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Jeschurun · 1893-04-07 · 14 (7.4.1893) · p. Seite 212

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
1893
Issue
14 (7.4.1893)
Date
1893-04-07
Page
Seite 212 (sequence 4)
Language
German
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Seite 212. -5* | f f ri) 11 r u n. Nr. 14. Dieses Beharrungsvermögen, diese Widerstandskraft, dieses Ausharren und Aushalten, dieses Feststehen auch auf schwankendem Boden war die Tugend und Tapferkeit Israels im Mittelalter. Das Mittelalter war ein unendliches Meer von Drangsalen und Leiden, dessen hochgeheuder Wogenschwall und Wogendrang Israel zu verschlingen drohte, ״und hinter ihnen verfolgten sie die Ägypter," deren Tapferkeit sich immer im Verfolgen der Eingeengten zeigte. Da gab es auch solche, denen die Verzweiflung den Gedanken eingab:;3!הףל אל היה vorwärts, wir stürzen uns ins Meer, daß wir am jenseitigen Ufer zur Freiheit gelangen, laßt uns brechen mit der Vergangenheit und preisgeben die Religion, die doch nur ein Unglück ist. Aber zur Ehre Israels sei es gesagt, die Zahl der verzweifelten Abtrünnigen stand in gar keinem Verhältnis zur Größe der Gefahr; es waren ja auch nicht mehr die Scharen der freigelassenen Sklaven am Meere der Leiden, denen der Mut des Dulden» und die Tapferkeit des Feststehens noch fehlte, es waren ja Nachkommen von Propheten und gvttbegeisterten Männern, welche die Ideen, für die sie kämpften und litlen, höher stellten als das Leben und eine durch Trenbrnch erkaufte Scheinfreiheit. Man pflegt den Angehörigen unseres Stammes einen Mangel an Manneseigenschaften nachzusagen und geringschützig zu sprechen vom Mut und der Tapferkeit der Juden. Aber zur Überwindung des Mittelalters gehörte ungleich mehr Mut und Kraft, mehr Ausdauer und Tapferkeit als zum Kampfe in der münnermordenden Schlacht. Denn Männer, welche die Synagogen, in die sie sich vor den Verfolgern nu Zufluchtsstätte des Altars geflüchtet, über ihrem Kopfe mit eigener Hand anzündeten, um sich und ihre Familien in die Flammen zu sttirzeu, jene barmherzigen Frauen und Mütter, die ihre Kinder mit eigener Hand hinschlachteten, damit die Unschuldigen nicht ein Opfer der Feinde würden, wahrlich tapferer und mutiger waren sie als diejenigen, welche die Wehrlosen um ihres Glaubens willen verfolgten und überfielen. Und dieses duldende Heldentum, wie es beispiellos in der Geschichte dasteht, für welches keine Mitwelt und keine Nachwelt den Lorbeer hatte, es hat dem Israel des Mittelalters die Kraft des Feststehens und Ausharrens gegeben, bis endlich das andere Wort Gottes erscholl: דבר אל בני ישראל וייסדן vorwärts, sie sollen sich in Bwegung setzen! Und es kam die Zeit, wo Israel sich in Bewegung setzte. Das Mittelalter, das Meer des Leidens, war durchschritten, das andere Ufer der Rettung erreicht. Die ägyptische Sitte des Verfolgens und Unterdrückens war gewichen edler Menschlichkeit, die verrosteten Riegel des Ghettos, auch des geistigen Ghettos, waren gefallen. Israel feierte einen neuen Auszug aus Ägypten, es stimmte an ein neues Freiheitslied am Meere. Israel lebte nicht mehr blos nach innen, der Außenwelt blos die starre Unbeweglichkeit entgegensetzend, es beteiligte sich am Gesamtleben der Menschheit, sein eigenes Innenleben kam dadurch in eine heilsame Bewegung, es verjüngte sich unter freierem Hauche der Geist seiner Lehre und es verjüngten sich die Formen seiner gottesdienstlichen Verehrung. Aber jahrhunderte alte Gewöhnheilen und Vorurteile schwinden nicht dahin und fallen