Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 1893
- Issue
- 14 (7.4.1893)
- Date
- 1893-04-07
- Page
- Seite 219 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/9610650-9609441-9609476--128-9609487- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 14. -^Jeschuru Handelsgeschäft von seinem Vater ererbt hat- Er wurde aus einem eifrigen Verteidiger der Juden zur Zeit der Regierung Alexanders 11 zu dem heftigsten und erbarmungslosesten Judenhetzer im Reiche Alexanders III. Das Levantiner Blatt ia ihn: veranlaßte ihn zu einem Stückchen brutaler Verschmitztheit. Einige Tage vorher war ein kaiserlicher Befehl ergangen, der alle Rechte der Juden in bezug auf ihren Aufenthalt in Moskau, die durch das Gesetz von 1865 jüdischen Handwerkern erteilt worden waren, abschaffte. Dieses Dekret befand sich in den Händen der Moskauer Behörden, schon einige Zeit vor dem Peßachfeste. Es war Alexejews Idee, dieses Dekret einige Zeit zurückznhalten, um sich dann durch dessen Ausführung ein Vergnügen zu bereiten" — Alexejew verbot die Aufnahme jüdischer Kranke in die städtischen Spitäler und nannte sich in vertraulichen Kreisen scherzhaft „den klügeren Haman". ")hm hat auch ihn das Geschick ereilt. * Das Journal „Rnßk. Shisnj" bringt in seiner Nr. 24 folgende Notiz: „Wie uns von absolut zttverlässiger Seite mitgeteilt wird, siud im Ministerium des Jauern zahlreiche Klagen über den wahrhaft unerhörten und schamlosen Massenwucher eingelaufen, welchen die einheimischen Kulaki im Gouvernement Samara mit der Notlage der Landbevölkerung betreiben. Nicht weniger als 200 verarmte Bauernwirte des Amtsbezirkes Saita im Kreis Nowvrusseysk haben ihre Parzellen für — sage —■ V2 Pud Roggenmehl per Dessätine (2400 Quadratfaden) den behenden Herren Kulaki in Pacht übergeben, während andere 2000 Dessätinen des besten Ackers in den verschiedenen Amtsbezirken des Kreises Nikolajew für je ein Pud Mehl pro Dessätine den hungernden Bauern abgeschwindelt worden! Nachdem das Ministerium sich genügend überzeugt hat, daß an der berichteten schier unglaublichen Thatsache leider! nicht mehr gezweifelt werden kann, hat es nunmehr beschlossen, Spezialbeamte in die betreffenden Ortschaften zu kommandieren, um die Schändlichkeit in allen ihren Einzelheiten genau zu untersuchen und die Dimensionen des Rentenbetrages sestznstellen. Es handelt sich dabei natürlich nicht blos um die gewissenlosen Blutsauger, welche sich auf Kosten der allgemeinen Notlage zu bereichern suchen, sondern noch mehr um die Ortsbehörden, welche solchem Frevel mit verschränkten Armen ruhig znsehen." * Aus Samgorodok im Kreise Berditschew wird dem „Kijewskoje Slowo" berichtet: „Das Leben unserer Bauern ans dem platten Lande ist nicht zu beneiden; dieses ist ja doch eine wahre Glückseligkeit im Vergleich mit der entsetzlichen Agonie, zu welcher die große Masse der jüdischen Bevölkerung in den überfüllten Städtchen und Flecken verurteilt ist. Keine noch so glühende Phantasie vermag dem Bewohner der Großstadt eine auch nur entfernte Vorstellung von dem unbeschreiblichen Elend zu verschaffen, in welchem 9/10 der Juden in unserm Orte sich befinden! Dem hungernden Bauer eilt die Regierung zu Hilfe, um die Hllnderte von jüdischen Familien, welche in Samgorodok und im ganzen Kreise Berditschen seit Monaten buchstäblich am Hungertuche nagen, kümmert sich kein Mensch. Dem Bauer bleiben in der äußersten Not noch der Zaun um dem Hof und das Dach der Hütte übrig, die dann als Brennstoff verbraucht werden, die Inden in den Kleinstädten entbehren auch