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Jeschurun · 1893-02-03 · 5 (3.2.1893) · p. Seite 72

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
1893
Issue
5 (3.2.1893)
Date
1893-02-03
Page
Seite 72 (sequence 8)
Language
German
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Seite 72. 3 t \ rij u r 1t 1t. Nr. 5. Kathk-er und Kanzel. Die Berücksichtigung des Gebetbuches beim systematischen Religionsunterricht.; Konferenzvortrag von A Heilbrnnn. (Schlußd i Die THPHillo oder das Gebetbuch ist das Buch für häusliche Andacht und wird bei jedem Gottesdienste benutzt. In jeder Lage des Lebens, bei freudigen und traurigen Ereignissen, kann sie der Stimmung des Herzens die rechten Worte leihen — so man sie versteht und gewöhnt ist — nach ihr zu greifen. Das Gebetbuch ist Volksbuch und muß auch wieder durch das Verständnis, durch das liebevolle Einführen in ihren Inhalt Volksbuch werden. Das! Kind muß erfahren, welchen großen religiösen Schatz es in i seinem Gebetbuche besitzt. Sollte der Mensch nicht Wider-! stand gegen die Anfechtungen und Versuchungen des Lebens : leisten, wenn es den ersteil יהי רצון nach den ברכות recht herzinniglich beten lernt?! ״Bringe uns nicht in die Gewalt der Sünde, nicht in! Versuchung; laß nicht über ul s herrschen die böse Be-! gierde" u. s. w., und wenn Gott seine schützende Hand über : den Menschen gehalten das herrliche Min hamezar ״Aus der Not rief'ick) Gott an!" Sollte er nicht mehr Trost sinden in dem Zadok haddin, als in der ergreifendsten Rede? Sollte der Psalm 121 ״Id; erhebe meine Augen zu den Bergen: woher komnit mir Hilfe!" nicht Vertrauen und Zuversicht in das gütige Walten Gottes einslößen? Ich erinnere an den Psalm 146 (nach Aschre), wo Gott als Beschützer der Schwachen, der Witwen, Waisen unb des Fremdlings gepriesen wird, au den Jnbelpsalm 148 u. s. w. Und weiter. Wir freuen uns der klassischen Aussprüche von Dichtern und großen Männern, nehmen dieselben uns zur Richtschnur fürs Leben; enthalten die — פרקי nicht Lebensweisheit in Menge? Wühle man die Stellen nur richtig für den Religionsunterricht rrnd erschließe das Verständnis; sollte das Kind sein Gebetbuch alsdann nicht schätzen lernen? Nur was man in seinem Werte kennen gelernt hat, hält man lieb und wert, hält man in Ehren. Man hört so oft berechtigte Klagen über die kalte, schaurige Gleichgültigkeit, die sid) in Familien und Gemeinden zum Erschrecken breit macht; man hört berechtigte Klagen über spärlichen Besud) des Gotteshauses, über Teilnahmlosigkeit, Störungen mancherlei Art durch die Besuch>er während des Gottesdienstes. Ja, weshalb? Es fehlt religiöser Sinn, Liebe und Verständnis zu unserem Judentum. Es fehlt die Begeisterung für unsere altehrwürdigen Gebete. Die Unkenntnis, das Fehlen des religiösen Geistes macht teilnahmslos, und die Zeit während des Gottesdienstes wird , der störenden Unterhaltung gewidmet Um diesen großen Übelständen wieder abzuhelfen, müssen die Lehrer der Reli-; gion durch einen Praktischen Religionsunterricht alle Kraft! einsetzen. Die mangelhafte Kenntnis des Hebräisd)en hat! die Gleichgültigkeit mit groß gezogen; sie ist der Anfang des Zerfalles jüd. Wesens. Ln hnr jere chet, welo am hoorez chossid hat sich bewahrheitet. Man konnte einwenden, warum das Kind abmühen mit! dem Erlernen der hebr. Sprache? Man beschaffe sich nur j eine gute deutsche Übersetzung der Gebete und bete deutsch,! haben dock) Männer