Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 1893
- Issue
- 14 (7.4.1893)
- Date
- 1893-04-07
- Page
- Seite 218 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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IslafiäSSii .. Nr. 14. Seite 218. | f f ilt H r it n. Kotiere, k. Dorf und Stadt, 1. die Erde, Tages und Jahreszeiten, in. der Mensch, der liebe Gott. — Nach all' dem kann ich mit vollem Recht nochmals angelegentlichst dieses solide und billige Werk den Lehrern an israelitischen Schulen empfehlen. Versäume niemand diesen bewährten Führer anzuschaffen! Kleine Chronik. Bürgerliche Verhältnisse. * Wie die „Köln. Volks-Ztg." meldet, hat Kardinal Krementz jüngst den Rabbiner der Kölner Synagogen- Gemeinde empfangen, um dessen Glückwünsche zur Berufung in den höchsten Rat der katholischen Kirche entgegenzunehmen. Der Rabbiner äußerte dabei, er hoffe, daß Se. Eminenz nach wie vor den Frieden unter den verschiedenen Konfessionen in der Kölner Diözese fordern werde. Der Kardinal erwiderte nach der „Köln. Volks-Ztg.", daß er fernerhin ein Schirmer des Friedens und der Eintracht unter den Konfesnonen sein werde und von Herzen wünsche, daß dieselben in den Werken der Gottes- und Nächstenliebe wetteifern möchten. — Wir sind neugierig darauf, wann nunmehr wieder einmal die klerikale „Köln. Volks-Ztg." mit ihrer antisemitischen Schublade rasseln wird. * Die „Antisemitische Korrespondenz" strengte gegen den „Fränkischen Kurier" wegen eines Artikels, worin von Feigheit und Verlogenheit der Hintermänner der ,.A. K." gesprochen wurde, eine Ehrenbeleidigungsklage an. Wie nun aus Nürnberg berichtet wird, schloß der vor dem dortigen Schöffengerichte zur Verhandlung gelangte Preßproreß mit einem Freispruche. Die Schöffen waren offenbar der Ansicht, daß man sich keines Vergehens schuldig macht und nicht die Wahrheit verletzt, wenn man antisemitischen Hetzern Feigheit und Verlogenheit nachsagt. * Die gutantisemitische „Tügl. Rundschau" teilt folgende bemerkenswerte Episode aus der Reichstagssitzung, in welcher Ahlwardt verurteilt worden ist, mit: „Es war fünf Minuten vor 3 Uhr, als Ahlwardt wieder im Saale erschien; er ging auf Liebermann von Sonnenberg zu und machte Miene ihn anzusprechen. Herr v. L. wandte ihm aber kurz den Rücken, steckte die Hände in die Taschen und begab sich zu Stöcker, um mit ihm einige Worte zu wechseln. Ahlwardt aber, der sonst gern in einer der vordersten Reihen des Zentrums einen Platz zu vecupieren pflegt, zog sich in die hintersten Reihen, dort wo die Antisemiten sitzen, zurück. Nicht lange währte es, da kam Stöcker auf ihn, und nun wandte sich auch v. Liebermann um, um wenigstens zuhörender Weise an dem Gespräch teilzunehmen. Zehn Minuten nach 3 Uhr begann es im Hanse wieder lebhaft zu werden.« — Ahlwardt begab sich wieder nach vorn, und als er im Gange einen Konservativen streifte, klopfte dieser sich den Ärmel ab." — Aber die Konservativen werden ihren Sprößling dennoch nicht von ihren Rockschößen abschütteln können. * Dr. Böckel sagt sich feierlich von dem Ahlwardtismus los. Er will eine „neue Volkspartei" gründen, was er damit anfängt, daß er in seinem Organ schreibt: „Eine Partei ohne politischen Scharfblick, die jedem Aufschneider und Schreier nachläuft, hat keine Zukunft." * Zu den Unterzeichnern des konservativen Antrages