diese Reserve, sie erfrieren vor Külte und vergehen vor Hunger." So die Mitteilungen des Kiewer Jntelligenzblattes und die „Rußkaja Schiza" empfiehlt diese dringend der „geneigten Aufmerksamkeit der Helden der Rassenhatz, welche nicht genug Seite 219. über die in Glückseligkeit schwelgenden Volksausbeuter zetern können." Ob jene „Helden" nur in Rußland zu Hause sind? . . . * DerWarschauerKorrespondentder „NowojeWremja" erzählt, daß aus dem Innern Raßlands ausgewiesene russische Juden ihren Glaubensgenossen auf dem Gebiete des Handels, aber auch christlichen Handwerkern, namentlich im Schustergewerbe, starke Konkurrenz machen, ferner daß die einheimischen Juden Warschaus die Ankömmlinge aus Rußland mit scheelen Augen ansehen und Schritte christlicher Meister gegen dieselben unterstützen, letztere aber sich den Kampf ums Dasein durch Bildung von Vereinen erleichtern. — Was geht aus diesen Mitteilungen der antisemitischen „Nowoje Wremja" hervor? Die russischen Juden sind also nicht solche Tagediebe, als welche sie anläßlich Oer Ausweisungsmaßregeln hingestellt wurden. Auw die „jüdische Solidarität" im Sinne der Antisemiten, welche sie immer als eine Gefahr für alle Christen ausschreien, beruht aus tendenziöser Dichtung. * Die rumänische Kammer hat folgendes Amendement zum Unterrichtsgesetz angenommen: a) „Der Elementarunterricht ist nur für die Kinder der Rumänen obligatorisch und unentgeltlich, b) die Fremden werden, mit Ausnahme der Einwohner der Dobrudscha, in die Elementarschulen nur g egen eine im Schnlreglement festzustellende Taxe anfgenommen. c) In Ansnahmefällen kann der Unterrichtsminister einen Dispens erteilen, d) Falls die Plätze in den Schulen nicht ansreichen, sind die Kinder der Rumänen vorzuziehen." Das ist der Wortlaut des Amendements, dessen Zweck ist und dessen Wirkung sein wird, die allmähliche Ausschließung der Fremden, bez w. Juden aus den rumänischen Elementarschulen. Die Kammer-Verhandlung, deren Ergebnis dieser wahnsinnige Beschluß ist, bildet für die rumänische Judeuheit ein neues Blatt in der Leidensgeschichte der Verfolgungen, denen sie seitens der herrschenden Klaffe ansgesetzt sind. * Für Antisemiten lehrreich sind die Nachrichten über die Christenhetze in China. Aus der Insel Amoy sind wieder religiöse Aufstände vorgekommen, wobei ein christlicher Chinese getötet und andere auf die Folter gespannt wurden. Ein Londoner Missionar mußte vor der fanatischen Menge flüchten. Gemeinde, Synagoge und Schule. * Ans dem „Kreisblatt für Osterode" ersehen wir, daß Herr Pred. Stnrmann in dem dortigen Handwerkerverein einen Vortrag über „den Talmud" gehalten hat. Der Vortragende betonte gleich zu Anfang, daß er zur Wahl dieses Themas gedrängt worden sei durch die Veröffentlichung verschiedener Flugschriften und auffallender Auslassungen einiger unserer Volksvertreter, von deren '©eite der Talmud die heftigen Angriffe hat erfahren müssen; hob aber auch gleich hervor, daß alle diese Angriffe vollständig unbegründet und hervorgegangen seien aus mangelhafter Kenntnis des altehrwürdigen Werkes, das in der That studiert sein will und das bis dahin nur von sehr wenigen Gelehrten gründlich erforscht worden wäre. Es würde uns zu weit führen schreibt das genannte Blatt, wenn wir ans den Inhalt näher eingehen wollten; hervorheben wollen wir aber, daß die klärenden Auseinandersetzungen durch eine so treffende Beweisführung und so geschickt gewählte Beispiele, Aussprüche k. unterstützt worden sind, daß die Zuhörer trotz der lVg stündigen Dauer des Vortrages in gespanntester