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Jeschurun · 1893-04-07 · 14 (7.4.1893) · p. Seite 213

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
1893
Issue
14 (7.4.1893)
Date
1893-04-07
Page
Seite 213 (sequence 5)
Language
German
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T ifi 1 r n i / \- Mv 14. I e sch u r n n Seite 213. Jüdische Wundermänner. U. Hochachtung und Ehrerbietung wurde von jeher den Trägern der heiligen Lehre gezollt, eifrig lauschte inan ihren Worten und folgte ihren Weisungen, wie alles, artete auch die Stellung -des Rabbiners im Chassidismus aus und der „Rebbe" ober der „Zaddik" gewann einen Einfluß auf die Menge und ihm wurden Kräfte zugetraut, die jüdischen Anschauungen vollständig fern liegen. Bestimmte Sabbate sind es besonders, wo in der Aähe de) heiligen „Rebbe" der innere und äußere Segen herabströmt und in seinem Residenzstüdtchen wimmelt es auch dann von Fremden. Er betet in eigener Person vor, and vor seinem glühenden Gebete müssen die bösen Geister bebend zurückweicheu, die den Bitten den Weg versperren oder sie aussaugen; die drei heiligen Sabbatmahle werden gemeinsam unter deni Vorsitz des Zaddik" eingenommen, der von jedem Gerichte nur wenig kostet und den Rest unter die Anwesenden verteilt. Gierig greifen die Chassidim nach diesen „Schiraim“ (Überbleibsel, Reste), die durch die Berührung des Zaddik einen besonders hohen Wert erlangt haben. Vorzugsweise wichtig ist das dritte Sabbatmahl, denn es ist nun die ,Scha,atha derawa", die Zeit des besonderen göttlichen Wohlwollens, wo der Zaddik alles erwirken kann. Die begleitenden Umstände erhöhen den Reiz: in der „Klaus", wo die Mahlzeit eingenommen wird, herrscht ein Halbdunkel, die chassidäifchen Melodien in ihrem eigentümlichen Tonfall erschallen, bald verzückt und sehnsüchtig, bald ausgelassen heiter, bald erhaben und himmelstürmend. Der Zaddik sagt dabei „Thorah", indem er einen Vers kabbalistisch ausdeutet, wovon die Hörer meistens nichts verstehen, umsomehr aber davon entzückt sind. Wenn er dabei einnickt, dann ist sein Geist gewiß gen Himmel gefahren, und sein Schnarchen beweist sein heftiges Ringen mit den himmlischen Mächten, um ein drohendes Unglück abzuwenden, Nach dem Abendgebet, und nachdem über einen Becher Weines beim Lichte zweier Wachsfackeln „Habdala“, der Scheidesegen, gesprochen wurde, beginnt das „Geleitmahl" zu Ehren der scheidenden Königin Sabbat (mlawa malka) und der gleichzeitig sich verabschiedenden „Nschama jethera“ (zweiten Seele), welche in jedermann lvährend des Sabbat gewohnt hat. Dieses Mahl wird vorzüglich festlich begangen, mit Musik, frenetischem Tanz und Gesang, es wird gelärmt und getrunken bis zum Morgen. Sonntag beginnen die Audienzen beim Zaddik. In einem besvndern Zimmer sitzend, empfängt er die Pilger, deren jeder sich mit einer vour Sekretär des Heiligen geschriebenen „Quittel" (Zettel, Quittung) versieht, aus dem der Vorname des Bittstellers, der seiner Mutter, wie auch sein Anliegen verzeichnet sind. Von dem Zaddik wird der Zettel niedergelegt mitsamt einem „Pidion" (Lösegeld), das nicht weniger als die heilige Zahl von 18 Kreuzern betragen darf, aber mitunter sehr beträchtliche Sttmmen erreicht. Wenn der Rebbe den Zettel besieht, so liest er im oberen Buche die Geschichte der Seele des Bittstellers, sieht alle ihm drohenden Gefahren und kennt alle seine Bedürfnisse. Erfahrene Chassidim können in den Mienen des Heiligen