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Jeschurun · 1893-02-03 · 5 (3.2.1893) · p. Seite 67

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Journal
Jeschurun
Volume
1893
Issue
5 (3.2.1893)
Date
1893-02-03
Page
Seite 67 (sequence 3)
Language
German
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Rr. 5. Jl f f dj » r it u. annonziert wird: No Jew need apply. „Ein Jude braucht sich nicht zu melden." Das Merkwürdigste ist aber, daß bei poli-? tischen Fragen solche Borurteile verschwinden. Bei den letzten Wahlen z. B. wurde ein Jude von der republikanischen Partei als Kandidat für das Amt eines Bürgermeisters von New-Bork ausgestellt, und ich bin fest überzeugt, daß keine Zeitung gewagt hätte, aus konfessionellen Gründen ^gegen ihn zu schreiben, und wenn er unterlag, war nur der Sieg der Demokraten daran schuld Allerdings ist die Zeit noch sehr fern, wo ein Jude Präsident der Bereinigten Staaten werden könnte, aber ebenso wenig könnte die republikanische Partei es wagen, den Atheisten Jngersoll, einen hervorragenden Parteiführer, als ihren Kandidaten zu nominieren, und noch viel weniger hätte ein Katholik Aussicht, dieser Ehre teilhaftig zu werden." — Summa summarum: Fast alles wie bei uns. Leitende Artikel. Dr. David Cassel. In der Nacht vom 22. Januar starb in Berlin Doktor David Cassel im Alter von 75 Jahren, und mit ihm schied ein ausgezeichneter Gelehrter und Forscher ans der Reihe der Lebenden. Dr. David Cassel zeigte sich in den zahlreichen Werken, die er veröffentlicht hat, gründlich, besonnen, zuverlässig. Seine litterarische Thätigkeit erstreckte sich auf verschiedene Gebiete des jüdischen Schrifttums. Die biblische Litteratur und die Geschichte der Inden wurde von ihm bearbeitet, Quellenschriften mit meisterhafter Sorgfalt ediert, alte Responsen mit einem Aufwand von talmudischer Gelehrsamkeit nach Handschriften veröffentlicht. Man sagt „der Styl ist der Mensch"; man kann hinzufügen „das litterarische Werk ist der Mann". Aus den litterarischen Erzeugnissen Doktor Cassels spricht zu uns ein ernster, gewissenhafter, Pflichtbewußter, ehrenhafter Charakter, der streng mit sich zu Werke geht, wenn er in der Gelehrtenwelt mit einem neuen Produkte seines Fleißes erscheinen soll. Seine Übersetzung i und Erklärung des religions-philosophischen Werkes Cusari! von Juda Ha-Lewi ist ein vollgültiges Zeugnis für dessen , Strenge und Ernst in litterarischen Dingen und obwohl ' das arabische Original des Cusari nebst einer auf Grund! desselben bearbeiteten Übersetzung erschienen ist, so behält die Leistung Dr. David Cassels noch immer ihren Wert.! Er war nicht bloß ein eminenter Gelehrter, Forscher und Schriftsteller, sondern auch praktisch in vielfacher Be-; ziehung thätig. Als Dr. Michael Sachs noch lebte, be-! teiligte er sich schriftstellerisch an der Losung von Kulus-! fragen in der Berliner Gemeinde und schrieb gegen Proj fessor Virchow, der den Juden die Humanität, welche in j Krankenhäusern sich äußert, streitig machte. Als Schulmann j verfaßte er eine Geschichte der Juden für Schulen, die! mehrere Auflagen erlebt hat, und veröffentlichte Sabbat-! Vorträge für die Heranwachsende Jugend. Eine sehr erfolgreiche Thätigkeit entfaltete er an der Berliner Hochschule zur Heranbildung von Rabbinern, indem er dort Bibel und jüdische Geschichte