Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 1893
- Issue
- 5 (3.2.1893)
- Date
- 1893-02-03
- Page
- Seite 68 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6ö. Nr. 5. I e s ch sondern den Gang ihres Werdens von ihren Anfängen bis > zur Zeit verfolgt, wo das Material nur der abschließenden > Thätigkeit der Redakteure harrt. Und wenn auch der Verf.! mit Vorsicht die Ergebnisse der Forschung als bloße Ver-; mutungen hinstellt, so hat er doch manche dieser Vermutungen mit solch zwingenden Beweisen zu stützen gewußt, daß! sie als begründete wissenschaftliche Theorien gelten können, mit denen jeder bei Behandlmtg dieses Schrifttums zu ■ rechnen haben wird Zum ersten Male ist hier der Versuch j gemacht, die Frage nach der Ordnung der Mischna geschichtj lich zu beantworten und im Laufe der Zeiten allmählich! entstehend und sich entwickelnd, als ein Produkt verschiedener Epochen darzustellen. — Die ersten Ansätze werden bis Simon b. Schatach, also etwa bis zur Zeit der letzten Regierungsjahre; Alexander JannaLs, ja Spuren mischnischer Bildungen bis in die Regierungszeit Johann Hyrkaus 106 v. Ehr.; verfolgt, und so ist die bisher herrschende Auffassung be-! seitigt, welche die erste Bildiurg der Mischna ans R. V!fiba und sein Zeitalter zurückführt. Und wenn auch der Zeit«; Punkt der ersten Bildungen nicht genait zu fixieren sein! wird, jedenfalls haben obige Untersuchungen festgestellt, daß j die ersten Mischnas aus einer vvrhillelitischen Zeit datieren.! Auch ist die Annahme des Vers, nicht von der Hand zu weisen, daß die ersten Mischnaansätze aus Anlaß der Kämpfe mit den Sadduzäern entstanden, und im gegensadduzäischen Sinne abgefaßt worden. — Von dem oben bezeichneteu Zeitj punkte ausgehend, verfolgt nun die Abhandlung die allmähliche Bildung dieses großartigen Sammelwerkes, in welchem die Geistesarbeit vieler Jahrhunderte aufgestapelt wurde.! Und wenn auch im Einzelnen die Meinungen auseinaudergehen sollten, und auch bei der Gruppierung und Aneinanderreihung eine andere Reihenfolge nachgewiesen werden j könnte, bedingungslos ist auzuerkennen, daß der Weg, den : der Verf. eingeschlagen, um die Frage der Entstehung zu , lösen, der einzig richtige ist, und wir nur auf geschichtlichem j Wege, in dem wir das allmähliche Werden beobachten, zu j einem endgültigen Resultate gelaugen können. Und so wie der Geologe das geheimnisvolle Werden der Erdoberfläche in den Urzeiten enträtselt, indem er tief in das Erdinnere; eingedrungen und in den scheinbar einförmigen Massen verschiedene Schichten und Ablagerungen voneinander geschieden, I aus der Eigenart des Gesteins und der gleichartigen Bildung weit fernab liegender Schichten sie als aus einer gemeinsamen Epoche stammend erkennt, und so die einzelnen Blätter der Entstehungsgeschichte der Erde zusammengestellt, so hat unser Halachaforscher den Boden der Halacha mit rüstigen Spatenstichen aufgegraben, ist tief in das Innere eingedrun- I gen, hat die rätselhaften Bildungen bloßgelegt und hat mit ' außerordentlicher geschärfter Beobachtungsgabe — die das ins : Einzelnste gehende Studium verschafft — die einzelnen Ablagerungen, und seien sie noch so zerstreut herausgehoben, die verschiedenen Schichten gekennzeichnet, so daß wir die geistigen Evolutionen der einzelnen Epochen verfolgen können, und hat nunmehr die losen Blätter der Entstehungsgeschichte zu eineni Ganzen zusammengetragen. Unmöglich bleibt es immerhin, die einzelnen Formationen und ihre Zeitgrenzen genau festzustellen, warum auch der Verf. seine Aufstellungen als bloße Vermutungen missen will. Aber wie schon oben bemerkt, wenn auch im