Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 1893
- Issue
- 14 (7.4.1893)
- Date
- 1893-04-07
- Page
- Seite 222 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 222 yit. i4. -5* 3 t \ rtj u r u n. sei keine Religion, sondern ein Unglück. Es schien ihm fast richtig. Er war in einen Park gekommen, setzte sich auf eine Bank und dachte, dachte. — Die Sonne schien; ein leichter Wind bewegte die Wipfel der Birken graziös. Alles war so heiter, so schön. Nur ein Weilchen nicht denken müssen. Ein kleines Weilchen! Es ist ja, als ob die Gedanken den schmerzenden armen Kopf sprengen wollten. Wie impertinent hell die Sonne scheint! Es ist, als ob sein Leiden durch die heitere Umgebung noch vermehrt würde. Wer nur frei wäre, ganz frei; nicht einen Augenblick länger trüge er die unerträgliche Last des Lebens. Aber der Vater, der arme, blinde Vater, dessen einzige Stütze er ist. . . Welche Wonne, so an nichts denken zu müssen, zu ruhen, zu schlafen! Wenn man sich doch das Nichts vorstellen könnte. Diese absolute Ruhe und . . . Nein, er mußte ja leben; er mußte leben und handeln. — Er stand ans und näherte sich dem Ausgange des Parkes. Dort begegnete er dem Direktor seinerKapelle, einem Alt-Russen. Jetzt aber konnte er mit ihm nicht sprechen, in dieser Aufregung! Wenn er ihm nur Vorbeigehen könnte, ohne bemerkt zu werden. Er spricht so viel und Leon thut der Kops so weh. Aber der Direktor redet ihn an, er bedauert ihn und sagt: „Ich darf doch bestimmt annehmen, daß die Ausweisung Ihnen ein Wink sein werde, den „alten Adam" abzulegen und einen Schritt zu thun, den so viele derJhrigengethan : Nicht unser heiliges Vaterland, sondern Ihren alten Glauben zu verlassen. . . ." „Ich verstehe Sie nicht, unterbrach ihn Leon, einem Vorteile sollte ich meine innere Überzeugung zum Opfer bringen? Halten Sie mich für so unwürdig, so gesinnungslos?" „Natürlich! Immer gleich heftig, aufbrausend. Ein Glück, daß Sie keinen Dolch bei sich haben, Sie würden mich sonst als Versucher sofort in die Hölle befördert haben. — Betrachten Sie die Sache ruhig---" „Bemühen Sie sich nicht, es ist umsonst, ich lasse mich nicht beeinflußen." „Wenn Sie mich nur 5 Minuten sprechen ließen, denken Sie, ich spräche nicht zu Ihnen. — Sehen Sie, Sie sind jetzt 23 Jahre alt, Sie werden von uns allen geachtet, geliebt. Ich protegiere Sie; ich werde Sie nicht mehr lange behalten, sondern Sie weiter schicken, wo Sie sich weiter ausbilden können. Sie haben Talent, Sie können einst Großes leisten. Und dieses alles verschmerzen Sie — aus Eigensinn. Sie können im Herzen Jude, Protestant oder Heide sein, uns ist es gleich, nur vor der Welt sollen Sie unserer Kirche angehören." „Was fordern Sie von mir? Ich sollt emein Volk, mein armes, gedrücktes Volk verleugnen, um mir einen Vorteil zu verschaffen? In Rußland leben hunderttausende von Juden, die ihr ganzes Leben lang darben, sie sind verachtet, überall nur geduldet, von keinem geliebt und sie halten dennoch fest an ihrem Glauben." „Das ist ja sehr schön gesagt, liebt r Natalnikofs, aber Sie denken nur an sich, nicht an Ihren alten Vater, nicht an Ihre Braut. ..." Sein Vater und seine Braut! Wenn auch sie treulos gegen ihn gehandelt, sollte er nicht aber um seines Vaters willen bleiben? Nein, das konnte, das wollte er