Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 1893
- Issue
- 14 (7.4.1893)
- Date
- 1893-04-07
- Page
- Seite 215 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 14. Seite 215. -5* mutter war auch Jüdin) wird das Paar zusammengebracht. Der alte talmudi sch -fromme Onkel, giebt seinen Segen dazu brieflich, und das Buch schließt mit Gartenszenen im Abendrot. — Da sind wir mitten in den aufregenden Fragen unserer Zeit drin, als sollte sich nirgend eine glückliche Insel reinen und unverfälschten Menschentums dem Dichter und Leser aufthnn. Doch damit muß man sich abfinden — die heutige Menschheit singt einmal keine arkadisch-geßner'schen Hirtenlieder. Daß aber die Werke, jemehr sie Arzeneien zur Verbesserung unseres Zustandes geben wollen künstlerisch um so verfehlter sind ( Sie müssen ans obigen Andeutungen schon ersehen, wieviele unmögliche Gestalten in unserer Erzählung Vorkommen, und haben sich über das menschheitliche Zerfließen des Lieutenants, der Frau von Arnach und des alten strengen Talmndisten gewiß gewundert), macht sie zu Traumbildern, während sie die Wirklichheit zeichnen müßten, lind was enthält das für ein fabula clocet? W i r sollen Mischehen schließen? Wird dadurch ein Erzbischof Names Theodor Ko hn, oder ein M i n i st e r, in d e s s e n A d e r n urgroßväterlichjüdisches Blut fließt, den Feinden des Judentums verzeihlicher werden? Hätte das Judentum vor Jahrtausenden diese Ratschläge befolgt, wäre es von der Bildfläche verschwunden — es hätte heute weder ein Christentum, noch einen Muhamedanismns gegeben. Wir sind gerade vom Standpunkte der menschheitlichen Entwicklungsgeschichte vollberechtigt, alle diese weisen Ratschläge znrückznweisen — d i e V e r ir r u n g e n nuferer Zeit z e i g e n u n s, daß wir bestehen müssen, um einer besseren Zttkunft den Gottesgedanken und denGlanben an die edel n Ziele des Menschentums zu erhalten. — Während bei mir in allen Zimmern Peßach gemacht wird, flüchte ich mich mit „Ahasverus oder der Weg zur Versöhnung, dramatifche Dichtung von August Schmitz (Leipzig, Findel, 16 S. 40 Pf.) in eine freie Ecke. Meine Stimmung ist trotzdem so friedlich wie möglich, und der Verfasser soll meine Verbannung ans den gewohnten Räumen nicht büßen. Hier sagt der Titel alles. Ahasverus steht bei der Personenangabe oben. Hnmanus u n t e n, sie sollen wohl in althergebrachter Weise die Gegensätze „Judentum-Menschentum" bezeichnen. Wenn Ahasverus sagt; „Ein Abscheu allen Völkern ist der Jude" so thnt er den Antisemiten zu viel Ehre an; wenn er hinzufügt: „Und wiederum sind alle Völker i h nt Ein Abscheu," so gerate ich in Gefahr eine gelehrte Abhandlung gegen ihn zrr schreiben; aber ich unterlasse es. „Warum verstand der Ahn den Heiland nicht? Und hatte denn der Heiland alle WahrhKt? Jst's nicht ein Widersinn,, den Feind zu lieben, wenn dicht der Feind die gleiche Liebe hegt? „Es ist das alte Lied in neuen Jamben, der Verfasser bemüht sich sogar dem Juden gerecht zu werden; er verkennt ihn aber, weil er ihnmißversteht. Der Jude b e st e h t nicht tu folge seiner, sondern durch seine Glaubenslehre weiter. Er hat nicht g e z w e i f e l t, ( wie ihn Schmitz darstellt), sondern geglaubt und deshalb gelitten. Dreizehn Zeilen lang dauert in der Schilderung des