Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 1893
- Issue
- 13 (31.3.1893)
- Date
- 1893-03-31
- Page
- Seite 194 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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scitc 194. I e s ch n r u n. -<r Nr 13. in dem seine besten Geister des letzten Jahrhunderts sich bewährt haben, errungen und verteidigt hat, und sich zurückziehe auf sich selbst — das ist die Flucht nach innen. Die eine Gefahr heißt Fahnenflucht, die andere heißt Absonderung und Rückschritt. Verfasser wendet sich sodann dem heiklen Thema „Glaubenswechsel" zu. Wenn ein Jude glaube, den Frieden seiner Seele im Christentum besser finden zu kvnen, so werde man ihn ebensowenig verdammen können, als den Christen, der aus ähnlichen Gründen dem Judentum sich zuwende. Nur sei der mit der Ablegung eines Bekenntnisses verbundene Religivnswechsel für den Freisinnig e n ein Schritt, der ohne Vorbehalt nicht vollzogen werden könne. ,,Es ist etwas anderes" — schrieb der Vater des Vers., der entschlafenen Berthvld Auerbach vor etwa einem halben Jahrhundert an einen Freiend, — „Religion der Geburt oder Religion der Wahl — diese müßte die absolute Wahrheit selbst sein, wenn wir uns zu ihr bekennen könnten. Hier gelten keine poetischen Ausschmückungen und keine Rücksicht auf Zeittendenzen, sondern die gegenwärtige in die endliche Fassung gedrängte, zur positiven Gestaltung verengte Wirklichkeit .... Ich erkenne eben hierin einen Vorzug des Judentums, daß es von dieser Fessel (des Bekenntnisses) frei ist." — Aber vollzieht denn heutzutage, in einer Zeit, in der das religiöse Moment mehr und mehr zurückgedrängt wird, der Glaubenswechsel in der Mehrzahl der Fälle sich wirklich aus iunern, religiösen Gründen? Zumeist sind es Gründe äußerer Art, die ihn veranlassen; gewöhnlich, um den unangenehmen Äußerungen desAntisemitismus zu entgehen. „Und wenn nun gar dieser Glaubenswechsel erfolgt, um auszuscheiden aus der Reihe derer, die gekränkt und bekämpft werden — wie wäre er vom Standpunkte der Moral zu entschuldigen, sei es jüdische, sei es christliche Moral?! Die Moral aller Religionen, aller Völker und aller Zeiten, sie war einig in der Verurteilung desjenigen, der in der Stunde der Gefahr sich feige von den Seinen lossagt." Noch packender ist der folgende Abschnitt. „Acer," jo antwortet man, „wenn das alles auch richtig ist, wie halten wir es mit unseren Kindern? Wir selbst wollen die Fahne nicht verlassen. Aber sind wir nicht berechtigt, sind wir nicht_ verpflichtet, unseren Kindern das zu ersparen, was uns beschieden, ihnen die Wege zu ebnen für das Leben, für sie bie Schranke niederzureißen, die sie von ihren Mitbürgern trennt?? Es ließe sich darauf entgegnen: „Wenn ihr nicht feige sein wollt für euch selbst, wer giebr euch das Recht, feige zu sein für eure Kinder? Wer sagt euch, daß diese es euch einmal danken werden, losgelöst worden zu sein von der Gemeinschaft, der ihre Eltern angehörten?" — Ich möchte aber die Frage doch tiefer fassen. Zwei Fälle sind möglich: entweder der Antisemitismus wird verschwunden sein, wenn die nächste Generation herangewachsen ist, — dann ist der Glaubens- Wechsel überflüssig, oder die künftige Generation wird noch unter ihm zu leiden haben, — dann wird der Glaubenswechsel sich voraussichtlich als nutzlos erweisen. Trifft aber die letztere Alternative ein, was wir nicht hoffen wollen, quält euch denn der Gedanke nicht, daß eure Kinder dann vielleicht in den Reihen