Mannheim
Compact Memory

Jeschurun · 1893-02-03 · 5 (3.2.1893) · p. Seite 74

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
1893
Issue
5 (3.2.1893)
Date
1893-02-03
Page
Seite 74 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/9610650-9609441-9609442--093-9609452
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 74. I e s ch Die versäumte Post als Heiratsvermittlerin. Erzählung von Pierrenne (Fortsetzung und Schluß.) So verging unserem I. ein Semester noch dem andern, ohne daß sich in dem Verhältnisse der N. zu ihm etwas geändert hatte. Nach wie vor war er ihr in den selten eintreffenden Briefen nur der „verehrte Freund", und der Ton, welcher in denselben angeschlagen wurde, war für ihn keineswegs ermunternder geworden. Im Gegenteil, er glaubte wahrzunehmen, daß ihr Benehmen gegen ihn bedeutend kühler geworden sei. Da nun die Liebe von jeher argwöhnisch ist, so konstluierte sich die Phantasie unseres Freundes einen leibhaftigen Nebenbuhler in der Person eines Onkels der N., welcher gegen dieselbe über die Maßen aufmerksam war. So oft nun das Fräulein in den Ferien nach Hause kam und?). das N/sche Haus besuchte, gab es seltsame Scenen, welche von Madame Eifersucht aufgeführt wurden. Er war deshalb jedes Mal nur wenige Stunden in dem Hause des N. und suchte in der Residenz Zerstreuung für sein betrübtes Gemüt. Er fand dieselbe gewöhnlich in den Büchern, seltener in der Gesellschaft seiner Freunde, unter denen sich sowohl Studierende als auch junge Kaufleute befanden. Als er nun eines Tages seinem intimsten Freunde seine mißliche Lage schilderte, gab ihm dieser den Rat, die Besuche in F. entweder gänzlich einzustellen oder dieselben so selten zu machen, daß es den Eltern der N. auffallen müßte. Es würde sich daun Herausstellen, meinte er, ob ihnen daran gelegen sei, daß das Verhältnis fortbestehe oder nicht. Allein auch dieses Experiment wirkte nicht. Nach wie vor sträubten sie sich gegen eine förmliche Verlobung ihrer Tochter mit?)., auf welche dieser um so mehr drang, je stärker in ihm die Macht der Eifersucht wurde und je we. niger ihm Gelegenheit geboten war, mit seiner Angebeteten zusammenzukommen. Er konnte die Befürchtung nicht los werden, daß der Gegenstand seiner unbegrenzten Liebe ihm doch am Ende von einem andern streitig gemacht werden könnte. Ist es doch eine unbestreitbare Thatsache, daß wir dasjenige, was wir am meisten beben, auch am meisten zu verlieren befürchten. In diesem Falle war die Befürchtung aber auch nicht ganz unbegründet. Denn es schoben sich allmählich so manche Schatten zwischen die beiden Liebenden, welche teils in Gestalt von Heiratsvermittlern, teils in der noch schlimmern von böswilligen Zungen, das Verhältnis zu stören drohten. — Wenn jemand unter den Lesern dieser Erzählung vielleicht das ausführliche Schildern dieser Episoden für überflüssig und langweilig halten sollte, so möge er bedenken, daß m denselben das Hauptmotiv für den von unserem Freunde H. unternommenen, sonst unbegreiflichen Schritt enthalten ist- Dieser Schritt bestand in der Bewerbung um eine Stelle, wodurch ein Abspringen von der mit solchen Hoffnungen begonnenen Laufbahn herbeigeführt wurde. Mit diesem Schritte glaubte Ä). jedoch, den gordischen Knoten, dessen Lösung ihm in so weite Ferne gerückt erschien, einfach durchzuhanen. Er wollte vor die Eltern mit einem fait accompli hintreten. Denn er rechnete mit Bestimmtheit darauf, daß die Macht der Thatsachen sich stärker erweisen werde, als die glänzendsten Aussichten in eine ferne Zukunft. Und der Erfolg sollte auch diesen Glauben rechtfertigen. u r u n. Nr. 5. Die Berufung des H. an eine altberühmte Anstalt war eine sehr ehrenvolle. Mit der Bestallungsurkunde trat nun unser Freund vor den Vater seiner Erkorenen hin, um dessen Einwilligung zur baldigen Verlobung zu erwirken. Der Vater, ein praktischer Mann, der die Wahrheit des Spruches von dem Vorzüge des Sperlings in der Hand durch eigene Erfahrung erprobt hatte, billigte wohl das Vorgehen des I. Was jedoch die Verlobung betrifft, so machte er dieselbe von der Zustimmung der Tochter abhängig. sollte sich diese Zustimmung selbst holen. Allein dieses war nicht so leicht, wie man sich's vielleicht denken möchte. Denn unser Fräuletn, ein Kind der Neuzeit, deren Ideal sich unschwer in die beiden Worte ,.L’honneur et largent“ zusammenfassen läßt, dachte über die Sache ganz anders. Sie hatte sich schon in die glanzvolle Stellung als Frau Professor hineingeträumt, daß sie auf jede andere Karriere vom Lehrfache von oben hcrabsah. Sv mußte unser Freund seine Stelle antreten, ohne das Jawort seiner Anserwählten erhalten zu haben Indessen ließ die Zähmung der Widerspenstigen nicht allzulange auf sich warten. Denn als I. im nächsten Jahre die Familie N. wieder besuchte, war von einem ernstlichen Widerstande der jungen Dame keine Rede mehr. Und die Lehren, welche aus dieser Erzählung vor allem sich ergeben, sind: 1. Wahre Liebe besiegt alle Hindernisse. 2. Vor der Macht der Thatsachen schwinden alle Illusionen. Kleine Chronik. Bürgerliche Verhältnisse. * Zu dem Aufruf der Berliner Glaubensgenossen bemerkt die „Nation": Dieses Vorgehen ist durchaus berechtigt, und es ist nur zu bedauern, daß die Juden nicht schon früher thatkräftig für ihre Selbstverteidigung eingetreten sind; denn die erste Vorbedingung, um im politischen Leben respektiert zu werden, liegt in dem Beweise, daß ein Angegriffener den nachdrücklichen Willea zeigt, sich mit allen gesetzlichen Mitteln seiner Haut zu wehren. Daß aber die zusammengebrachten Mittel eine verständige Verwendung im Kampfe gegen die antisemitischen Agitationen finden werden, darf man hoffen; denn zu den Unterzeichnern des Aufrufes gehören eine ganze Reihe von Männern, die in öffentlicher Thätigkeit erprobt sind. * Die „Antis. Korr." bringt jetzt in einer regelmäßigen Beilage eine Übersicht über die Thätigkeit ihrer Parteigenossen. Nach einem Verzeichnis sind im Jahre 1892 in dem gen. Blatte 305 deutschsoziale Versammlungen besprochen worden. Es wird dabei bemerkt, daß dies noch nicht alle Versammmlnngen -seien. Es wurden folgende Gegenden heimgesucht: Provinz Sachsen, Brandenburg, Hannover, Hessen-Nassau, Westfalen, Rheinprovinz, Schlesien, Schleswig- Holstein, Königr. Sachsen, Baden, Bayern, Braunschweig, Hamburg, Bremen, Thüringen. In Liegnitz waren im vorigen Jahre schon drei antisemitische Redner aufgetreten. * Im neuesten Heft |ber „Zeitschrift des königl preußischen statistischen Bureaus" findet sich eine merkwürdige Statistik über die Fruchtbarkeit der Ehen zwischen Inden und Christen. Auf hundert christliche Ehen entfallen in

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.