Indes das Glück des gleichgestellten Israel, dann beginnt eine Seite lang Ansturm des Pöbels gegen das Judentttm — aber Hnmanus tritt schon auf, um die Rasenden zu beschwichtigen I e sch . i n. hs- und die Jndm. zu verteidigen. Er weist —, und hier muß man die gute Absicht des Verfassers anerkennen, — auf das selbstische' Christentum der Jetztzeit hin, er hält den Juden für eben so entwicklungsfähig, tute den Christen. Ahasverus fühlc denn ans den- Einfluß, der von Hnmanus auf ihn übergeht ( da die Sonne dem Wanderer doch eher den Mantel entwindet, als der Sturmwind), und im Menschentum, losgelöst von seinem Selbst, will er mit dem Vertreter der Liebe leben. In l 6 Seiten, Herr Verfasser, heilt man solche Wunden nicht, da mnß der Weg znm Gnten doch etwas genauer, als in Versen möglich Kt, angegeben werden. Sie haben die edelsten Absichten; aber glauben Sie, wir Juden tyäten dem Hnmanus einen üblen Gefallen, wenn wir von unserem Selbst uns loslösten; so lange man uns dies anrät, müssen wir bei unsrer „angebornen Halsstarrigkeit" bleiben. Doch ich verrenne mich und schreibe, statt an Sie, plötzlich an den Verfasser. Um auf das Peßachmachen znrückznkommen , hätte i ch eine völkerbeglückende Form von ganz besonderer Tragweite ansznsprechen: Jeder s ä u b e r e u n d r ä u m e des C h a m e z im eigenen Hause weg, dann tvird's überall rein werden. Mit diesem Wunsche darf ich mich für heute von Ihnen wohl verabschieden. Cirr Bild Moses. Unter diesem Titel schreibt ein Mitarbeiter der ,.Neuzeit": Kein Bild, kein Denkmal, keine Münze ruft uns mehr die teueren Gesichtszüge unseres großen Lehrers Moses in Erinnerung. Und doch wäre es sehr interessant zu wissen, wie der Mann ausgeschaut, der dem Menschengeschlechte eine Fackel entzündet, die ewig leuchten, die ewig strahlen wird, und dem nicht nur die monotheistischen Weltreligionen, Judentum, Christentum und Islam, sondern auch unsere heutige Kultur, Gesittung und Humanität ihr Entstehen verdanken. Leider fehlt uns auch jeder Anhaltspunkt dafür, daß die alten Israeliten ein Bild des teueren, großen Lehrers je besessen haben. Die ersten Spuren von Portraitmalerei bei den alten Israeliten finden wir erst unter dem Könige Achab, denn nach seinem Tode wurde sein mit Blut befleckter Wagen abgewaschen, wobei man auch die obszönen Bilder, mit denen das Innere dieses Wagens geschmückt war, wegwusch (I. Kön. XXIl, 33). Dagegen war die Bildhauerei und Schnitzerei den Israeliten schon zur Zeit Moses bekannt; sie hatten beide Künste bei den Ägyptern erlernt, waren doch die Cherubim, w.'lche den Deckel der Bundes- Lade schmückten, eigentlich ans Holz geschnitzte, mit Gold belegte Kinderköpfe. Aron wußte schon ein Kalb ans Gold zu gießen und Moses schönte es den Kindern Israels ein: „Daß Ihr ja nicht erwartet und Euch machet ein Bild, die Gestalt eines Götzenbildes, die Gestalt eines Mannes oder eines Weibes (Deuteron. V, 16)." Wir ersehen daraus, daß die Israeliten es schon damals ganz gut verstanden haben, mit dem Meißel, der Gußform und dem Schnitzmesser nmzugehen. Unter den ägyptischen- Altertümern, die Mariette Bey nach Paris gebracht, befindet sich auch eine Stelle, die uns zwei Manuesgestalten in Reliefarbeit zeigt und unter denen die Worte Mesu (Moses) und Pasoi-Levy