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Jeschurun · 1892-11-17 · 8 (17.11.1892) · p. Seite 114

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Journal
Jeschurun
Volume
1892
Issue
8 (17.11.1892)
Date
1892-11-17
Page
Seite 114 (sequence 2)
Language
German
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Seite 114. I e s ch sentieren, wo ihm der Brustton überzeugnngsvoller patriotischer Gesinnung nicht fehlen dürfe." — — — — — — — Der Tausend! Ich wollte ja bloß von dem verblüfften Hirten sprechen! .... Sprach- und wortlos stand er da, und hilfesuchend schaute er zu den abseits stehenden Herren hin. Da trat der Ältere näher und sprach bescheiden und gemessen: „Zwar, ich gehöre nicht eurer edlen Zunft — j denn edel ist die Zunft der Hirten, erhaben der Beruf des Hüters z und Leiters! — an, aber laßt mich in eurem Streit ein j offenes Wort sprechen. Du Pochest, o Hirte, auf dein! Geburtsrecht. Schaue doch um dich — wie fremd blicken die Bewohner dieses Landes dich an, wie wenig lassen sie einen Unterschied walten zwischen dir und deinem Bernfsgenossen! Dadurch, daß du mit mir, Abram, dem Jbri, ziehest, bist auch du ihnen ein Fremdling und Eindringling. Sage dich nicht los von deinen Freunden, du könntest! sonst zu schwach sein deinen, unseren Widersache n gegen-! über. Zudem, mit Verlaub, dieser Streit, hinter dem man j auch egoistische Gelüste mutmaßen könnte—d ieser Streit j ziemt einem Hirten nicht!" j * *! Mit einem Seelen Hirten hat sich in der verflossenen Woche fast die gesamte Zeitnngspresse beschäftigt: mit dem i neuernannten Fürsterzbischvf von Olmütz. Der hohe geist-! liche Würdenträger führt nämlich den Familiennamen Kohn! und entstammt in der That einer jüdischen Familie. Nach! den Einen gehörten die Großeltern, nach Anderen die Eltern! des Kirchenfürsten dem Judcntnme an. Wohl auf diesen | Umstand allein ist das Aufsehen zurückzuführen, das die! Ernennung hervorgerufen hat. Die klerikal-antisemitische; Presse ist in der tötlichsten Verlegenheit. — Ein Erzbischof | mit dem verdächtigen Namen Kohn — es ist keine Kleinigj feit; sie weiß sich jedoch zu helfen, indem sie darauf hin-! weist, daß der Kirchenfürst, wie der Name desselben (Kohn —! Kohen —Priester) besagt, einem „alttestamentarischen Priester-! geschlechte" entstamme. — Mit einer gewissen Schadenfreude; beleuchtet die demokratische Presse diese Ernennung. Die 1 „Franks. Ztg." versteigt sich zu der folgenden Betrachtung: Nun j steht die Weit auf keinen Fall mehr lange. In oen merkwürdig-! sten Anzeichen kündigt sich die nahe Götterdämmerung an. Was! die erhitzteste Phantasie als thörichtes Hirngespinst weit von sich gewiesen hätte, ist plötzlich zur Wahrheit geworden: das Olmützer Domkapitel hat einen neuen Fürsterzbischof gewählt, und dieser neue Würdenträger der alleinseligmachenden Kirche ist nicht nur ein getaufter Jude, sondern er heißt obendrein auch noch Kohn, und dieser letztere Umstand steigert die Merkwürdigkeit des unerhörten Vorgangs geradezu ins ungeheuerliche. Man weiß, daß die Bewegung, , die, aus dem Bündnis zwischen Roheit und Dummheit ent- ■ sprungen, das Ende des Jahrhunderts so glorreich bezeichnet, gerade diesen Namen mit besonderer Feindschaft beehrt — und nun ans einmal giebt es einen Fürsterzbischof Kohn, und über kurz oder lang bekommen ihre fürsterzbischöfliche Gnaden den Kardinals-Purpur und — von jetzt an halten wir alles für möglich — ein nächstes Konklave vereinigt seine Stimmen auf den Kardinal von Olmütz unb dieser j besteigt als Theodor Kohn l. den Stuhl Petri! Und! dann werden wir uns erlauben, dem verehrten Ben Akiba | persönlich unsere Aufwartung