anheim der Vergessenheit, ohne bisweilen wie Gespenster wiederzukehren und zu beunruhigen. Was wir für längst verschollene Mähr hielten, es tritt auf und wird zur Geschichte, * das erleuchtete Jahrhundert der Aufklärung wird von einer ägyptischen Finsternis verdunkelt. Wie verhält sich nun das zwischen dem Meere des Leidens und den verfolgenden Ägyptern eingeengte Israel der Gegenwart? Es zeigt sich im Leben von Gesamtheiten die eigentümliche Erscheinung, die wir häufig auch im Leben der Einzelnen zu beobachten die Gelegenheit haben, daß man zwar großen Gefahren sich gewachsen zeigt, aber der kleinern Ge- ' fahr gegenüber sich kleinlich benimmt und von enger Kraft. Dasselbe Israel, welches das kühne Wagnis am Schilfmeer unternahm nnb sich seinen Weg bahnte durch mächtige Ge- Wässer, es zeigte sich 'unmutig und verzagt bei jeder kurzen Entbehruugssorge ans seinem Wege durch die Wüste. Dasselbe Israel, das in den Gefahren des Mittelalters durch die unvergleichliche Tapferkeit des Feststehens die Bewunderung des Betrachters herausfordert, es hat in der Gegenwart noch nicht die rechte Haltung gewonnen.! Es bilden sich Gruppen, wie damals am Meere. - Die | Einen sagen: נפול אל היפס vorwärts! brechen wir mit der! Vergangenheit, lösen wir den Bund der Väter, daß wir das! jenseitige Ufer der Freiheit erreichen. Ihnen ruft das Moses-! wort zu: אל תראו התיצבו furchtlossein, fest stehen! Wer furchtlos dagestanden in den mächtigen Stürmen der Vergangenheit, wird wohl auch den scharfen Luftzug der Gegenwart aushalten. Was soll das Wimmern über die Zurücksetzung, was soll das Klagen über die Anklagen, denen wir ausgesetzt sind, was soll es bei den Nachkommen von Märtyrern gegenüber der moralischen Stärke, mit welcher wir einst viel Schwereres erduldet und überwunden? — Die Andern, die bedächtigen Männer des Rückschritts, sagen: □נחזור לבשרי zurück! Israel ist bereits zu weit vorwärts-! gegangen, das Heil des Judentums besteht in seiner Rückwürtsbewegung zum Mittelalter. Ihnen ruft das Gotteswort zu: דבר אל בני ישראל ריסער vorwärts! und lassen wir uns nicht beirren, das Judentum ist keine Rückwärtsreligion, es ist eine Religion der Freiheit und der Vorwärtsbeweg un g. Unsere Haltung in diesen schweren Zeitläuften kann uns nicht zweifelhaft sein. Nach besten! Wissen und Gewissen, nach bestem Können und Vermögen haben wir unentwegt und unbeirrt unsere Pflichten zu erfüllen in religiöser, in bürgerlicher und staatsbürgerlicher Beziehung. Im übrigen aber gilt von uns Juden erst recht das Wort: Wir Juden fürchten Gott allein und sonst niemand. Der Verachtung setzen wir die Verachtung entgegen, das Judentum aber bedarf nicht unserer rechtfertigenden ״Erklärung". Seine beste Erklärung und Rechtfertigung besteht darin, daß es besteht, besteht ungeachtet einer Welt von Feinden. Vom Judentum gilt das Wort: *אם אלהים הוא ירב לן was Göttliches darin ist, das wird selbst für sich streiten und sich den Weg bahnen in die Zukunft; was Ungöttliches darin ist, das wird der Zeit anheimfallen. Das Freiheitslied am Meere anzustimmen, dazu ist freilich die Zeit noch lange nicht gekommen. Schon unsere Alten bemerken mit bezug auf das einleitende Wort des Freiheitsliedes: שר לא נאמר אלא ,ישיר*) daß hier wohlweislich nicht eine Form der Vergangenheit, sondern eine Form der Zukunft gewählt sei. Das Freiheitslied ist ein Znkunftslied. Heil demjenigen, dem es vergönnt sein wird, mit einzustimmen in das Freiheitslied am Meere. — *) S. Mirdr. r. z. St.

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