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Jeschurun · 1893-03-31 · 13 (31.3.1893) · p. Seite 201

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
1893
Issue
13 (31.3.1893)
Date
1893-03-31
Page
Seite 201 (sequence 9)
Language
German
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Nr. 13. $ t r dl freisinniger Männer hat zu der Bevölkerung Tilsits das Vertrauen, daß sie den von der konservativen Partei gemachten Versuch, Unfrieden und Haß zwischen den Angehörigen verschiedener Religionen zu stiften, mit Verachtung zurückweift und eS wie bisher für einen besonderen Ruhm unserer Stadt und Bevölkerung ansehen wird, daß alle achtbaren und gesetzmäßigen Burger, gleichviel welcher Religion und Konfession, in Frieden und gutein Einvernehmen miteinander leben." * Die erleuchtete Versammlung des Herrenhauses, so schreibt die „Nation", überwies der Regierung zur Prüfung und Berücksichtigung eine Petition des deutsch-sozialen Reforiuvereins zu Strehlen unb anderer deutsch-sozialer Vereine Die Petition verlangt die amtliche Prüfung der „jüdischen tzZeheimgesetze". Was sind jüdische Geheimgesetze? Wie jüdische Kinder erzogen werden, luiffen die Millionen deutscher Christen; keine jüdische Schule besteht, ohne daß sie vom Staat überwacht würde; es ist and» noch nie gelungen, geheime jüdische Bücher anfzrrfinden, unb vor allem der Talmud ist ein Werk, das in jeder großen Bibliothek vorhanden, und Christen und Juden gleich zugänglich ist. Der Regierungsvertreter sagte daher auch ganz zutreffend, mit einer solchen Petition sei nichts anzirfangen; über den Talmud hätten hervorragende Gelehrte ihr Gutachten abgegeben; nran möge daher die Petition abweiseu. Oberbürgernreister Strnckmanu von Hildesheim warnte, gleich denr Regierungsvertreter Geheimrat Althvfs. Allein diese Kammer der preußischen Pairs nahm die Petition an, und überläßt es nun der Regierung, „die jüdischen Geheimgesetze" zu prüfen, von denen niemand weiß, wo sie zu finden sind, und die, wenn sie im Talmud stehen sollten, so geheimnisvoll sind, daß sie in jeder großen Staatsbibliothek nachzulesen wären. Auch diese Überweisung an die Regierung kann daher keinen Erfolg zur Aufklärung des Volkes haben. Wohl aber einen Erfolg zur Irreleitung des Volkes. * Als der Kardinal Kopp aus Rom nach Breslau zurückkehrte, wurde er auf dem Zentralbahnhof auch von den im Ornat erschienenen beiden Rabbinern, Dr. Rosenthal und Dr. Gnttmanu, begrüßt. Wie schlesischen Blättern von Ohrenzeugen erzählt wird, trat der Kardinal an die Rabbiner mit den Worten heran: „Ich freue mich, daß auch Sie erschienen sind. Seien Sie versichert, in meinem Bezirk wird der konfessionelle Friede gewahrt bleiben, ganz so wie er es bisher gewesen." Ergänzend wird aus Breslau berichtet, daß die beiden Rabbiner von dem Empfangskomits zur Teilnahme an der Empfangsfeierlichkeit eingeladen waren. * Das Märchen vom Ritualmord, das in kanten vor zwei Jahren zu so erregten Szenen führte, hätte jüngst in Posen beinahe ähnliche traurige Erscheinungen gezeitigt. Der Arbeiter Max Przychalla wollte gleich nach 8 Uhr den kleinen dreijährigen Jungen eines seiner Verwandten nach seiner Wohnung, Breslauerstraße 10/11, bringen Er hatte, da der Kleine laut schrie, denselben auf seinen Arm genommen itnd suchte ihn so viel als möglich zu besänftigen. Sein eiliger Schritt wie sein etwas jüdisches Aussehen müssen nun wohl den Verdacht der Passanten erregt haben. Es verbreitete sich nämlich mit