doeierte. ' Als Mensch war er milde, sanft, gutmütig, human und hilfebereit zu jeder Zeit und heiteren Temperaments, so daß man sehr gern mit ihm verkehrte. Als in Budapest die t Landes-Rabbinerschnle eröffnet wurde, erschien er dort als! Seite 67. Vertreter der Berliner Hochschule und machte durch bi• Rede, die er bei dieser Gelegenheit hielt, einen tiefen und angenehmen Eindruck, sowohl durch seine Worte, . als durch seine Persönlichkeit. Vor einigen Wochen starb sein Bruder, Dr. Paulus Cassel, der bekanntlich zum Christentum übergetreten war und als evangelischer Geistlicher in Berlin wirkte. Nach vollzogenem Austritte aus dem Jndentume hielt Dr. David Cassel von - ftinem Bruder sich fern, als aber derselbe in den antisemitischen Kümpfen mit großer Entschiedenheit für seine früheren Glaubensgenossen eintrat, gestaltete sich das Verhältnis der beiden Brüder zueinander freundlicher. Der Berliner Gelehrtenkreis verliert durch den Heimgang des Dr. Cassel einen hervorragenden Repräsentanten der jüdischen Wissenschaft und das Judentum wird ihm ein ehrenvolles Andenken bewahren, für die Werke, die er auf dem Gebiete der jüdischen Litteratur verfaßt hat. Dr. Ad. Jellinek. * * Am 25. d. M. wurde David Cassel bestattet. Trotz der Unbill der Witterung hatte sich auf dem Friedhofe in Weißensee eine nach vielen Hunderten zählende Trauergemeinde eingefnnden, darunter alle Vertreter der jüdischen Wissenschaft Berlins und selbstverständlich die Kollegen und Schüler des Entschlafenen. Die Tranerfeier gestaltete sich zu einer tiefergreifenden. Rach dem Vortrage eines Chorals entwarf Rabbiner Dr. Maybanm in schmerzbewegten Worten ein Lebensbild des Heimgegangenen, seine Bedeutung für die jüdische Wissenschaft und für die wohlthätigen Schöpfungen innerhalb der Berliner Gemeinde schildernd. Hierauf widmete Herr Rabb. Dr. Rosenzweig Namens der ehemaligen, bereits im Amte besindlichen Schüler dem Lehrer und Meister warmherzige Worte der Dankbarkeit, indem er hervorhob, wie er allen denen, die zu seinen Füßen gesessen, nicht nur ein Unterweiser, sondern ein liebender Vater war und allezeit ein Freund und Berater geblieben ist. Denselben Empffndungen gab als Dolmetsch der gegenwärtigen Schüler der Lehranstalt Herr Dr. Blumenthal Ausdruck. Sodann wurde die Bahre zum Grabe, das der Gemeindevorstand in der ,,Ehrenreihe" angewiesen hatte, geleitet. Dort rief Herr Dr. Joel Müller Namens derDocenten der Lehranstalt dem Heimgegangenen Kollegen tiefergreifendes Lebewohl nach. Wissenschaft und Litteratur. „Uber den Zusammenhang der Mischna." Bon Di-. B 1?lsatz. Das Ergebnis eines jahrelangen, mühevollen, redlichen Forschens, einer eingehenden, das ganze Große wie das kleineDetail umfassenden Beobachtung, eines nach Wahrheit ringenden Studiums liegt in diesem Werke*) vor uns, in welchem der Verfass r mit dem vollen wissenschaftlichen Rüstzeug ausgestattet, rein sachlich, frei von jeder vorgefaßten Meinung ans dem Inhalt d.'r Mischna selbst ihr Entstehen darznstellcn sucht und nicht nur einen Beitrag — wie der bescheidene Titel lautet — zu ihrer Geschichte geliefert, *> Über den Zusammenhang der Mischna. Ein Beitrag zn ihrer Entstehungsgeschichte, Bon Dr. ^.idnng A Rosenthal, Rabb. in Rogasen. — I. und II. Straschnrg, K. Trnbner.

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