Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 1893
- Issue
- 14 (7.4.1893)
- Date
- 1893-04-07
- Page
- Seite 211 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 14. *>• 3 t' f Ä u r n II. Snte 211. und zu fördern, den Mitbürgern ohne Unterschied der Konfession sich innig und brüderlich anzuschließen, mit einem Worte: Das Wohl des Vaterlandes als ihr eigenes zu betrachten. VI. Das biblisch - talmudische Judentum schärft seinen Bekenner n mit unerbittlicher Strenge ein, alles zn vermeiden und zn unterlassen in Wort und Thal, wodurch der Name! Gottes entweiht, die Lauterkeit des israelitischen Glaubens- | bekenntnisses getrübt, die Ehre des jüdischen Namens ver-! dunkelt werden, überhaupt alles, wodurch auch nur der! leiseste Schatten auf Israels Glauben und Israels Namen fallen könnte, mit einem Worte: Chillul ha-Schem; dagegen kein Opfer und wäre es noch so groß, zu scheuen, wenn es gilt, den Namen Gottes lzu heiligen, d. h. vor der Welt Zeugnis abznlegen, daß das Judentum die reinste Gvtteserkentnis, das strengste und lauterste Sittengesetz und allgemeine Menschenliebe lehrt, mit eine Worte: Kiddusch ha-Schem. Die Männer, welche für diese Heiligung des göttlichen Namens ihr Leben geopfert haben, werden daher > in Israel Heilige g mannt. | V. i Das biblisch-talmndische Judentum bestärkt seine Bekenner! in der Hoffnung, daß alle Völker durch immer fortschreitende \ Erkenntnis und Veredlung, herbeigeführt durch oas Zn-! faiiiniemuirfeii ihrer weisesten Männer und besten Geister, j zn einer solchen Höhe sittlicher Vollkommenheit sich empor- > ringen werden, daß das höchste Ideal der Liebe, des Friedens und der Verbrüderung unter den Menschen auf Erden erreicht sein wird, und legt es ihnen — seinen Bckennern nämlich — ans Herz, selbst mit dem Beispiele voranzugehen, in Frieden und in Eintracht brüderlich und liebevoll mit allen Menschen zn verkehren, um dadurch beizutragen, daß dieser ideale Zustand allmählich herbeigeführt werde, eine Zeit, in welcher kein Volk über das andere herrschen, sondern frei für sich i und friedlich mit den übrigen leben wird. Eine jüdische! Weltherrschaft kennt und lehrt das Judentum durchaus! nicht, sondern eine Gottesherrschaft oder ein Gottesreich! allgemeiner Liebe und allgemeinen Friedens. I Leitende Artikel. Israel am Meere. Von Dr. A. Eckstein Israels Gang in die Freiheit vollzieht sich in zwei Akten. Israels Freiwerdung und sein Auszug aus dem Sklavenhause beschäftigt uns am Eingang des Freiheitsfestes; Israel am Meere, wie es die kaum errungene und wieder bedrohte Freiheit behauptet und damit auch sich verdient, das ist das Thema, das unsere Aufmerksamkeit in Anspruch nimmt am Ausgang des Freiheitsfestes. Israel am Meere,, vor ihm die drohenden Meereswogen, hinter ihm die drohenden Heereswogen, und nirgends ein rettender Ausweg, das ist die verzweiflnngsvolle Lage, in welcher wir Israel am Meere erblicken; eine Lage, in welcher der Aufschrei der Verzweiflung berechtigt war wie ein Naturlaut: „Hilf, o Herr, denn gekommen ist das Wasser bis ans Leben." In einer solchen Lage, ist es ein Wunder, wenn die Einen mit einem Mitte, den nur die bis zur völligen Aussichtslosigkeit gesteigerte Not hervorbringen kann, den Ruf vernehmen ließen: „Stürzen wir uns ins Meer!" Jit es ein Wunder, wenn die wenigen Edlen unter den Freigelassenen in einem Stumpfsinn, den gleichfalls nur die völlige Aussichtslosigkeit der Lage hervorbriugen kann, den Ruf vernehmen ließen: „Laßt uns lieber nach Ägypten znrückkehren!" Ist es ein Wunder, wenn es von allen heißt: „Und sie fürchteten sich sehr und die Kinder Israel schrieen auf zum Ewigen?" — Aber einer war da, der mitten im Toben der verzweifelten Menschen und der losgelassenen Elemente dastand unbeweglich wie der Fels im Meere, und dieser eine war Mose, der Mann Gottes, der in unvergleichlicher Hoheit des Mutes dem Volke ein Wort znruft, das die Haltlosen bannen mußte an den Ort ihres Standpunktes, das Wort: l^nn ItfTn ‘iX Fnrchtlossein, feststehen, ansharren! Wiiti, die Furchtlosigkeit und das Ausharren ist gewiß eine sittliche Forderung, aber giebt es nicht eine Grenze, über welche hinaus diese Forderung an einen Menschen kaum mehr gestellt werden kann? Und diese Grenze, wo die Forderung und Erwartung der Furchtlosigkeit als nicht mehr berechtigt erscheinen muß, scheint sie hier nicht bereits überschritten? Und dennoch spricht der Mann Gottes noch ein zweites Wort, dennoch stellt er eine zweite Forderung, eine noch höhere Forderung: lyovi >32 SX 121 vorwärts, hinein in das abgründige Meer, hinein in die rauschenden Fluten! Zuerst feststehen, dann vorwärtsgehen, das Stehenbleiben zur rechten Zeit und die Vorwärtsbewegung zur rechten Zeit, das Ausharren am rechten Orte und das Thatkräftigsein am rechten Orte, das sind die sittlichen Forderungen und die Verhaltungsmaßregeln Israels in der Vergangenheit wie in der Gegenwart. „Seid ohne Furcht, stehet fest, harret aus." — Nicht die Furcht will Mose verbieten, denn die Furcht läßt sich wohl bekämpfen, aber nicht verbieten; sondern was im Gefolge der Furcht sich einzustellen pflegt: das tollkühne Wagen und die unbesonnene That. Die Menschen gehen ja in schwierigen Lagen häufig unter nicht sowohl wegen der Schwierigkeit der Lage, sondern weil sie nicht feststehen können, weil die Furcht sie zu einem unbesonnenen Schritte treibt, der sie in den Abgrund führt. Das Schwerste, was die Gefahr uns znnmtet, ist die Ruhe, die Besonnenheit, das Ausharren, das Feststehen. Wissen ja auch Kriegsscharen zn erzählen, daß es viel leichter ist, in der Stunde der Gefahr sich in den Feind zn stürzen, als, wenn die Einsicht des Feldherrn es gebietet, nnthätig zu verharren und festzustehen, ohne ein Glied zn rühren, bis der geeignete Augenblick gekommen, wo in die scheinbar gelähmten Glieder Leben, Bewegung, Thatkraft und Handlnngsfreudigkeit ströntt. Diese Einsicht und imponierende Größe des Feldherrn hat der Mann mit dem Gottesstabe in der Hand bewiesen, als er den in fürchterlicher Enge zwischen feindlichen Elementen und elementaren Feinden Eingekeilten, die von den Schrecken des Augenblicks zu einem unbesonnenen Schritte vorwärts oder rückwärts getrieben werden mußten, als er den tollkühn Vorwärtswagenden, die sich in das Meer stürzen wollten, und den feige Znrückweichenden, die in das Sklavenjoch Ägyptens znrückkehren wollten, das Wort zurief: „Furchtlossein, feststehen, ausharren!" * ) Vgl. Mechiltha zu II. B. M. 14,13.