Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 1893
- Issue
- 13 (31.3.1893)
- Date
- 1893-03-31
- Page
- Seite 198 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 198. I e s ch u r u n. Nc. 13. b. ©nccai den Führer dieser Gesellschaft, namens Ben Batiach, mit dem er nahe verwandt war, zu sich kommen, um ihn auf die vergebliche Anstrengung und nutzlose Mühe seiner Parteigänger aufmerksam zu machen. „Hab doch Mitleid mit dem Tempel und dem Wenigen, was vom Hungertod verschont geblieben ist," rief der Fromme wehmutsvoll aus. „Ich sehe wohl ein," entgegnete ihm der Sikarierhäuptling, „daß unsere Anstrengung nicht nur vergeblich, sondern auch thöricht und verderblich sei, allein ich besitze uidjt die Kraft, die Wütenden zu beschwichtigen." R. Jochanan faßte daher den Entschluß -- wozu ihm besonders der beregte Sakirierhäuptling riet — Jerusalem zu verlassen imb ins feindliche Lager überzugehen, um mit Schonung und Nachsicht Bespasian persönlich bitten zn können. Wie aber hinüber kommen, da die wütenden Sikaner strenge Wache hielten? fragte R. Jochanan. — „Als Leiche in einem Sarge lasse Dich zur Stadt hinaustragen, entgegnete ihm Ben Batiach. Rabbi Jochanan, der diesen wohlmeinenden Rat annehmbar fand, ließ sich von seinen Schülern R. Josna und R. Elieser in der Abendzeit in einem Sarge, in welchem auch ein Stück vertvestes Fleisch, das einen Leichengeruch verbreitete, lag, durch die Stadt hinanstragen. Beim Stadtthore, wo die Sikarier Wache hielten, angelangt, wollten diese die Leiche nicht unbesehen passieren lassen. Allein Ben Batiach, der sich ebenfalls dem Leichenznge angeschlossen hatte, rief ihnen warnend zu- „Versündigt Euch ja nicht an der Hülle des von ganz Israel hochverehrten nub nunmehr tief betranerien frommen Lehrers!" Dieser Mahnruf genügte und der Kondukt konnte weiterziehen. Als R. Jochanan sich dann dem Feldherrn Vespasianns vorstellte, wurde er von ihm, dem er prophezeiht haben soll, daß er römischer Kaiser werden tvürde (Gittin 50), aufs freundlichste empfangen. R. Jochanan, der wohl einsah, daß der Fall Jerusalems unvermeidlich sei, stellte bescheiden die Bitte, man möge ihm gestatten, in Jabne (Jamnia) ein Lehrhaus zu gründen. Bespasian, der wohl kaum geahnt haben mochte, daß durch die Gründung einer Schule in Jamnia das ideale Jndetttum ans seinen Trümmern sich erheben und mit verjüngter Kraft das Römertnm Jahrtausende überdauern werde, gewährte ohne weiteres dem frommen Rabbi seinen Wunsch (ibid.). In Jamnia, dem neuen Schauplatze seiner überaus segensreichen Wirksamkeit, wurde ihm die Patriarchenwürde verliehen, da G.imliel II., Sohn des Märtyrers R. Simeon b Gamliel, noch zu jititg war, um dieses hochwichtige und durch die mittlerweile eingetretene Katastrophe so schwierig gewordene Amt bekleiden zn können. Hier entwickelte er eine staunenswerte Thütigkeit. Sein ganzes Streben, Forschen nub Denken war dahin gerichtet, das Judentum zu erhalten. Jamnia, Sitz des gesetzgebenden Körpers, erklärte R. Jochanan auch für den Fall einer Ortsveränderung, als die Stellvertretung des einstigen Synhedrions, womit auch so manche Vorrechte verbunden waren. Viele Veränderungen, die auS jener Zeit stammen, werden ihm zugeschrieben. Wir wollen hier blos das eine erv'ähnen, daß er der Synagoge zu Janinia das Recht erteilte, am Neujahrstage, selbst wenn er ans einen Sabbat fiel, das Horn blasen zu lassen. R. Jochanan mußte oft Religionsgespräche mit Heiden führen, die ihn häufig mit sonderbaren religiösen Fragen belästigten. Ein Heide rief ihm zn: „Ihr erscheint oft mit vielen Euren Zeremoniell wie Zauberer. So z. B. schlachtet Ihr eine junge Kuh, verbrennt sie, zerstoßet sie, sammelt die Asche, lver dann die Asche berührt, wird unrein, und den Unreinen bespritzt Ihr mit Wasser, und so lvird er rein." R. Jochanan entgegnete ihm: „Warst Du schon einmal von einem bösen Geiste besessen?"