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Jeschurun · 1893-03-31 · 13 (31.3.1893) · p. Seite 195

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
1893
Issue
13 (31.3.1893)
Date
1893-03-31
Page
Seite 195 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 13. Seite 195. h>- 3 t f rij u r u n. Hgnjfrtfbcncn Wegen, fortgeschritten im Lichte der Zeit, nur der finstere Haß wider Zion ist ewig unveränderlich. „Noch rostet der Tog vor Nob, noch droht die Hand, die geschwungen gegen den Berg Zions, gegen den Hügel Jerusalems," wie zur Zeit, da der Prophet, der also klagte, dies mit eigenen Augen sah. Gekrönte Häupter, geistliche Fürsten, schwerterschwingende Feldherren, adelsstolze Geschlechter, Beamte und Räte aller Völker und Staaten, bis herab zum niedrigen Bettler und gemeinen Verbrecher haben mit dem Hoch mute der Großen und der Engherzigkeit der Kleinen, mit der Habsucht der Reichen und der Roheit der Besitzlosen deni Zionsvolke das Leben, das ihm gelassen wurde, bitter, und elend zu machen gewußt. Nicht Bildung, nicht Wissenschaft, nicht Religion noch Humanität, nicht Aufklärung oder Philosophie vermochten die feindliche Gesinnung zu dämpfen, die Israel gegenüber tief eingewurzelt sich zeigt, und wenn wir uns die gedrückten Gestalten unserer Väter in Erinnerung zurückrufcn, wie sie gedemütigt und gebeugt auf Erden gewandelt, ausharrend in der Hoffnung, daß es ihren Kindern einst besser ergehen werde, so müssen wir uns sagen, sie haben umsonst gelitten, denn auch vor uns, ihren Kindern, steht noch der Tag still, erhebt sich die drohend geschwungene Hand, die aus den Berg Zions und den Hügel Jerusalems haßgerüstet deutet. Was der Prophet zur Zeit Sanheribs nach der talmudifchen Tradition selbst mit angesehen, das erschauen wir noch heute mit drohenden Zeichen. Er sah mächtige Heerscharen mit Sturmeseile aus den Thälern Assyriens sich heranwälzen gegen die Höhen Palästinas, an der Spitze den sieggekrönten Welteroberer mit blitzendem Auge der Stunde harrend, in der seine Mauerbrecher den Tempel Gottes in Trümmer legen werden, den ganzen Weg entlang danach schmachtend, vor Abschluß des Tages noch in Nob, der Jerusalem beherrschenden Position, einzutreffen, weil seine Zeichendeuter ihm geweissagt hatten: „An diesem Tage, den Kampf gegen Juda beginnend, werde er es bestimmt besiegen." Mit Riesenschritten wälzen sich noch heute die Massen. Keuchend beschleunigen sie die Schritte, ihnen voran die heiser sich schreienden Wegzeiger, die sie anfeuern zum Sturme, ihnen das Ziel zeigend, nach welchem sie die Giftpfeile zu schleudern haben, ihnen zur Seite die bekuttelten Zeichendeuter, die den Sieg Vorhersagen, wenn die günstige Zeit so rasch und schnell als möglich ausgenützt wird, den tötlichen Vorstoß mit wuchtiger Kraft unverzüglich zu unternehmen. „Nur jetzt los gegen Juda, heute ist der Tag, es muß unfehlbar verenden!" Wie oft hat sich doch dieser Übermut, gepaart mit Feindeswut, schon dem thränenerfüllten Auge Israels gezeigt? Kein Welteroberer zog an ihm vorbei, ohne nicht auch den Fall Jerusalems in seinem Ruhmeskranz miteinslechten zu wollen. Mehr als die Gewässer des Jordan flössen schon des Blutes Ströme um den Besitz dieses kleinen Ländchens und als es zerstört und dessen Bewohner in alle Welt zerstreut worden, ging nicht ein Mann der Weltgeschichte über die große Bühne, ohne wiederum Israels Kinder der Vernichtung anheimgeben zu wollen. Alle Machtfaktoren wurden in Bewegung gesetzt, die heuchlerischen