derer kämpfen werden, welche die Glaubensgemeinschaft befehden, der die Eltern angebört haben? Eine schlimme Möglichkeit!" Aber sie fällt noch nicht so schwer ins Gewicht, als die Schädigung, der man die Kindesseele aussetzet. Es ist kein Kleines, das Kind von allen Traditionen loszureißen, ihm zu sagen, du hast einen anderen Glauben als deine Eltern, du betest anders zu deinem Gotte als diese. Wer kann ermesst n, welche Zerstörung in der Kindesseele dieser Zwiespalt bewirken kann, bewirken muß. Oder will man dem Kinde bie Lehre geben: das alles sind nur Äußerlichkeiten, die Verschiedenheiten der Religionen bestehen nur in den Köpfen ihrer Priester? Damit würde man den gefährlichen Schritt wagen in der Kindesseele mit der Religion auch das Gefühl für Religiosität zu zerstören, imd welche Bedeutung der einzelne auch immer je nach seiner Denkart der Religion beilegen mag, in diesem Falle hat er mit der Gefahr zu rechnen, das Moralgefühl im Keime schwer zu beeinträchtigen. „Wahrlich, wenn ich -vor der Wahl stehe, diese Verantwortlichkeit zu übernehmen, oder meinem Kinde gewisse Lebensbahnen vielleicht nicht zu eröffnen, — ich glaube, die Entscheidung wird in diesem Falle nicht schwer sein." Man mache den Inden häufig den Vorwurf unbescheidenen Wesens. - „In der Erscheinung des Glaubenswechsels zeige sich nun gerade, meiner Ansicht nach, ein übergroßes Maß von Bescheidenheit. Bescheidener kann mau nicht handeln, als indem man die eigene Religion zu gunsten einer andern aufgiebt. Ich möchte ein anderes predigen: mehr Selbstgefühl, mehr Stolz auf unser Judentum! Wenn wir die Religionen auf ihren ethischen Gehalt untersuchen, so werden wir finden, daß das Judentum fürwahr nicht zurückzutreten braucht." Und nachdem er auch gegen die Flucht nach innen, die Absonderung plaidiert, bemerkt der Vers, in dem letzten Abschnitt seiner Schrift: ^llles überflüssig Trennende zu beseitigen, dabei aber den innern Kern unserer Religion zu erhalten, das sei die hohe Ausgabe des modernen, fortschreitenden Judentums. „Möge man uns nicht entgegen, daß unsere Religion dabei ihren Charakter verlieren würde. Sie wird im Gegenteile ihren wahren Charakter herauslösen aus dem überflüssigen, die Entwickelung hemmenden Beiwerke, das sich im Laufe der Jahrhunderte, im langen Kampfe um die Existenz angesetzt hat. Nicht aufgehen soll das Judentum in anderen Religionen, aber sich so entwickeln, daß es allen Religionen ein Vorbild sei!" — So sehr auch einzelnes den Widerspruch des Lesers herausfordert, so kann die Schrift von Fritz Auerbach auf das wärmste empfohlen werden, weil aus jedem Satze warme Begeisterung und unerschütterliche Überzeugungstreue spricht, und weil die ganze Schrift durch eine schöne, obwohl ungesuchte Sprache anregend und anmutend wirkt. jettende Artikel. Zum Peßachfeste. Von W- Reich. Arthur Schopenhauer haßte die Juden wegen ihres „unverschämten Optimismus". Die frohe Hoffnungsfreudigkeit der jüdischen Natur war ihm von Herzen zuwider; ihr felsenfester Glaube an die Menschheit, welche einer großen, messianischen, friedensreichen Zeit entgegenstrebt, war dem Philosophen des arischen Pessimismus unverständlich und rätselhaft. Wenn es aber je ein Volk geben könnte, welches den Glauben an die Menschheit zu verlieren berechtigt wäre, so ist es gewiß das jüdische. Viertausend Jahre Kulturgeschichte sind an demselben vvrübergerauscht mit ihren mächtigen Schwingen, alles ist, wenn auch langsam und auf vielfach gekrümmten und ge-