*) „Nein!" erwiderte jener. — „Hast Du noch keinen vom bösen Geiste besessenen Menschen gesehen?" — „O ja," antwortete der Heide. — „Und wie werden diese bei Euch frei gemacht?" — „Wir nehmen verschiedene Kräuter, räuchern sie, gießen Wasser darauf und der böse Geist entflieht." — „Nun denn, diese Bewandtnis," entgegnete R. Jochanan, „hat es mit dem Unreinen. Er ist für uns wie ein vom bösen Geiste Besessener, mall bespritzt ihn mit Wasser itub der böse Geist entweicht." Als der Heide sich entfernt hatte, stellten die Jünger R. Jvchanans dieselbe Frage an ihn, wobei sie bemerkten: „dem Heiden hast Drr von seinem Standpunkte ans geantwortet, wie wirst Dll rrns gegenüber diese Frage beleuchten?" Der fromme Rabbi antwortete: „Nicht der Leichnam verunreinigt, nicht das Entsündigllngswasser reinigt, allein Gott hat es so geboten, uiiö dagegen zn handeln oder darüber weiter zu forschen ist uns nicht gestattet (Sabb. p. 244)." Im Talmud sowohl als auch im Midrasch werden noch mehrere Religionsgespräche wiedergegeben, die R. Jochanan mit gebildeten Heiden geführt, lvobei er stets ihre Fragen, durch welche sie ihn« Verlegenheiten bereiten wollten, glänzend zll widerlegen verstanden. Daß er trotz feiner wahrhaften Frömmigkeit tolerant Ulld milde war, beweist die Äußerung, die er in Gegenwart seiner Jünger, als es sich um die Erklärung lind Erläuterung der Spr. 14, 34 handelte, gethan. Er sagte: „So wie Israel durch Sündofer gesühnt wurde, so sühnen die Heiden ihre Sünden durch gute Werke; man müsse daher das Gute, das sie thun, als gut anerkennen (B. B. 10). Sein Wahlfpruch war: „Hast Du viel gelernt, so thue Dir selber nicht viel zu gute darauf; denn dazu bist Du von Gott geschaffen (Aboth 11. 8)." Als er einst fünf seiner hervorragendsten Schüler fragte, welches denn der Weg sei, an den sich der Mensch zn halten habe? sagte Elieser: ein gutes Auge, R. Josna meinte: ein guter Freund, R. Jose: ein guter Nachbar, R. Simeon: wer in die Zukunft zu schauen vermag, R. Eliasar aber sagte: ein gutes Herz. Hierauf bemerkte R. Jochanan: Ich ziehe Eliasars Worte beu Eueren vor; denn in den seinen sind die Eueren enthalten (Aboth II. 9). Vor seinem Hinsckieiden segnete er seine Schüler mit folgenden bedeutungsvollen Worten: „O, daß in allen Eueren Unternehmungen Euch die Gottesfurcht, vorschwebte, wie die Furcht vor den Menschen." (Ein drittes Kapitel folgt.) Litteratuv-Briefe. Bon Dr. Ludwig A. Rosenthal. Zweiter Brief. Dr. Adolf Jellinek — wenn ich auf einer Schrift diesen Namen lese, so überkommt mich stets ein wohliges Vorgefühl, wie wenn ich mich in eine anregende Gesellschaft be- *) R. Jochanan pflegte gewöhnlich in der Beantwortnng ähnlicher Fragen sich auf den Standpunkt des Gegners zu stellen, um jenen mit seinen eigenen Waffen zn schlagen, 'während er seinen Schülern gegenüber dieselben Fragen vom theologischen Standpunkte ans beleuchtete.