Einzelnen die Aneinanderreihung sich als irrtümlich, wenn dieser oder jener Teil als nicht zu der Schicht gehörig, in welche sie der Verf. eingereiht, u r u n. hs~ sich erweisen sollte, immerhin bleibt ihm das Verdienst gesichert, die Wege gewiesen zu haben, welche zur wissenschaftlichen Lösung führen. Natürlich verdienen innerhalb des Planes auch die einzelnen Aufstellungen Beachtung, welche die Bausteine zu der inneren Geschichte der Mischna selbst bilden. Folgen wir daher den Ausführungen des vor uns liegenden Werkes, um in kurzen Umrissen den Inhalt desselben zu kennzeichnen. Nachdem der Verf. mit den bisherigen Versuchen, den Zusammenhang der Mischna zu erklären, abgerechnet, die Attgaben des Scherirabriefes, der Seder Tanaim w' Amoraim, die Bemerkungen der Tossafisten, die Meinung Maimunis, die Bemerkungen Z. Frankels, als gänzlich unzulänglich nachgewiesen, und die Abhandlung Dr. Hofman's „die erste Mischna" — mit dem er betreffs der Urmischna, unabhängig vom selben zu gleichen Resultaten gelangt — entsprechend gewürdigt, weist er tu zahlreichen Beispielen die Unregelmäßigkeiten im Baue der Mischna nach und auf die rätselhaft Fassung einzelner Mischnastücke hin Denn nicht so sehr in der Aneinanderreihung der Massichtoth. sondern vielmehr, worauf bisher nicht geachtet und was noch gar nicht in Erwägung gezogen worden, in der Aneinanderreihung der einzelnen MischncLs giebt sich eine Unregelmäßigkeit kund, die bisher keine genügende Erklärung gefunden. So die ganz unvermittelten Einschiebsel in Sabbat IX 1, Megillal, Sota V 1, Chagiga 1 6. u. a., die ganze Anordnung des Rosch- Haschana- und Megilla- Traktats, so daß alles planlos zusammengewürfelt erscheint. Und daß diese Unregelmäßigkeiten nicht zufällig sind, beweist die Tossifta, die, wenn sie auch mit der Mischna im Zusammenhänge steht — da sich die zwei Sammlungen beiderseitig ergänzen — so doch ein selbständiges Werk bildet, ttitb doch weist auch sie an den betreffenden Stelleit dieselben Unregelmäßigkeiten auf. Für beide muß daher nach Annahme des Verf. eine Lehrordntmg maßgebend gewesen sein, die sich in allen Schulen von Alters her eingebürgert. Und all die Widersprüche werden gelöst, all die Unregelmäßigkeiten finden ihre Erklärung, das scheinbar Planlose fügt sich zu einem Planmäßigen zusammen, wenn wir eben an der Hand des Verf. dem Entstehungsgange dieses Werkes folgen, in welchem Schichte auf Schichte sich gelagert, die einander durchbrochen, und sich ineinandergefügt, so daß der Mischnaredakteur schon festgewordene Gefüge vor sich hatte, die oft nicht mehr von ihrer Stelle zu rücken waren, und denen auch kein anderes Gepräge zu verleihen war. Die ältesten Mischnastücke — und bezüglich der Urmischna decken sich die Beobachtungen des Verf. mit denen Dr. Hofman's — kennzeichnen sich bereits durch ihren Ton, durch die Art der Schilderung, es ist als ob sie von dichterischem Gleichmaß getragen wären. Sie enthalten keine Lehrmeinungen und Lehrsätze, sondern bieten Gesamtschilderungen, die das öffentliche Leben wiederspiegeln, und von den noch bestehenden Tempelverrichtungen und den öffentlichen Gerichtsverhandlungen uns ein Bild entwerfen. Die Stücke Joma VI 1 und Negaim XIV 5 sind durch ihre Gleichartigkeit als aus einer Zeit stammend zu erkennen. Ähnlich sind die Schilderungen des Tamidopfers, Pes. V I, des Pessachopfers Pes. V 5 des Wassergußfestes, Sucra V 1, des Darbringens der Erstlinge Bice. M 1,2. und im Nesikin Seder die breite Darstellung der Gerichtsverhandlung . Sanh. IV 3—VI 5. Nun sucht der Verf. nachzuweisen, — und dies ist die interessanteste Partie seiner Darlegungen, —