der alten Zeit die Konzession gemacht,! gewisse Gebetstücke, so das Verständnis der hebr. Sprache fehlt, in der Landes- resp. Muttersprache lesen zu dürfen?? Dagegen führe ich nur die Erfahrung der Reformgemeinde in Berlin an, die die hebr. Sprache in ihre Religionsschule wieder einführte. Sie muß also übele Erfahrung gemacht haben. Die hebr. Sprache ist unsere eigentliche Gebetsprache. Durch die Übertragung in eine andere Sprache verliert sie von ihrem ureignen Geiste, von ihrer Erhabenheit und Größe. Wenn Referent mit allem Nachdruck die Kenntnis der hebr.׳ Sprache zur Belebung und Erweckung jüdischen Sinnes für notwendig hält, so soll andererseits das Lesen von Gebeten u. der Bibel in unserer lieben deutschen Mutterspradie keinesfalls hintenangesetzt werden. Im Gegenteil! Wollte Gott, daß unsere Glaubensgenossen reck)t oft zur Bibel griffen, um sid) au ihr zu erbauen. — Nachdem ich die Vorteile für einen gedeihlichen Religionsunterricht durch eine ausgedehnte Berücksid)tigung des Gebetbud;es bewiesen zu haben glaube, erübrigt es noch von der Zeitersparnis, dem Jneinandergreifen — von der Konzentration zu sp>echcn. Sd)0n durd) die Auswahl der Belegstellen aus dem Gebetbuche wird ein großer Teil der Gebetstücke u. s. w. bekannt, ja eine grcßere Versenkung und Vertiefung in den Inhalt der Gebete erreicht. Sie werden aus den versd)iedenen Vorträgen, die im Laufe der vergangenen Jahre in jüd. Konferenzen gehalten wurden, die Forderung gelesen haben, man solle wöchentlich and) nod) eine Stunde zur Einführung in die Liturgie ansetzen. Die Forderung der Kenntnis der Liturgie ist berechtigt, aber auch noch dafür eine besondere Stande ansetzen? Woher die Zeit nehmen? Doch geht dies bei meinem Verfahren ohne besonderen Zeitaufwand. Da sich der Religionsnnterrid)t an das Gebetbud) mit anschließt, so werden die Belegstellen aus sehr vielen Stücken der Th'phillo entnommen. Durd) eingestreute Bemerkitngen und Fragen kann ohne Zeitaufwand die nötige Belehrung gegeben werden und das Kind bekommt gleichzeitig eine Sicherheit im Aufsinden der Gebete. Wie praktisch für das Leben die Liturgie wird, will ich nur einige Beispiele anführen: Bei der Besprechung der Allgüte Gottes kommen die Segenssprüd;e in Anwendung. Hammozi lechem etc. — Hatow wehametiw; Bore Peri hoadomo resp. hoez. Hazur tomim poolo und Boruch dajjan hoemes. Bei der Besprechung über die Pflichten gegen den Fürsten Bornch schenossan michwodo etc. Aud) wird die Liturgie bei Einübung des Synagogengesanges berührt. Es erübrigt nun als Lehrer von der Technik des Unterridsts zu spred)en. Der Lehrer bereite sich gewissenhaft aus die Stunde vor, er trage das Material zusammen, damit er genau weiß, weld)er Stoff verarbeitet werden soll, um die kurz bemessene Zeit mit Plan und Umsicht zu Nutz und Frommen der ihm anvertrauten Kinder auszunützen. Die Belegstellen, also das Beweismaterial wird seitens der Kmder im Gebetbud)e, dem חומש und den Haftoraus aufgesud)t und im Urtexte übersetzt. Sätze, die in der Th'phillo und imn'T'7) stehen, werden womöglich in beiden Büchern verglid)en. Das Kind muß die Grundquelle kennen lernen. Leider haben so viele Pentateuchübersetzer aus Sparsamkeits- oder Verdienstrücksichten die הפטרות für die Festtage weggelassen. Je nach Umständen, entweder des Zusammenhanges oder des In- Halts wegen, gebe der Lehrer das Stück, aus dem die Be-

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