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Jeschurun · 1893-03-31 · 13 (31.3.1893) · p. Seite 202

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
1893
Issue
13 (31.3.1893)
Date
1893-03-31
Page
Seite 202 (sequence 10)
Language
German
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Seite 202. Nr. 1 I e s * Nach dem „Woschod" werden die Jilden, darunter auch Handwerker, ans Tobolsk ausgewiesen. Die Zeitung „Jekaterinoburskija Nedeljo" befürchtet mit Recht, daß diese Verbannung ein Stocken im Handel hervorlnfen wird. * AntisemitischeHetzereien haben am Donnerstag, 16. März, auch in Athen zu Ausschreitungen geführt, und all das wegen eines Tischlers allzu lebhafter Phantasie. Ungefähr um die zehnte Stunde früh hatte sich in der Nähe der Hauptkirche und der Apollostraße eine erregte Volksmenge bei dem kleinen Laden eines armen Juden Raphael Monsypsr, welcher Kessel flickt und anderes Hausgerät ausbessert, angesammelt. Die Menge tobte und schrie, Stöcke wurden geschwungen uitb Fäuste geballt gegen diesen Unglücklichen, von dem ein Geriicht behauptete, er hätte versucht, zwei kleine Christenkinder zu ergreifen, um ihr Blut zu rituellen Zwecken zn gebrauchen. Die Nähe des israelitischen Peßach- Festes hatte die Meinung begünstigt. (Es muß bemerkt werden, so bemerkt die „Akropolis" hierzu, daß dieser Aberglaube bis vor einigen Jahren in Griechenland unbekannt war unb erst durch die Vorgänge in Österreich ntib Deutschland hier Einlaß fand.) Zum Glücke befand sich ganz in der Nähe das Gebäude der Provinzial Präfektur, dorthin führte ein Gendarm den Mann, indem er sich durch die Menge hindurchdrängte. Die Menge fuhr aber fort, zn lärmen und verlangte, man solle den Schuldigen sogleich zur Staatsanwaltschaft bringen. Dies geschah, und zwar mit Hilfe eines geschloffenen Gefängniswagens, um den Mann vor thätlichen Angriffen zu schützen. Die Meuschenmafse folgte tumultnierend hinterher, während der Vertreter des Staatsanwaltes von Zeit zu Zeit ansstieg und sie zum Auseinander g"hen zn bewegen versuchte. Und was stellte sich schließlich als Ursache des ganzen Aufruhres heraus? Raphael Monsypsr hatte zwei Tage vorher ein kleines Gefäß, das er gekittet, zum Trocknen herausgestellt. Die beiden kleinen Kinder des Nachbarn Epitos, von denen das größere kaum ein Alter von acht Jahren hatte, versuchten dasselbe heimlich wegznnehmen. Der Handwerker lief den Kindern nach und nahm ihnen den Gegenstand wieder ab, allein nach einer Stunde war derselbe wieder verschwunden. Als er Donnerstag früh die Kinder wieder Vorbeigehen sah, hielt er das eine fest, bis das andere das entwendete Objekt wiederbringen würde. Sogleich erhoben die Kinder ein großes Geschrei, welches die Aufmerksamkeit der Nachbarn erregte. Für den besagten Tischler genügte dies, die obige Fabel zn verbreiten. Gemeinde, Synagoge nnd Schule. * Man schreibt ans Glbing: Unsere Knltnsbeamten, welche bis dahin von der Kommnnalsteuer befreit waren, wurden 1802 zu derselben herangezogen. Auf eine Beschwerde der Beteiligten hin beschloß die Stadtverordneten- Versammlnng am 60. September v. I., die jüdischen Knltnsbeamten der bisherigen Praxis gemäß von der Kommnnalsteuer freiznlassen. Der Magistrat trat diesem Beschlüsse nicht bei, sondern zog noch erst bei einer Reihe von Städten Recherchen in dieser Angelegenheit ein. Während in mehreren Städten, wie Königsberg, Danzig, Grandenz re. diese Beamten von der Steuer befreit sind, ist dies in anderen Städten