Zeichendeuter der Zeit postieren sich an der Seite, aneifernd, anfeuernd, aufmunternd: „nur los mit den gewaltigen Scharen, heute; ist der Tag der Zertrümmerung gekommen, heute noch stoßet? zu und das jüdische Volk ist tot für immer!" Und du, Israel, glaubest dennoch an die Menschheit, daß sie je ihrem Namen gerecht werden könnte! Bon solchen Empfindungen gequält, tritt unser Volk jetzt wieder dem Feste der Erlösung näher. Mit einem Freudenschrei des Jubels sollte es wie die Lerche das Frühliugsfest der innern und äußern Befreiung, mit schmetternden Tönen begrüßen, es begegnet indes dem erstickten Schrei der Verzweiflung, der seine Kehle zuschnürt, und ans diesen zweien sich gegenseitig paralysierenden Gefühlen, die seiner sich bemeistern, entwickelte sich ein drittes, das beiden nah verwandt und doch kein ihnen gleiches ist: das der unnennbaren Schwermut und der Melancholie. Es sieht, daß Liebe und Zuneigung der Völker sich nicht erzwingen lassen; das Erregen, das Erwecken derselben durch das Bestreben edelster Empfindungen nützen nichts, führen nicht ans Ziel.! Mag Israel auch eintreten für Freiheit, Bildung und j Kultur, thät'g sein in Handel, Industrie und Verkehr, seine! Geld- und Blutsteuer mit Opferwilligkeit leisten, Wohl-! thätigkeit üben, gemeinnützige Institute fördern, Kunst und! Wissenschaft pflegen: es nützt nichts —■ der Jude wird ver-! dächtigt, ungestraft verhöhnt, die papiernen Gesetze, die ihn schützen sollen, sind nur ein Feigenblatt, um die eigene Gedankenblöße zu bedecken. Die „Assimilation" nützt dem nicht, der hartnäckig überall zurückgewiesen wird. Snlamith erinnert uns: „Ich habe euch beschworen, ihr Kinder Jerusalems, bei den Rehen und Gazellen des Feldes, wecket sie nicht, erreget sie nicht, die Liebe, bis sie von selbst sich giebt." Die gesuchte Liebe der Schwesternationen, sie kommt nicht bis einst am Ende der Zeiten allgemeiner Intelligenz, diese von selbst sich entwickelt. Und wenn die Zeit zu lange uns däucht und hie und da das jüdische Volk nahe daran ist, den Glauben an die Menschheit zu verlieren, da erinnert es sich mit jedem Peßachfeste an die Schwüre, die Gott, mit dem Beginne des Exiles, Israel und der Menschheit auserlegt. Jenes wurde beschworen, sagt der Talmud, die abschließende Mauer nicht mit Gewalt ersteigen zu wollen, und den Regenten Treue zu bewahren; diese, Israel nicht zu sehr zu bedrücken. Das Nichteinhalten dieses Schwures hat noch immer an den Eidbrüchigen traurig sich gerächt, an den Eidestreuen glänzend sich belohnt. Wie ist der gottlose Syrer-Grieche vom harten Römer niedergetreten und dieser vom herabziehenden nordischen Barbaren in Stücke gerissen, wie sind diese vom menschenmvrdenden Schwerte des Jsmaeliten niedergeschlagen worden, um dann gleichfalls, der Menschlichkeit vergessend, in sich! selbst zusammenznsinken! Das schöne Spanien, das eine Weltmacht war, cs ist durch seine grausame Unduldsamkeit eine Ruine geworden; das herrliche Italien, es hat, von bigotten Führern mißleitet, unter Tyraunenketten geseufzt; das große Deutschland hat in einem aus Religionshaß entzündeten Bürgerkriege j auf zwei Jahrhunderte hinaus sich verblutet; das mächtige England ist von Richard Löwenherz bis Cromwell an unduldsamen Pietismus fast erblindet; die südamerikanischen Republiken sind noch gegenwärtig der Verlotterung preisgegeben, die sie vom intoleranten Mutterland als Erbschaft im Blute mitgenommen; während dort, wo der freie Geist

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