Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 1893
- Issue
- 14 (7.4.1893)
- Date
- 1893-04-07
- Page
- Seite 221 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 14. Amlieilzeitulis. Israel in Ägypten. Vvl! F. Laphra. 8-s kennt der Herr die Frommen und nimmt sie wohl in acht Ihr Gehen und ihr Kommen hat er gar wohl bedacht — Drum sei getrost und zage und bange nicht zu viel: Ans Gott wälz' Deine Klage, Er führt Dich an Dein Ziel. Es funkelt im Sonnenglanze das weite ÄgYpterland — Die Felder und Gärten zum Kranze sind ringsum ansgespannt! Weiß ragen hohe Paläste und prächtige Tempel zum Himmel. Und aus dem Strome znm Feste drängt sich der Schiffe Gewimmel Doch in dem herrlichen Lande, da waltet die Tyrannei. Da klirren die ehernen Bande, da gellt der Geknechteten Schrei! Da seufzet in härtester Frohne des Jakob armes Geschlecht. Es ward mit schnödesten! Hohne zertreten des Fremdlings Recht: Und thront auch in stolzen Hatten der Herrscher, dess' Machtgebot Rach seines Herzens Gefallen schafft Knechtschaft und Marter und Tod - Es thront in unendlichem Lichte ein Gott in ewige Pracht. Der macht die Pläne zu nichte, die sterbliche Wesen erdacht! Es spricht der Herrscher der Erde: Wir wollen daß knechtet und frohnt, Damit nicht zu zahlreich werde das Volk, das unter uns wohnt Und zahlreicher woget in Fülle das geknechtete Bolk im Gewimmel, Denn also ist es der Wille des allniächtigen Baters im Himmel! Es spricht der Pharo: „Vertilget der Knaben neue Brut" — Ilnd zahllose Opfer verschlinget des Riles schlammige Flut! — Doch schau, der Tiefe des Wassers entsteiget der rettende Knabe, Und die eigene Tochter des Hassers entreißt ihn dem feuchten Grabe. An dem glänzenden Hof -des Tyrannen genoß er die fürstlichen Reckte: Doch konnte die Pracht nicht verbannen die Liebe zu seinem Geschlechte, In der Wüste mit brennenden Strauche berief zu dem schweren Lose, Und füllte mit göttlichem Hauche der Herr seinen Diener Mose! — Ausgewiesen! Skizze nach dem Leben von L. Utting. . Er süß und sann, sann wie er es ertragen sollte, das Leid, das so plötzlich über ihn hereingebrochen war. Neben ihm lag seine Geige, aber auch sie konnte ihm heut nicht helfen, ihn nicht trösten. Er liebte sein Vaterland, Rußland, und es so plötzlich verlassen zu müssen, von den Freunden, aus den gewohnten Verhältnissen hinaus in die Fremde — das war hart! Und welche ein Schicksal erwartete ihn in der neuen Welt! Hier hatte er reiche Freunde die ihn beschützten, er hatte eine einträgliche Stelle an einer großen und geschätzten Kapelle, und nun fort müssen, plötzlich fort, ohne auch nur zu wissen wohin er sich wenden sollte. •— „Welch ein Los!" rief er voll Verzweiflung, „mein armes Volk ohne Heimat. Wie ein Spielball, bald hier bald dorthin vom Geschicke geschleudert. Ein „auserwähltes" Volk! Ja, auserwählt zum Leiden, um in der Welt herumgestoßen zu werden." Mit welchen Hoffnungen war er noch vor wenigen Tagen ans der Provinz zurückgekehrt, wo er seine Zeit als Soldat abgedient hatte; er wollte in kleinen Städten einige Konzerte geben und mit dem Gelde sich dann in Petersburg weiter ausbilden — er war ja noch jung, und die Leute sagten, er habe Talent. Ach! welch schöne Aussichten boten