den Erfolg der Bitte lesen. Wenn es nichts besonderes giebt, so genügt schon der bloße Seufzer des Rebbe und er kann bald dem Gläubigen versichern: „Fahre heim, Gott wird helfen!" oder er erteilt einen Rat oder verordnet ein Heilmittel, wie es ihm der Augenblick eingiebt. Haben die Wundermänner eine gewisse Berühmtheit er langt, so giebt es für sie täglich vollauf zu thun, bald einen Kranken zu heilen, bald aus einem Besessenen den bösen Geist auszutreiben, oder einen Verfolgten zu retten oder die Geburtswehen einer Kreisenden zu ei leichtern. Bei Erkrankungeli in chassidüischen Familien wird zwar der Arzt gerufen, aber gleichzeitig zum Zaddik geschickt, ohne dessen Gebet der Arzt kaum helfen könnte; wenn die ärztliche Hilfe versagt, dann greift der Zaddik zu seinen Amuletten oder sonstigen Mitteln. Der Monat Elul ist für den Chassidismus von ganz besonderer Bedeutung, zu den allgemein geübten Gebräuchen kommen noch Fasten, Hersagen gewisser Partien aus dem Sohar und gegen Ende des Monats die Fahrt zu dem Zaddik, die wohl keiner unterläßt. Bis nach dem Versöhnungstage verweilen sie in seiner Nähe und werden, wenn sie arm sind, auf seine Kosten gespeist. Faßt die Klans die Menge der Betenden nicht, so wird eine Bretterumzännuug gemacht, oder es wird ans der Straße gebetet. Schon von der Ferne macht sich das Getöse der Betenden vernehmbar, die alle sehr laut schreien orwr auch wohl krampfhaft weinen. Dabei schlägt der Eine mit dem Kopse gegen die Wand, der Zweite hämmert auf seine Brust los, ein Dritter macht heftige Sprünge und ein anderer bewegt seinen Körper heftig hin und her, und schlügt sein schweißtriefendes Gesicht schonungslos, oder rennt unausgesetzt hin unb her. Jeder bedeutendere „Rebbe" bewirtet aus seine Kosten eine größere oder kleinere Anzahl von „Joschvim1’' (Sitzer), Leute, die Heimat und Familie verlassen, um in der Nähe des Zaddik zu sitzen und sich in seinem Lichte zu sonnen. Hier entstehen jene zahlreichen Wundermürchen und Sagen, die von Mund zu Mund wandernd, tu die große Masse des Volkes dringen und willig weiter erzählt werden. Dr. S. K. Aus des verstorbenen Oberlehrers Clsäßer schriftlichem Nachlaß. Mitgeteilt von T. Spat;. (Alexanoer Nathan Etsäßer, Königlich wärttembergifcher Landrabbiner, geboren in Wiedersheim im Elsas 1729, gestorben in Freudenthal, Königreich Württemberg am Peßach 1816.) Alexander Nathan Etsäßer war geboren in Wiedersheiin im Elsaß 1729. Er besuchte die Talmndfchnle in Metz; von dort wunderte er als fahrender Schüler nach Prag und wurde ein Schüler des Rabbi Jecheskel Landau, von dem er die Rabbiner-Würde erhielt, mit ihm in freundschaftlichem Briefwechsel bis zu dessen Tode verblieb und Mitarbeiter an dessen Gutachten-Sammlung Nvda Bijehuda wurde. In seinem 20. Lebensjahre wurde er Privatrabbiner im Hause des spatern Bacon v. Eichthal in Leimen bei Heidelberg. Bon dort wurde er an die Klans, Talmud- Akademie, nach Mannheim berufen. In Mannheim verehelichte er sich mit der Tochter eines hochangesehenen Talmudgelehrten. Sechs Jahre blieb er in seiner dortigen Stelle und folgte daun einem Rufe nach Hochberg in Württemberg. Das Herzogtum Württemberg hatte nur drei jüdische Gemeinden: Frendenthal, Hochberg und Thalheim. Seit der Katastrophe des Justizmordes an dem Finanzminister des Herzogs Karl Alexander, „Jnd Süß Oppenheimer" 1738 durfte kein Jude mehr in Stuttgart i" ■

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