zu machen und ihm den interj essanten Fall eingehend zur Kenntnis zu bringen. Aber abgesehen von der reinsten aller Freuden, der Schadenfreude, > u r n n. hs- Nr. 8. welche die Olmützer Wahl allenthalben erwecken wird, macht dieses Ereignis auch die Neugier gewaltig rege. Ganz gewiß ist ein Mann, der aus dem Judentum tritt, katholischer Theologe wird und dennoch mit eigensinniger Treue an dem Namen Kohn festhält, kein alltäglicher Mensch, und wenn dieser Mann sich trotzdem zum Kanzler eines Domkapitels emporschwingt und endlich sogar würdig befunden wird, das oberste Amt eines großen Bistums zu bekleiden, so muß er persönliche Eigenschaften besitzen, die über das Maß des Gewöhnlichen weit hinansreichen. Aber in diese Wahl spielt noch eine andere Angelegenheit hinein, deren geheime Fäden wohl erst eine spätere Zeit aufdecken wird. Nach dem Tode des früheren Olmützer Fürstbischofs, des Landgrafen Fürstenberg, wurde eine Zeitlang ein Mitglied der österreichischen Kaiserfamilie, Erzherzog Eugen, ein Bruder der Königin-Regentin von Spanien, als Kandidat für den erledigten, außerordentlich reichen Bischofssitz in den Blättern genannt. Der Erzherzog ist Oberst-Lwutenant in einem Infanterie-Regiment, und man kann sich vorstellen, daß seine Bewerbung um den Olmützer Krummstab, wenn sie schon einmal aufgestellt wurde, auch die nachdrücklichste Begünstigung gefunden hat. Dennoch scheint man bald eingesehen zu haben, vielleicht auf einen Widerstand von Rom oder Prag oder Olmütz hin, daß ein Prinz, der Offizier ist, nicht notwendigerweise die theologischen Eigenschaften, die man von einem Bischof verlangt, besitzen müsse. Infolgedessen war von der Kandidatur des Erzherzogs nicht weiter die Rede, und man nahm an, daß die hochadeligen Mitglieder des Olmützer Kapitels einen der Ihrigen zu ihrem Oberhaupt wählen würden, zumal selbst bloß zur Aufnahme in ihren Kreis bis in die neueste Zeit der Nachweis „höherer Geburt" unerläßlich gewesen ist. . . . . Und nun tritt ein gewesener Jude, der Kohn heißt, an die Spitze dieses altehrwürdigen Bistums. Wir kennen die Familienverhältnisse des neuen Fürsterzbischofs nicht, aber wir hoffen, — er ist ein vergleichsweise junger Mann, — daß seine Eltern noch leben. Vielleicht irgendwo in Mähren, wo nian noch streng am alten Glauben hängt. Vielleicht find sie schlichte Menschen, die zwar von Herzen fromm sind, aber deshalb doch den Weg, der ihren Sohn so weit von ihnen entfernt, nicht verdammen. Und dann mag es geschehen, daß eines Freitags abends, wenn die Kerzen brennen und der Friede des Sabbats eingekehrt ist, d e Thür ihres Hauses sich öffnet und ein Kirchensürst in kindlicher Liebe vor ihnen niederkniet und die ölten Leute um ihren Segen bittet. * * -i- Jm Grunde geht diese Sache uns Juden nichts an; allein nachdem unsere Gegner sich's zum Systen gemacht haben, uns jeden Lumpen an denHals zu werfen, dem sie an dem Namen oder der Nase seine jüdische Abstammung vermeinen ablesen zu können, dürfen wir die Namen der jüdischen Abkömmlinge nicht ignorieren, die es „zu etwas gebracht haben." Wäre beispielsweise Drumontnicht Antisemit, man würde schon längst ihn an unsere Rvckschöße gehängt haben, denn dieser Ritter von Furcht und Tadel soll ebenfalls jüdischer Abstammung sein. Die in Paris erscheinene Zeitschrift ,,L’Alliance nationale" ist in der Lage über die Ahnen des Herrn Drumont Auskunft zu geben. Der Großvater des chauvinistischen Franzosen, der bei der bloßen Nennung des Wortes „deutsch" schon einen Anfall von Tollwut bekommt, soll in — Württemberg geboren und zu Hause sein. Allein

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