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Jeschurun · 1892-11-17 · 8 (17.11.1892) · p. Seite 125

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
1892
Issue
8 (17.11.1892)
Date
1892-11-17
Page
Seite 125 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 8. I t [ 4 » r itn. Seite 125. trag des Reb Jojne zu erinnern wußte, war darin etwas von der Lebenswonne ini Garten enthalten. t In der That verkündeten die Worte des Gedichtes, daß Winter und Regen vorüber seien; die Blumen kommen auf der Erde zum Vorscheine, jetzt sei die Zeit zum Singen und dre Stimme der Lachtaube läßt sich vernehmen, daß auf dem Feigenbäume die unreifen Feigen hervorzusprießen ^beginnen und die Weinreben aufblühen." Ein prächtiges Lied von Lenz und Liebe. Judas Glück war nur kurz. Es war kein glänzendes Geschäft: viele Früchte wurden vom Gewitter ruiniert, die Preise waren nicht besonders, etwas wurde von den Dieben gestohlen, man mußte für die Zukunft auf dieses Unternehmen verzichten und das um so mehr, als das kleine Kapital zur Verheiratung der ältesten zwei Töchter, welche mit ihren Männern beim Vater sich niederließeu, verwendet worden war. Zum Übermaße machte sich in der Stadt ein neuer Schneider ansässig welcher der „Petersburger" genannt wurde und das weil er beim Militär als Musikant gedient und mit seinem Regimente durch einige Zeit gar in Brzese garnisoniert hatte und jetzt von dort solch frische Moden mitbrachte, daß Judas altes Journal gar keine Geltung mehr hatte. (Fortsetzung folgt.) Das New Uorker Ghetto. Von T. Wiener. (Fortsetzung statt Schluß.) Ein schwacher und unvollkommener Versuch ist jüngst in dieser Hinsicht gemacht worden, indem von Mitgliedern der Gesellschaft für ethical culture in der Cherry-Street Nr. 339 — 342 ein großes Tenementgebäude für diesen Zweck errichtet worden, das auch Kindergarten, Bad- und Waschanstalt enthalt. Die Wohnungen sollen indes nicht ganz zweckmäßig und auch nicht billig genug sein. Große und herrliche Anstalten hat der jüdische Wohlthätigkeitssinn in New-Jork geschaffen, um die russische Einwanderung in ein nützliches Element zu verwandeln. Das Kinderasyl „Hebrew Schelther Guardian Society" auf Washington Highes gewährt ca. 600 Kindern Obdach und Unterhalt. Eine besondere Abteilung für Mädchen, die in Handarbeit und Haushaltung unterrichtet werden, befindet sich Ecke Avenue A. und 87. Straße. Der Unterhalt beider Anstalten beläuft sich auf Pf. St. 65.000 im Jahre. „The Hebrew Technical Institute" in der Crosby Straße mit seinem Anbau an der Stuyvesant-Straße besteht seit 1884 und dient dazu, armen Einwanderern Unterricht in allerlei Handwerken, im Zeichnen und Modellieren, zu erteilen. Die! „Aqmlar Free Library" im East-Broadway mit Abteilungen! in den Räumen der „Mens Hebrew Association" Ecke 38. , Straße und Lexington Avenue und der „Hebrew Free! School", Fifth-Str., besitzt namentlich durch die Munificenz! des Herrn Jacob Schiff, eine der bestausgestalteten Biblio-! theken. | Die „Hebrew Free School-Association" unterhält Kinder- , Garten und Industrieschule für etwa 3000 Kinder. Die i „United Hebrew Charities", deren Office sich 2. Avenue! Nr. 128 befindet, haben sich zur löblichen Aufgabe gemacht, | die russische Einwanderung zu regulieren und dahin zu | leiten, wo den Armen Verdienst und Unterkunft winken.! Nach ihrem letzten Rechenschaftsbericht betrug die jüdische I- I Einwanderung im vorigen Jahre 62.574 Personen, wovon der Löwenanteil