betreffend das Verbot der Einwanderung von Israeliten in das deutsche Reich gehört auch Abg. Dr. Arendt, der, wie unsere Leser wissen, als Jude geboren und erzogen ist. Dr. Arendt ist aber keineswegs der einzige seiner Art. Wie die „Brest. Ztg." mitteilt, ist auch der Oberverwaltungsgerichtsrat Hahn, dessen Name ebenfalls unter dem Antrag steht, jüdischer Abstammung. Seine Eltern waren noch Juden und liegen auf dem Breslauer jüdischen Kirchhofe begraben. Ferner stamnit auch Herr v. Nor m a n n, Oberstlieutenant a. D. und Rittergutsbesitzer zu Barkow in Hinterpommern, der Vertreter des Wahlkreises Greifenberg-Kammin, von jüdischen Eltern ab. Sein Vater war Inhaber einer bekannten Getreidefirma in Danzig und wurde erst später getauft und geadelt. Sowohl bei der Familie Hahn wie bei der Familie Normann ist eine Einwanderung aus deni Osten mindestens nicht unwahrscheinlich. — Bezüglich des Dr. Arendt kursiert ein recht netter Witz in Abgeordnetenkreisen. Als Herr Arendt seine erste Wahlrede hielt und mit großem Eifer für Christentum und, Deutschtum sprach, prangte an dem Rednerpulte cm Zettel. Die Weiterftehenden glaubten, er trage die Inschrift „Frisch gestrichen"; doch wer näher znsah, las die Worte: „Frisch getauft." * In einer großartigen „Begründung" des famosen konservativen Antrages behufs Verweigerung der Naturalisation ausländischer Juden beruft sich die „Kreuzzeitung" aus den Artikel 4 der Reichsverfassung, um die Zuständigkeit des Reiches zu erweisen. Nun haben aber wiederholt deutsche Einzelstaaten Niederlassungs- und Auslieferungsverträge mit auswärtigen Staaten abgeschlossen, so l amentlich Preußen und Baiern mit Rußland. ' Und wer erinnert sich nicht, abgesehen von der „Kreuzzeitung" und deren Hintermännern, der stolzen Erklärung des Herrn von Bötticher namens des-Bundesrates, als die Interpellation Hänel bezüglich der Polenansweisungen zur Debatte stand? Damals zog unter dem Beifall der Konservativen der gesamte Bnndesrat aus dem Reichssaale, als das Haus, ans Artikel 4 fußend, die Beratung aufnahm. Und jetzt? — Ja, Bauer, das ist ganz was anders! * In Dresden ist nach dem „Dresdener Journal" ein beabsichtigter Vortrag Ahlwardts von der Polizeidirektion verboten worden. Die Gründe dafür lagen nicht, wie em dortiges antisemitisches Blatt meldete, in den Bestimmungen hinsichtlich der Charwoche, sondern lediglich in der Person Ahlwardts. * Bei der Borstellung der beiden Breslauer Rabbiner beim Empfange des Dr. Kopp sagte der Verstellende, Graf Ballestrem: „Bei der Beerdigung des Fürstbischofs Heinrich in der Zeit des Kulturkampfes hat sich nur ein einziger, welcher in seinem Titel das Wort „Königlich" führt, beteiligt, und dieser einzige war der Königliche Landrabbiner Tiktin. Das vergessen wir nie!" * Von dem B ürgermeister Alexejew in Moskau, an den kürzlich ein Attentat verübt wurde, entwirft der amerikanische Schriftsteller Harold Frederje in seinem im „Jeschurun" bereits erwähnten Buche „Hie Exodus. A stucly of Israel in Russia“ folgende interessante Schilderung: „Die ersten Tage des Peßachfestes im April 1891 werden nie vergessen werden, so lange die Juden sich Rußlands erinnern. Jene Tage sollen einer glücklichen Erfindung des Herrn Alexejew ihren unheimlichen Ruf verdanken. Es ist ein Mann von 45 Jahren, der großen Reichtum und ein großes