Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 1893
- Issue
- 13 (31.3.1893)
- Date
- 1893-03-31
- Page
- Seite 197 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 13. Ji c f rij n r n ii. hs~ Seite 11)7. so hat es doch niemals bei den Juden ein professionelles, dem Schamanentum nicht ganz unähnliches Wnnderthütertum gegeben, und die Rabbiner, die Hüter des Gesetzes, waren zu allen Zeiten die strengsten Gegner solcher Erscheinungen. Seit der Mitte des vergangenen Jahrhunderts besteht der Glaube an Wnndermänner in gewissen Schichten der jüdischen Bevölkerung in Polen, Südrußland, Nordnngarn und Rumänien. Sie verrichten nicht allein leibliche Wunder, das geschieht nur nebenbei, ihre Hauptthätigkeit gipfelt in der Verbesserung, ja Erhaltung der Welt und der seelischen Hebung ihrer Ergebenen. Zu dieser „Madregah" (Stufe) kann selbstverständlich nicht jeder Sterbliche ohne weiteres gelangen, dazu g hört nicht bloß eine lange Vorbereitung durch Fasten, Waschungen, Gebete und besonders „Hisbodedoth" (Verweilen in der Abgeschiedenheit von jedem Verkehr mit Menschen) und andere fromme Übungen, sondern vornehmlich eine „hohe" Seele, welche „mesngvl" (geeignet) ist, den Grad der „Kednschah" (Heiligkeit) zu erreichen, ein „Zaddik" (Gerechter) zu werden. Der „Zaddtk" wird auch „Rebbe" oder im Volksmunde „guter Jüd" genannt. Jeder Zaddik hat eine Gemeinde seiner Gläu igen, die Gesamtheit der Gläubigen nennt sich „Chassidim" d. h. Fromme. Ein Chassid ist schon an seiner Tracht erkenntlich, durch die er sich von den übrigen Juden unterscheiden will. Sein Kaftan ist länger als gewöhnlich, der Gürtel, den andere beim Gebet über dem Oberkleide um ihren Leib wohl zu schlingen pflegen, verläßt ihn den ganzen Tag nicht, er trügt stets „Schuhe und Socken" und die Ceitenlöckchen, „Peoth", läßt er sich sehr lang wachsen. Nachlässigkeit, besonders in der Kleidung, ist in der Regel die Eigentümlichkeit der Chassidim und es gehört sozusagen zum guten Ton, ohne Halsbinde, mit geöffnetem Vorderhemde zu erscheinen. Der Chassidismus lehnt sich an die jüngere Kabbalah des Lnrja und seines Schülers Lital- Calabrese an, aber man kann nicht behaupten, daß viel von dem Inhalte derselben in ihn übergegangen wäre. Der „Sohar" wird von den Chassidim zwar fleißig „gesagt", aber nur in sehr seltenen Fällen verstanden; denn schon dem bloßen Wortklange, ja den Buchstaben dieses Buches wird eine der Seele heilsame Wnnderkraft zugeschrieben. — Die Chassidim halten nicht die für die drei täglichen Gebete bestimmten Stunden inne, sondern lieben es, die Zeit ihres Betens willkürlich 51t wählen, denn sie stehen zu Gott überhaupt ans vertrautem Fuße. Ein Chassid wird sich nicht eher znm Gebete hinstellen, bevor er die gehörige „Hislahabvth" (inneres Entflammen) in sich spürte; er nimmt es zuweilen mit dem strengsten Verbote nicht genau, um eine andere Vorschrift um so eifriger anszuführen; er denkt durchaus nicht an eine Auswahl der Vorschriften, Wichtiges und Unwichtiges, Erhabenes und Gleichgültiges, alles ist ihm gut, besonders wenn man darin einen „Sod", ein tiefes Geheimnis, hineindichten kann, welches zu enträtseln er aber nicht sehr neugierig ist Freudigkeit, ein heiteres Gemüt und eine gehobene Stimmung sind ihm beim Gottesdienste unerläßlich, was er durch den Genuß geistiger Getränke am meisten errreicht. Sorglosigkeit in bezug ans seine weltlichen Interessen ist dem Chassid eigen, und