Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 1892
- Issue
- 8 (17.11.1892)
- Date
- 1892-11-17
- Page
- Seite 126 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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יייני Seite 126. I e s ch u r u n. Nr. 8. schaft in Händen haben. Aber nur auf Basis einer wirklichen Gleichheit und Brüderlichkeit ist es möglich Einfluß auf die Massen zu gewinnen, diese zu sich und zum Guten hinzuleiten. (Schluß folgt.) Wochen- Nov. | 1892. Chesch- >van 5653. Kalender. Donnerstag. . 17 27 Freitag . 18 28 Sonnabend . . 19 29 .Neumondweihe תולדת! Sonntag. . . 20 1 i Rosch Chodescli Ivislev. Montag . . . 21 2 Dienstag . . 22 3! Mittwoch . . 23 4 Donnerstag. . 24 I 5! In Nr. 6 Ihrer gesch. Zeitschrift bringen Sie. von einem L I Z eine Schilderung der Zustände im jüdischen Seminar zn £. Es ist nicht schwer zu erraten, welches Seminar damit gemeint ist, und da auch ich meine Ausbildung in derselben Anstalt erhalten habe, und zwar erst in den letzten Jahren, so erlaube ich mir, einige Verbesserungen an dem schwarzen Bilde vorzunehmen. Ich muß mich mit aller Entschiedenheit dagegen wehren, wenn man unter dein Deckmantel der Anonymität der Bildungsstätte, der ich meine jetzige Stellung verdanke, einen unverdienten Hieb versetzen will. Wenn ich die Schilderung nicht einer boshaften Unwahrheit zeihen will, so muß ich annehmen, daß sie uns ein längst verschwundenes Bild nochmals anstischt; jetzt sind die Verhältnisse längst anders geworden. Während meiner Seminarzeit hatten wir für Methodik einen praktischen Schulmann als Lehrer, der uns in jedem Fache eine mustergültige Lehrprobe in der Volksschule hielt. Wir mußten auch zahlreiche Themata mit den Kindern der kath. Volksschule durchnehmen, wobei jedesmal scharfe Kritik geübt wurde. Der Unterricht in der jüd. Geschichte wurde bei uns regelmäßig erteilt und erstreckte sich bis zur Entstehung des Islam. Was mi chabcr in der Schilderung am meisten frappiert hat, ist der Versuch, auch die Erteilung des Unterrichtes in den hebr. Lehrgegenständen in den Augen der Öffentlichkeit herabzusetzen. Wie ungerecht ist doch dieser Vorwurf! Im betreffenden Seminar gelten als hebr. Fächer: 1) Talmud, 2) Mischua, 3) Pentateuch mit Kommentar Raschi, 4) Propheten mit entspr. Erklärungen, 5) Hebr. Grammatik (Konjngation der unregelmäßigen Zeitw. viele Übungen im Übertragen vom Deutschen ins Hebräische und umgekehrt), 6) Systematische Religionlehre nach Stern's Religionsbuch. Bino 7) Ritual (Chaje odom, Chochmas opom, leittim, Orach ahajmi und More lasobchim Die Anstalt hat stets im Auge gehabt, daß ihr eigent- Ucher Gründungszweck nur der war, isr. Lehrer heranzubilden, die mit dem profanen Wissen auch ein gründliches Wissen in der Religionslitteratnr verbinden. Man kann mit Bestimmtheit behaupten, daß die Lehrerbildungsanstalt zu dl in jüdischen Fächern mehr leistet, als alle übrigen Seminarien in Deutschland. Wir wurden sogar zur Fertigung von religiösen Aufsätzen angehalten, indem wir allwöchentlich abwechselnd ein Thema aus der Moral- und Sittenlehre bearbeiten und dann frei vvrtragen mußten. Die schwierigsten Talmudstellen wurden so anschaulich er-- klärt, daß sie ein geweckter Knabe von 13 Jahren bei einiger Aufmerksamkeit hätte verstehen müssen, und wenn sie dennoch manchen Schülern ein Buch mit sieben Siegeln blieben, so war dies lediglich dem Mangel an Aufmerksamkeit der ״erwachsenen" Seminaristen znzuschreiben, welche leider den wichtigen Religionsfächern nicht das nötige Interesse entgegen brachten. Ich bin fest überzeugt, daß die meisten derjenigen Unaufmerksamen, die die jüd. Stunden dazu benutzten, sich von den Strapazen ihrer sonstigen Anstrengungen auszurnhen, es bitter bereut haben, nachdem sie in die Praxis kamen. Die Lehrer thaten jederzeit ihre Schuldigkeit; man kann ihnen daher keinerlei Schuld beimessen. Und wie sah es mit dem Unterrichte in den profanen Lehrgegenständen aus? Geschichte, Geographie (mathem. und Physik.) Physik, Chemie rc. lehrten Professoren, Männer von Fach, die teils am Kgl. Realgymnasium, teils an der Kgl. Realschule angestellt waren. Übrigens kann man sich erst dann ein Bild von der Leistungsfähigkeit einer Schule machen, wenn man die Resultate sieht, welche dieselbe erzielt. In den letzten drei Jahren verließen 31 Zöglinge die Anstalt, welche sämtlich ihre Antrittsprüfung an einem Kgl. Schullehrerseminare mit gutem Erfolge bestanden — gewiß ein günstiges Resultat! Verdient es eine Anstalt, die schon seit 28 Jahren besteht und bereits 242 Lehrer ausgebildet hat, öffentlich gebrandmarkt zu werden? In dem bewußten Seminare erhalten die unbemittelten Zöglinge Unterricht, Wohnung, Beköstigung, Heizung, Beleuchtung und ärztliche Behandlung unentgeltlich; — ist diese Begünstigung nicht eine große Wohlthat für arme Leute, welche ihre Kinder trotz ihres materiellen Unvermögens zu tüchtigen Menschen heranwachseu sehen? Bedenkt man endlich, daß sich die jährlichen Ausgaben auf 18000 Mark belaufen, welche größtenteils durch freiwillige Beiträge hochherziger Glaubensgenossen bestritten werden, und daß die Anstalt bei diesen großen Schwierigkeiten so Großes leistet, so muß man unwillkürlich mit dem Dichter ausrufen: ״Es liebt die Welt, das Strahlende zu schwärzen Ünd das Erhabene in dem Staub zu ziehen." D. M. in GL