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Jeschurun · 1892-11-17 · 8 (17.11.1892) · p. Seite 116

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
1892
Issue
8 (17.11.1892)
Date
1892-11-17
Page
Seite 116 (sequence 4)
Language
German
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Seite 116. 3 t f dj u r u n. Nr. 8. der Bote vor seinem König erschien, sprach er: „Hier ist! die Milch der Hündin." „Was, Hündin", brauste der! König in seinem Zorne auf, „ich verlangte die Milch von! einer Löwin! Werft ihn in den Kerker", befahl der Herrscher,! „morgen soll er hingerichtet werden." Am andern Tage! bat er, indem alle Glieder mit Ausnahme der Zunge, vor j Angst erzitterten, man möchte ihn noch einmal dem König! vorführen. Dies geschah, und er erzählte dem König seinen! Traum und sagte, daß die Zunge, um ihren Vorrang zu : dokumentieren, absichtlich Hündin anstatt Löwin aussprach; j die Milch ist wirklich von einer Löwin, und der König! würde sich von der Wahrheit überzeugen, nachdem er sie! getrunken haben werde. Übrigens wird eine Löwin (Lewia) j bei uns auch Hündin (Kalbata) genannt. Der König! trank die Milch, genas sofort und der Deliquent wurde i frei entlassen. I In Rom ist der Magen der Herrscher im menschlichen! Organismus, in Judäa die Zunge, das lebendige Wort,! die Rede. Allein die Aussprüche, welche das Schweigen preisen und empfehlen, sind im jüdischen Schrifttum überaus zahlreich. „Wenn man schweigt, io kann man als ein Weiser gelten", lautet ein Satz des biblischen Spruchdichters und! mancher der predigt, thüte besser daran, zu schweigen oder j mindestens seine Reden nicht drucken zu lassen, man würde j ihn dann für weiser halten. Ein Lehrer der Mischna! empfahl das Schweigen für das Wohlbefinden des Körpers,! da der Schweigende sich nicht aufregt und alles gehen j läßt, wie es einmal ist. Der weise Kohelet sagt: „Alles hat seine Zeit, auch Reden und Schweigen". In unserer Zeit verlangt das Schweigen eine große Selbstbeherrschung, denn wer kann schweigen, wenn er die Verlogenheit und die Verleumdungen der Antisemiten hört! oder ihr schamloses Treiben vor Augen hat? Nein, die I Weisheit des Schweigens ist den antisemitischen Hetzereien gegenüber nicht zu empfehlen. Man darf nicht müde werden diesen Vvlksverderbern und Verdrehern der Wahrheit entj gegen zu treten und sich nicht denen unter unseren Glaubens-; genossen anschließen, welche sich in ein vornehmes Schweigen! hüllen. Allerdings thäte mancher Verteidiger der jüdischen j Sache besser daran wenn er schwiege und sich nicht herausz nähme, der Sachwalter des Judentums zu sein. Nicht j jeder versteht die Kunst der Polemik und der Apologetik! im Interesse des Judentums. Dazu gehört Wissen, Sprach-; gewandtheit, Kampfesmut, Vertrautheit mit der litterarischen Strategik. Wir halten diese Bemerkung nicht für übel flüssig, da viele Inden ihrem inneren Drange nicht widerstehen j können, in der Öffentlichkeit zu erscheinen um als Schrift-! steller zu gelten. i Das Schweigen kann durchaus nicht gebilligt werden, wenn mau au die Vertreter der Kirche in dieser antisemitischen . Sint-Flut denkt. Alle sollten sie laut ihre Stimme eri heben im Namen Jesu und der Apostel und im Geiste des i Christentums gegen die antisemitischen Gotteslästerungen; protestieren. Kann ein glaubenstreuer Jünger Christi, j ein Schüler der Apostel, ein Christ im Geiste der Evangelien ruhig bleiben, wenn er hört und sieht, mit welchen unlauteren Mitteln, nichtswürdigen Verleumdungen, leidenschaftlichem Hasse christliche Arier die Juden, die Stamm-! verwandten der Gründer und Lehrer der Kirche, bekämpfen? ' Wenn an einem einzigen Sonntag, oder noch besser an! einem einzigen Osterfeste von allen Kanzeln ein vernichtendes i Verdikt über die Antisemiten ausginge, so wären sie mit dem Banne belegt und jeder wahrhafte Christ würde ihren Umgang meiden. Leider geschieht es nicht und die Verkünder des Glaubens überlassen es zumeist den Vertretern der Wissenschaft, die nicht immer sehr gläubig sind, den Kampf gegen die Schmach des Jahrhunderts aufzunehmen, in Wort und Schrift die an Herz und Gemüt Gesunden vor der ansteckenden und häßlichen Krankheit des Antisemitismus zu warnen. Wir wollen hier nicht entscheiden, ob es besser sei, zu schweigen oder zu reden. Wir stimmen mit dem erfahrenen Kohelet überein: „Es giebt eine Zeit zum Reden und znm Schweigen". Unser Zeitabschnitt verdammt das Schweigen und verlangt lautes wiederholtes Reden gegen das antisemitische Treiben, welches den Sinn für Gesetzlichkeit verdunkelt, die Kraft der Staaten und Gemeinden schwächt, die Fundamente der Sittlichkeit untergräbt und die blutigrote Fahne des Rassen- und Religionskampfes den aufgeregten und aufgewühlten Massen voranträgt. Mffknschast und Litteratur. Die Juden in der polnischen Litteratur» Von A. Ln., Lemberg. „Mit warmer Liebe im Herzen, mit reinem Anstreben des Guten besiegt man allmählich die Vorurteile, überwindet man das Mißtrauen — erwirbt man sich An- ' hänglichkeit und Vertrauen." I. I. Kraszewski (Rachunki), Wenn wir über die Juden in der polnischen Litteratur zu sprechen begirmen, so müssen wir zu diesem Gegenstände vorerst keinem Geringeren als dem größten Dichter der polnischen National-Litteratnr, dem unsterblichen Sänger Adam Mickiewicz das Wort geben. Adam d Mickiewicz gehört zu jenen Dichtern von Gottes Gnaden, die es sich zur Aufgabe gestellt, das Volk zu belehren, damit es seine Brüder anderer Konfession nicht als Fremde, sondern in erster Reihe als Menschen und Mitbürger behandle. In seinen Werken kommt Mickiewicz zu wiederholten Malen auf die Juden zu sprechen und bei dieser Gelegenheit stellt er ihnen das ehrendste Zeugnis ans. So z. B. sagt Mickiewicz in seinen Vorträgen über slavische Litteratur: „Ohne Zweifel sind noch Juden in Vorurteilen und Obskurantismus versunken, aber daraus kann man nicht auf die israelitische Gesamtheit schließen.Denn es ist nicht ohne Grund, daß dieses Volk seit Jahrhunderten in Polen ansässig war, und daß sein Schicksal mit dem der polnischen Nation so eng verflochten ist." An anderer Stelle, in seinem „Grundriß der Grundsätze" heißt es: „Israel, dem älteren Bruder, gebührt Achtung, Brüderlichkeit und Unterstützung auf dem Wege zu seinem zeitlichen und ewigen Wohle. In allem gebührt ihm gleiches Recht." Ans den vorstehenden Citaten geht Mickiewicz' Gesinnung gegen die Juden deutlich hervor und erübrigt es uns noch

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