Dorf rmd forderte die jüdischen Einwohner zum sofortigen Verlassen desselben auf. Die Juden protestierten dagegen mit der Behauptung, daß kein diesbezügliches Gesetz existiere. Darauf befahl der Primär den Bauern, die Karren zu bringen, die Habe der Juden darauf zu laden und diese selbst gewaltsam zu vertreiben; dem widersetzten sich aber selbst die Bauern. Donnerstag, am Jspas- Feiertage, zeigte der Primär die Ankunft des Subpräsekten an, worauf die Juden ihre Läden schlossen. In der darauffolgenden Nacht wurden sämtliche Läden, ohne jemandes Wissen, ohne vorherige Inventaraufnahme, versiegelt. Der Jude Haber, dessen Frau und Kind wurden von Chiriacarg mißhandelt." — Wann wird den slavischen Potentaten ein Korach erstehen, der getragen von der Gunst der Volkes, auftreten und die Einstellung aller Grausamkeiten gegen die Juden fördern möchte! Wende Artikel. Kulturdefizit am Ende des IS. Jahrhunderts.*) Von Dr. I. Loevy. Birkenfeld, im Juni. Ein neuer Titel, aber ein altes, vielfach variiertes Thema unserer Tage; der Antisemitismus! Man sollte fast glauben, es gäbe nichts Neues mehr darüber zu schreiben; dennoch ist hier eine beachtenswerte Variation in dem Stnrmkonzert gegen diesen Kultnrfeind. — Wer in dem Antisemitismus eine ansteckende moralische Krankheit erblickt, der wird gewiß begierig sein einen Vorschlag, einen Aufruf zur Bekämpfung dieser die Kultur unseres Jahrhunderts mit einem starken Defizit belastenden Epidemie kennen zu lernen, welcher von einem Mediziner ausgeht und an das Gros der Gebildeten sich wendet. In der That ist es denn auch hochinteressant, in der vorliegenden Schrift zu verfolgen, wie der gewissenhafte Arzt ungeberdigen Kranken unbeirrt den Puls fühlt und durch eine gründliche Untersuchung hinter die wahren Ursachen der Erkrankung kömmt, wie er dann seinem Patienten ungeschminkt und teilweise etwas derb die Wahrheit in das Gesicht sagt und schließlich das heilsame Rezept verschreibt. Was das Buch auf den ersten Blick empfiehlt, ist die freimütige, kräftige zuweilen allerdings in's Burschikose hineinspielende Sprache, welche, getreu dem Motto des Verfassers: „J’appelle un chat un chat" jedes Ding beim rechten Namen nennt. Durch dieses Verfahren gelingt es Herrn Dr. H. den Antisemitismus bis in seine geheimsten Schlupfwinkel zu verfolgen und besonders einen Punkt gründlich zu behandeln, welcher, bisher meist nur gestreift oder aus Furcht, bei seinen Freunden anzustoßen übertüncht, dennoch die größte Bedeutung für die Entstehung und erfolgreiche Bekämpfung dieser verderblichen Bewegung in sich trägt. Es ist die von dem Verfasser mit Kryptoantisemitismus bezeichnete Erscheinung, welche wir dem Sinne nach wohl den unbewußten Antisemitismus nennen können, das bei den meisten gebildeten Christen, welche sonst durchaus feindlich dem Antisemitismus gegenüberstehen, vorherrschende Gefühl, daß den Juden immerhin ein Etwas anhafte, was sie nicht völlig gleichwertig den übrigen Mitbürgern zur Seite stelle, weshalb man von solchen, oft judenfreundtich gesinnten Männern nicht selten die Be-! nierkung hört, sie glaubten dem Antisemitismus in einem gewissen Grade eine gewisse Berechtigung nicht absprechen zu dürfen. Der Verfasser macht darauf aufmerksam und das ist sein großes Verdienst, von wie verderblichem Einfluß solche Gesinnungen und Äußerungen, denen man bisher so wenig Gewicht beigelegt, auf den großen Teil der vorläufig noch indifferent erscheinenden christlichen Bevölkerung geworden find und immer mehr werden können und sagt es frei heraus, daß eine solche Denk- und Handlungsweise sich nicht prinzipiell, sondern nur graduell von dem „Volksantisemitismus" unterscheide und dessen extremste Ziele, welche man doch zu verabscheuen behaupte, aufs nachdrücklichste fördere. Nachdem nun der Verfasser an der Hand der Logik und Statistik klar und überzeugend nachgewiesen, daß weder in der *) Von Dr. med. Marcus Hirsch in Frankfurt a. M. (Verlag von I. Kauffmann, Frankfurt a. M. 1893) 140 Seiten Preis 80 Pf.