mit 54.194 auf Rußland entfällt. Die Ausgaben betrugen Pf. St. 175,000, auner Kleidungsstücken, Medikamenten rc. Baron Hirsch hat für diesen Zweck die Summe von Pf. St. 67,684.35 gespendet. Außerdem ging dieser Gesellschaft im November vorigen Jahres von dem Berliner Central-Komitee des russischen Hilfvereins eine außergewöhnliche in monatlichen Raten zahlbare Unterstützung von Mk. 800.000 zu, die in j-mem Berichte noch nicht ausgesührt ist. Man sieht, wie großartig dieses Hilfswerk bedacht ist, mit dem noch andere philanthropische Anstalten kooperieren, wie die „Hebrew Benevolent" und „Relief Asylum Society", diverse Ladies Rocieties, deren eine nebst Office und der ans New-Jersey gelegenen Kolonie Woodvine ganz allein durch die Hochherzigkeit des Baron Hirsch unterhalten wird, welcher zu diesen! Zwecke die stattliche Summe von 10 Millionen Franks hergegeben hat. Diese Kolonie, 4884 Acres umfassend, ist jetzt von 60 Kolonisten besiedelt, enthält Schule, Bethaus und alle den Ansiedlern nvtthuende Einrichtungen und Kommunikations-Verbindungen. Trotz aller dieser großen Werke der Huinanität besteht aber doch das Faktum des Ghetto als drohendes Gespenst und warnendes Mene-Tekel-Upharsin der, gesamten jüdischen Einwanderung, das auch im Jnlande leider seine verkleinerten Pendants aufzuweisen hat. Wir müssen notwendig nach der Ursache dieser bedeutenden Erscheinung fragen, die das ganze Hilfswerk in Frage zu stellen droht. Eine aufmerksarne Untersuchung belehrt uns, daß diese sowohl in der Vorgeschichte, in der religiösen, sittlichen und sozialen Erziehung der eingewanderten Juden, als auch in der Art der heutigen Gemeindebildung und der geübten Wohlthütigkeit zu suchen ist. Aus religiösen und sozialen Gründen drängen sich die Massen zum Ghetto zusammen, um ungestört und bequem in dieser Absonderung ihren eigenartigen Gebräuchen und Gewohnheiten nachleben zu können. Wohl sprechen die fortgeschrittenen amerikanischen Glaubensgenossen: „Macht wie wir; lebt wie wir; werft die Fesseln und den Ballast des alten Glaubens ab und bildet Gemeinden nach amerikanischem Muster!" Schon recht. Aber einmal hält es unsäglich schwer sich vom gewohnten Alten so schnell zu trennen und Knall und Fall ins Neue zu stürzen, was in religiöser Beziehung gar nicht zu wünschen ist, da der Amerikaner so radikal vorgegangen ist, daß vom Judentum kaum noch etwas übrig geblieben ist, und anderseits vergessen jene, daß die heutigen Gemeindebildungen, sowohl der Reformer, als älterer Neuerer, in Deutschland sowohl, als in Frankreich und hauptsächlich in den Vereinigten Staaten auf zu glänzendem Fuße eingerichtet und nur für die Reichen bestimmt sind, die Armen fast völlig ausschüeßend. Wer beitrügt, ist Mitglied und hat Zutritt zum Tempel, der Arme steht wie ein Paria außerhalb desselben. Das ist buchstäblich wahr. Wenn wir die splendid eingerichteten Gemeinden hierzulande mit ihren prächtigen Tempelbauten, ihrem pompösen Kult und ihren fürstlich besoldeten Reverends sehen, was Wunder, daß sich die Armen in sich selbst, in häßliche Ghettos und schmutzige Armen-Viertel zurückziehen und ihrem tief gefühlten religiösen Bedürfnis nach ihrer alten guten Weise zu genügen suchen! Die Gegensätze sind zu gewaltig in unseren Tagen und die Kluft erweitert sich immer mehr zwischen denjenigen, die der Leitung bedürfen und denjenigen, die nur vermöge ihres Geldsacks die Leiter-

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