nicht; er durfte nicht da drüben in der Kathedrale oder in einem andern, mit blinckenden Kuppeln versehenen Gebände einen falschen Eid schören — nein, nur das nicht — nur wahr bleiben. „Und wenn man mir ein Phradies böte — ich verlasse nicht meine Religion und nicht mein Volk!" — Er eilte nach Hause Da liegt die Geige, er ergreift sie und versucht zu spielen, aber nur sck)rille Dissonanzen bringt er hervor, so daß er das Instrument weglegt und, traurigen Gedanken uachhangend, durch das Fenster schaut. Im Nebenzimmer sitzt sein Vater, wie kann er ihn hier allein lassen, wer kann so gut für ihn vrgen wie sein Sohn: s „Leon," rief der alte Mann, „warum kommst Du nicht zu mir? Du nimmst Dir die Ausweisung so sehr zu Herzen, ich hörte es an Deinem Spiel vorhin. Wenn Du so Deinen Gedanken nachhängst kannst Du nichts leisten und Du mußt thatkräftig sein, denn in der neuen Welt muß man arbeiten, Aber was sagt denn Sonja? Und ihr Vater?" „Weißt Du denn nicht, Vater, daß der Unglückliche von allen verlassen wird? Und ist es denn nicht sehr vernünftig? Wir verstehen so etwas nicht. Sieh', wir fühlen, und die andern denken. Man muß auch denken, alles mit dem Verstand abwägen, auch mit dem Verstand lieben. . ." (Schluß folgt.) MM- Gin königlich privilegierter Schnorrer. Es war im Jahre 1815; der Wiener Kongreß war geschlossen, und die heimatlosen Juden waren nach dem Reichsbeschlusse von den einzelnen Landesregierungen zwangsweise dahin gewiesen, wo die Betreffenden geboren oder getraut wurden. Die so den Gemeinden Einverleibten wurden im Volksmunde „die Geschubten" genannt. Ein solcher „Geschubter" war Löb Kronheimer, der mit seiner Familie nach Pflaumlvch im Ries gewiesen wurde. Diesen Wanderjuden wurden keine Reisepässe mehr bewilligt, und sie wurden, wenn auf der Wanderschaft betroffen, per Schub in ihre Heimat gebracht, wozu sie außerdem eine empstndliche Polizeistrafe traf. Löb Kronheimers Erwerbszweig zwang ihn nickt und gestattete ihm auch nicht, seinen Wirkungskreis aus Pslaumloch zu beschränken. So trat er trotz des strengen Verbots, denn „Not kennt kein Gebot", seine Wanderung wieder an, sein Ziel war die größere jüdische Gemeinde Freudenthal, eine Sommerresidenz des Königs Friedrich I. von Württemberg, der, am Hose seines Verwandten Friedrichs des Großen erzogen, demselben auch geistesverwandt war. (Napoleon 1. sagte von ihm zur Zeit des Rheinbundes: „Er ist mein gröbster, aber auch mein klügster Verbündeter.") Mit der Erhebung zum Königreiche im Jahre 1806 wurden Friedrichs 1. Gebieten über 9000 Israeliten zugewiesen, denen er besondere landesherrliche Huld angedeihen ließ. Der Rabbiner in Freudenthal erfreute sich der besonderen königlichen Huld. — Die Theuerungsjahre nach den napvleonischen Kriegen hatten im Spätjahre 1815 begonnen; die Not war schon als böser Gast in manche Familie eingekehrt. Löb Kronheimer in Pflaumloch, verdienstlos, wußte seine zahlreiche Familie nicht zu ernähren; die „Schnorrwanderungen" waren streng untersagt, aber von der Not getrieben, ergriff er den Wanderstab, seine Frau sagte ihm frommen Sinnes den Segen Arons nach und so wagte er es auch ohne Wanderpaß die alte Etappenstraße zu ziehen. Nach mehrwöchiger Wanderung erreichte er Freudenthal. In der Schlafstätte der Freiherberge erhielt er ein gutes