nicht der Fall. Der Magistrat ist schließlich dem Beschlüsse der Stadtverordneten beigetreten und werden die jüdischen Knltnsbeamten in Zukunft ch u r n h. von ihrem Gehalte — gleich den anderen Religionsdienern — von der Kommnnalsteuer frei sein. * Der Mendelssohn-Verein in Dresden, zn dessen Mitgliedern auch König Albert und Prinz Georg, sowie noch eine, kleine Anzahl angesehener Christen zählen, hat auch im abgelaufenen Rechnungsjahre wieder Studierende der Medizin, Theologie, des Kunstgewerbes, des Konservatoriums, sowie Handwerkerlehrlinge unterstützt unb auch Darlehen zur Unterstützung von Geschäfts resp. Gewerbetreibenden gewährt. * Das Ableben des Distrikts-Rabbiner Wormser hcrlte die Auflösung des 52 Jahre bestandenen Rabbinats Gersfeld zur Folge. Die bayerischen Kultusgemeinden, welche zu jenem Rabbinatsbezirk gehörten, wurden in das Distrikts- . Rabbinat Kissingen einbezogen und verblieben noch die ' preußischen israelitischen Gemeinden Gersfeld, Tann a. d. Rh., Wüstensachsen und Schmalau-HettenhausemWephers, welche 1 auf den Anschluß an ein in Hessen belegenes Rabbinat an- : gewiesen waren. Nunmehr ist auch diese Frage entschieden. In der vergangenen Woche fand vor dem köuigl. Landratsamt in Gersfeld, durch je zwei Vertreter der betreffendem Kultusgemeinden die Wahl eines Rabbiners statt und wurde als solcher Herr Provinzialrabbiner Dr. Cahn in Fulda gewählt, dem hiermit die Wahrnehmung der religiösen Angelegenheiten und die seelsorgerische Leitung übertragen ist. * n Jehudah Cassutto der Chasan und Prediger der Portugiesischen Gemeinde in Hamburg ist am Freitag,lden 10. d. M. in seinem 85. Lebensjache gestorben. Cassutto war ein großer Sprachkenner; er soll 12—14 lebende Sprachen beherrscht haben. Als 18jähriger Jüngling kann er ans seiner Vaterstadt Amsterdam nach Hamburg und wurde 1828 als Chasan und Prediger angestellt und als solcher sehr beliebt unb geschützt. Außerdem war er als vereideter Translator bei den Hamburger Behörden thätig. * k. Am 15 und 16 d. M. fand die Entlassungsprüfnng an der Lehrer-Bildungsanstalt zu Hannover unter Vorsitz des Herrn Schulrat Wendland statt, es waren in diesem; Jahre mir zwei Abiturienten, die beide die Prüfung bestanden;; der eine wurde auf grund seiner schriftlichen Arbeiten und , seiner Schulzeugnisse voll dem mündlichen Examen disj pensiert. | * S Die Kgl. isr. Oberkirchenbehörde für Wörtern j berg hat Pohlmanns Schrift „Das Judentum u. sein; Recht" an alle Gemeinden des Landes unentgeltlich verteilen > lassen und mittelst Erlasses angeordnet, daß die Mitteilnugen } aus dem Verein zur Abwehr des Antisemitismus auf Kosten j der Gemcindekassen angeschafft werden können. j * 8. Der Staatsanzeiger für Württemberg Nr. 40! kündigt Folgendes au: Bei der israelitischen Kirchenge-! meinde Stilttgart sind infolge der Erledigung des Bezirks-! rabbinats Stuttgart unb der Errichtung eines weitern geist-! lichen Amtes zwei Rabbinerstellen zn besetzen. Die Stelle! des Ersten Rabbiners ist mit einem pensionsberechtigten! Gehalte von 4800 Mk. nebst freier Amtswohnnng unb | Stolgebühren, diejenige des Zweiten Rabbiners, welcher zugleich die Funktionen eines Bezirksrabbiners in den übrigen zum Rabbinatsbezirk Stuttgart gehörigen israelitischen Kirchengemeinden zn versehen hat, mit einem pensivnsberechtigten Gehalte von 3200 Mk nebst einer Mietzinsentschädigung! von 1012 Mk. und Stolgebühren verbunden, woneben die

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