sich ihm dar. Er wollte groß, berühmt werden; er war von seiner Kunst begeistert, er liebte sie und hatte ihr , schon manches Opfer gebracht. Und dann, wenn er sein j Ziel erreicht, dann wollte er Sonja, seine Braut heimführen, j Sonja! Er fuhr auf bei dem Gedanken. Sie weiß ja noch! nichts von der Ausweisung, er mußte zu ihr, es ihr erzählen, sie um Rat fragen. Sie können sich doch jetzt nicht trennen, nein, das ist unmöglich — das geht durchaus nicht — er kann doch nicht nach Amerika, und sie hier in Moskau zurücklassen! Und er konnte sie auch nicht mitnehmen in das Elend, das ihn erwartete. Sonja die kleine, zarte Sonja, die eben erst aus der Schule gekommen war. erst 18 Jahre alt, die im Hause des reichen Vaters erzogen, keine Not kannte. Aber sie wird ihn nicht verlassen wollen, sie wird seine Lage kaum begreifen. S vnjas Vater war reich, er würde ihm vielleicht das Geld geben bis er drüben eine passende Stelle gefunden. Und der Vater wird es thnn. trotzdem er den „Musikanten" nie recht als Schwiegersohn anerkennen wollte und erst nach langen Kümpfen dem armen Jungen, der einen blinden Vater ernähren mußte, seine einzige Tochter versprochen. Er machte gar kein Geheimnis daraus, daß er noch immer hoffte, seine Sonja lverde wieder ,,zur Vernunft kommen", und einen reichen Kaufmann heiraten. Aber Sonja liebt ihn ja, sie läßt nicht von ihm. Welch ein Trost! Und er denkr an seine Sonja und die Sorgen scheinen zu entschwinden. * Da steht er im Zimmer ihres Vaters. „Sieh da, Leon Natolnikvff! Ja, wir haben schon ge- I hört, Sie sind ausgewiesen, das ist sehr traurig. Was i werden Sie anfangen, nach Amerika auswandern, was?; Und Sie kommen um Abschied zu nehmen. Es thnt uns, i wie gesagt, sehr leid, ja. Habe heute wieder viel Ärger j gehabt, ich muß auch schnell zur Börse. Sie haben wohl! auch viel zu besorgen, so 'ne Reise ist keine Kleinigkeit." j Leon war tief verletzt.; „Ich möchte Sonja sprechen," sagte er. | „Warum wollen Sie sie noch aufregen, es ist ja alles! zu Ende, sie hat ihnen nichts mehr zu sagen. Leben sie! wohl, glükliche Reise."? So, das fehlte noch! Dieser Mann war auch ein Jude,! war der Vater seiner Sonja! Aber er mußte sie noch einmal sehen, es mußte eine große Wandlung mit ihr vorj gegangen sein; da kam sie zufällig in das Zimmer, j „Ach, Du!" ries sie. j „Sonja, Sonja, ist es wahr? Du weißt alles, und hast mir nichts zu sagen?" „Aber Leon, Du kannst mich doch nicht mitnehmen, und eine ewige Braut will ich doch auch nicht bleiben. Wenn Du mich liebst, so mußt Du von mir lassen." — „Sonja, sprich wenigstens nicht so. Sag', daß Du mich nicht mehr liebst; ich will, so schwer es mir wird, von hier gehen, ohne Dir auch nur Vorwürfe zu machen. Doch warum wundere ich mich, jetzt im Unglück verläßt mich ja alles!" „Nein Du . . . Sie denken viel zu schlecht von mir. Sie sind aufgeregt, ich muß für uns beide vernünftig denken. Werden Sie recht glücklich, ja, und gehen Sie, bitte, es muß ja sein." Schweigend ging er. War es wirklich Sonja, die eben sprach? Das hatte er alles seinem Glauben zu verdanken, seiner Religion. Glaube, Religion und diese Unannehmlichkeiten, welch ein Widerspruch! Er erinnerte sich, einmal gelesen zu haben, das Judentum