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Jeschurun · 1892-11-17 · 8 (17.11.1892) · p. Seite 115

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
1892
Issue
8 (17.11.1892)
Date
1892-11-17
Page
Seite 115 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 8. ->< | f f dl ii r i! n. <*■ W e% f ' das ist wohl schlimm, aber noch nicht das Schlimmste; eben di-ser Ahnherr des Begründers des französischen Antisemitismus übte, nach der genanten Zeitschrift, in Stuttgart das ehrsame Gewerbe eines — „Schochet" (Schächter), wurde von der Stuttgarter Gemeinde wegen ccnehrenhafti - keit ausgeschlossen. Er ging hierauf nach London, wo er sich aus Rache gegen seine Glaubensgenossen taufen laß und einen Kleiderhandel betrieb. — In der That, man muß so etwas zweimal lesen, um es recht zu begreifen. Drumonts Großvater ein Schochet in Stuttgart, der vielleicht gar einmal die rituelle Schächtnug eines Christenkindes vorgenommen hatte — das geht entschieden noch über die Genealogie so manches unserer strammen Antisemitenhäuptlinge. Was an diesen „Enthüllungen" des französischen Jour-! nals Wahrheit und was Dichtung, vermögen wir nicht festj zustetlen, denn die Wahrhaftigkeit der Zeitungspresse läßt! noch sehr viel zu wünschen übrig. Sv veröffentlichte jüngst das klerikale „Korrespondenzblatt für den Klerus in Öfteri reich" die Behauptung, daß Alexander Dumas nach dein Tode Renarüs „in authentischer Form" mitgeteilt habe, daß Renan für das „Leben Jesu" von Baron Rothschild eine Million Francs erhalten und sich übrigens nicht geniert habe, dies öffentlich einzugestehen. In folge dessen hat Alexander! Dumas nachstehenden Brief an den Pariser Korrespondenten! der „dt. Fr. Pr." gerichtet: „Dieses klerikale Blatt hat! einen Irrtum begangen — einen absichtlichen vermutlich, l wie es die meisten der von klerikalen Blättern begangenen Jrrtümer find. Renan selber war es, der in seinem letzten! Werke „Lose Blätter", als er alle die Dummheiten und all die Verleumdungen erwähnte, die man über ihn gesagt und gedruckt hat, schrieb: „Ich duldete, ohne zu widersprechen, daß man veröffentlichte, ich hätte von Herrn von Rothschild eine Million erhalten, damit ich das „Leben Jesu" schriebe. Ich erkläre von vornherein, daß, .wenn man das Faksimile meiner Quittung veröffentlichen würde, ich auch dagegen nicht reklamieren werde." In den Bemerkungen, die ich, schreibt Dumas, in der Buchausgabe meiner Stücke der „Prinzessin von Bagdad" folgen ließ, citierte ich diese Verleumdung als ein Muster dessen, was der Haß gegen einen Mann von Genie und Ehre zu erfinden und zu verbreiten im stände ist. Ich fordere das klerikale Blatt auf, den Beweis für die blödsinnige Anschuldigung zu erbringen, die; es gegen mich erhebt." — Ob das „Korrespondenzblatt"; es thuu wird? — * * I -ij „Sijum b’clii tow," mit etwas Günstigem schließen zu können ist erfreulich und erwünscht, und daher möge ohne j Überleitung der nachstehende Bericht aus Bombay folgen.! Die Einwanderung russischer Inden nach Indien nimmt; immer größere Dimensionen an, es find besonders die großen j Hafenstädte, die eine große Anziehungskraft auf die neuen i Einwanderer ausüben und sie zur Ansässigmachung daselbst! einladen. So sind im Laufe der Zeit in Bambay, dann in Kalkutta, Madras, Singapor, Rangun rc. kleine Ansiedelungen russischer Inden (in Indien werden gewöhnlich alle polnischen Juden, mögen sie aus Rußland, Galizien oder Preußisch-Polen kommen, als „russiau jews“ russische Juden bezeichnet) entstanden, die im Anfänge zwar stark zu kämpfen hatten, um sich daselbst eine neue Existenz zu gründen, die aber dank ihres Geschäftsgeistes, ihrer Beharrlichkeit und ihrer Sparsamkeit, alle Hindernisse besiegten und Seite 115. heute nun sich schon anständig und gemächlich fortbringen. Auch die mangelnde Kenntnis der englischen Sprache bot ihnen nur wenig Schwierigkeiten, denn es ist ja bekannt, wie leicht und schnell polnische Inden eine fremde Sprache erlernen, es giebt in Bombay nicht nur russische Männer und Frauen, sondern auch Linder, die binnen fünf oder acht Monaten perfekt?) englisch zu sprechen erlernten. Nur im Innern des Landes, obwohl es auch daselbst große und herrliche Städte giebt, finden sich gar keine oder nur wenige russische Inden, man muß die Ursache davon in ihren religiösen Gefühlen suchen, da sie am liebsten solche Städte aussuchen, wo schon arabische oder sephardische Juden wohnen, und auch diese leben am liebsten in den großen Hafenstädten, die sich von den englischen Hafenstädten nur wenig unterscheiden. Auch muß inan bedenken, daß man in beii Hafenstädten, wv ein lebhafter Verkehr herrscht, eher eine Beschäftigung findet, als im Innern des Landes. In einigen Jahren werden daher in Bombay, dann in Kalkutta und Singapvra schon ansehnliche russisch-jüdische Gemeinden bestehen. Leitende Artikel. Hören, sehen und schweigen. Bon T)r. Ad. Jellmek. III. Schweigen. Menenius Agrippa erzählte einst dem römischen Volke, wie die Glieder des menschlichen Körpers um den Vorrang stritten, und daß der Magen in diesem Wettkampfe den Sieg davvntrug, da ohne seine Nahrung und Verdauung alle körperlichen Organe dahinsiechen und nicht fähig bleiben, ihre Funktionen zu verrichten. Dnrch diese Fabel tvurde das römische Volk belehrt und betvogen, nach Rom zurückznkehren und sich zu unterwerfen. Im Midrasch wird folgendes erzählt: Einem kranken König wurae von seinen Ärzten geraten, sich Milch von einer Löwin als Heilmittel zu verschaffen. Das war eine schwielige Aufgabe. Da erbot sich ein Mann, sie zu übernehmen, um das Leben des Königs zu retten und verlangte zu diesem Zwecke zehn Ziegen. Mit diesen versehen begab er sich in der Nähe einer Höhle, wo eine Löwin hauste. Am ersten Tage warf er ihr eine Ziege zum Fräße vor, setzte diese Prozedur zehn Tage hintereinander fort, die Löwin gewöhnte sich an ihn, wurde zutraulich, so daß er ihr Milch entnehmen konnte. Hocherfreut über das Gelingen seines Unternehmens trat er den Rückweg an. In der Nacht träumte er, daß die Glieder seines Körpers miteinander stritten, wem das meiste Verdienst bei der Ausführung dieses Rettungswerkes zukomme. Da regte sich die Zunge und sprach: Ich habe das meiste zur Erlangung des Medikaments beigetragen, denn das Wort setzt alles in Bewegung und vermittelt den Verkehr der Menschen untereinander. Die Glieder verspotteten die Anmaßung und die' Prahlererei der Zunge und riefen ihr zu: Du weiches Organ, ohne Kraft, ohne Festigkeit und eingesperrt zwischen zwei beinernen Mauern, wagst es, dich über uns zu erheben und den höchsten Vorrang im menschlichen Organismus zu beanspruchen. Nun, wir werden sehen, erwiderte die Zunge in einem wegwerfenden Tone. Als

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