Blitzesschnelle in der Straße das Gerücht, daß das Kind entführt sei und von den Juden zu Ritualzwecken geschlachtet werden solle. Im Augenblick r u n. Seite 201. hatten sich Hunderte angesammelt, die auf den Manu eindrangen und demselben den Knaben zu entreißen suchten. Der Arbeiter wurde zu Boden gestoßen und er wäre schwerlich mit dem Leben davongekommen, wenn nicht die Polizei dazwischen - getreten und ihn vor der Wnt der Menge geschützt hätte. Erst nachdem die Schutzleute, welche den Mann kannten, die Leute über den Sachverhalt aufgeklärt hatten, gelang es, die Ordnung wieder herzustellen. Przychalla hatte indessen derartige Verletzungen davongetragen, daß er nach dem städtischen Krankenhaus gebracht werden mußte. Dieses Vorkommnis wirft ein interessantes Licht auf die Entstehung derartiger Beschuldigungen, wie sie in dem Buschoff - Prozeß eine Rolle gespielt haben, wie auch — und das ist für die Poseuer beschämend — auf das Bildungsniveau eines Teiles der Bevölkerung jener Stadt * Das interkonfessionelle Gesetz treibt ganz eigentümliche Blüten. Einem jungen Manne m Ebien gefiel sein biblischer Vorname nicht, er trat arrs dem Judentume arrs, um einen anderen Vornamen einzutauschen, Nach erfolgtem Airstritte fand er sich aber getäuscht, da inan einen Vornamen gesetzlich nicht ändern kann. Er kehrte zum Judeutimie zurück und ist nun der alte mit dem Patriarchennamen. * Im Hinblicke auf den im Gemeinderate in itovafr von antisemitischer Seite eingebrachteir Antrag, das rituelle Schächten im Stadtgebiete zrr verbieten, hat sich nunmehr der Stadtrat im Wege der Statthalterei an das Ministerirrm des Innern mit der Anfrage gewendet, ob die Regierrrug der Ansicht fei, daß ein derartiges Verbot gegen das StaatSgrnndgesetz verstoßen würde und ob die Gemeinde zu einem derartigen Verbot kompetent sei. * Aus Amsterdam wird dem „Wiener Tageblatt" geschrieben: „In Ihrem geschützten Blatte lese ich, daß Mvriz Scharf gestorben sei. Gestatten Sie mir, die betreffende Notiz richtig zu stellen. Vor allem ist es unrichtig, daß Moriz Scharf gestorben ist, er denkt lauge nicht darall zu sterben, sondern erfreut sich des besten Wohlseins. Ferner ist es unrichtig, daß er in Antwerpen das Diamautenschleifen lernt, nachdem er noch nie in Antwerpen war, sondern hier in Amsterdam das Diamantenschneiden lernt. Moriz Scharf ist ein sehr anständiger Mensch geworden unb sehr bescheiden in seinem Auftreten. Nachdem ich ein Landsmann von ihm bin, hat er zu mir Vertrauen und besucht mich oft. Ich besprach einmal mit ihm den Tisza-Eszlarer Prozeß und machte er mir das wichtige Geständnis, daß er die Ester Salvmosy niemals persönlich kannte, mithin die ganze Anschuldigung, welche er vor Gericht seinem Vater ins Gesicht sagte, erlogen war. Ich dringe in ihn heilte, nachdem er majorenn ist, die ganze Geschichte zil veröffentlichen. Unter anderem erzählte er mir and), wie man ihm das ganze Märchen eindrillte. * Den „Börsennachr." zufolge soll im russischen Ministerium des Innern in diesem Herbst eine Rabbinerkommission zur Prüfung einiger Angelegenheiten zusammentreten. Es handle sich um einige vom Gesetze bereits vorgesehene Maßnahmen. In der^Kommission würden ans jeder israelitischen Kultugemeinde der Städte Rußlands, wo Israeliten ansässig sind, zwei Deputierte gewählt. Dem ,,Woschod" zufolge haben in Ismail und Kischinew bereits Wahlen für die Kommission stattgefnnden.

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