ein bis znm Fatalismus gesteigertes Gottvertrauen ist das Merkmal des echten Gläubigen. Es herrscht übrigens noch hente unter den Chassidim eine Art Kommunismus, und die Reichen verschließen ihre Hand nie den ärmeren Genossen, welche das gelegentliche Betteln als eine ganz natürliche Sache ansehen. Jeder Chassid thut einige Male des Jahres eine Pilgerfahrt zu seinem Zaddik oder Rebbe, von dessen Stellung, seinem Einfluß und seinem Ansehen, demnächst ausführlich erzählt werden soll. vr. 8. K. Mkilschaft und Meratur. Die hervorragendsten Apologeten in der talmudischen Zeit. Bon Dr. M h Friedliinder i i. R. Jochanan b. Saeeai. Nachdem der Tempel verbrannt, die Stadt zeistört lvurde, so daß kein Stein auf dem andern blieb, die Edelsten des Volkes, sowie überhaupt ein großer Teil der Bevölkerung schonungslos niedergemetzelt, das Synhedrialoberhanpt R. Simeon b. Gamliel durch des Wüterichs grausame Hand umgebracht und der schwache Rest der einst so groß gewesenen Nation teils als Sklaven verkauft 1111b teils zu den Bleiwerken Agygtens oder znm Kampfe mit wilden Tieren verurteilt wurde, schien das geistige, weltbelehrende Judentum seinem Ende entgegen zu gehen. Allein es entstand ihm in der Person des R. Jochanan b. Saeeai, der umsomehr ein Römerfreund sein zu müssen glaubte, als er von der Idee durchdrungen war, daß die Aufgabe des Judentums nicht im blutigen Kampfe mit erbitterten Feinden, sondern in der Verbreitung der erhabenen Gottesidee, in der För-! dernng von Kultur, Bildung, Humanität und Zivilisation besteht, sein Erretter und Restaurator. Gleich seinem großen Lehrer Hillel, hatte auch er die schönsten Tugenden und Eigenschaften, die einen Volkslehrer zieren und schmücken sollen, in sich vereinigt. Nach Maimonides und Raschi (Sabb 34) soll er einer Priesterfamilie entstammt sein, was jedoch von Tvsafvt (Menach. 21) in Abrede gestellt wird. Sv viel ist gewiß, daß er zu den! hervorragendsten verdienstvollsten Persönlichkeiten seiner Zeit 1 gezählt und der Glanzpunkt der Gelehrsamkeit genannt j wurde (Sota 15). Im Jernschalmi Nedarim 7. wird erj zählt, daß Hillel seinem Schüler Ben Saeeai, der unter j 80 Schülern der jüngste gewesen ist, prophezeiht habe, er i werde einst eine bedeutende Rolle zu spielen berufen sein.! Lange Zeit vor der Zerstörung Jerusalems hatte R. Jvchaj nan im Synhedrinm Sitz und Stimme nnb hielt int Schatten | des Tempels in Gegenwart großer Ztthörermassen wissenj schaftliche und gottesdienstliche Vorträge. Nicht nur die > Saddneäer suchte er gründlich zu widerlegen und sie von > der Leerheit, Hohlheit und Nichtigkeit ihrer Grundsätze und j Prinzipien zu Überzeltgen, sondern er war auch zur Zeit j der furchtbarsten Revolntivnsstürme aus allen Kräften be- | müht, die Zeloten, die lieber alles aufs Spiel setzeit wollten, j als die Stadt gutwillig zu übergeben, zur Unterwerfung j zu mahnen, um wenigstens den Tempel retten zu können, i Es gab nämlich um jene Zeit eine Zeloten Partei in I Jerusalem, die von dem Geiste des Vandalismus derart! durchdrungen war, daß sie in ihrer Zerstörungswut oft die > würdigsten und verdienstvollsten Männer des Volkes, weil j sie, um Tempel und Vaterland zu retten, an die Milde I des Feindes zu appellieren empfohlen haben, meuchlings j überfielen und schonungslos niedermachten. Diese Verblen- > deten wurden Sikarier genannt, weil sie kurze Dolche (Sika) unter den Gewändern trugen. Einst ließ R. Jochanan