Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 1892
- Issue
- 7 (10.11.1892)
- Date
- 1892-11-10
- Page
- Seite 109 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 7. I e s ch r Hebräische und jüdisch-deutsche Aufschriften laden überall j zum Kauf ein, die mitunter recht drollig klingen, wie „Hier j verkauft mau koschere Milch von einer jüdischen Kuh," oder j „Hier werden die Haare vom Kopf für wenig Geld abge- > schnitten" u. s. w. Auch an russischen Schildern fehlt es! nicht, namentlich an Apotheken, denn die „russische" Apotheke! gilt hier als Empfehlung, wie anderwärts die „deutsche." > Stark vertreten sind die Kvscher-Fleisch- und Wnrstwaaren-! Läden, deren Erzeugnisse recht lecker aussehen. Der Jude j ist ,ein wenig Gourmand, und liebt recht fein bereitete! Speisen. Diesem Bedürfnisse tragen unzählige Restaurants! billige Rechnung, in welchen man nach dem Essen auch Kaffee mit Milch verabreicht, was nach jüdisch-religiösen! Begriffen strengst verpönt ist. Man giebt sich aber in:! Lande der Freiheit auch in dieser Beziehung frei und dann! „Les extremes se touchent“ findet hier seine volle Anj Wendung. Der Kleinhandel und der Trödel bilden natürlich! die hervorstechende Physiognomie dieses Gassengewirres.! Natürlich begegnen wir auch hier dem in Rußland üblichen Gebäck, dem „ begel" mit dem großen Loch in der Mitte! und der „Matze," die so groß ist, daß man sich, wie der Vvlkswitz sagt, damit zndecken kann. „Wo {nnmtt das Loch; hin wenn man den Begel anfgegessen hat?" — „In die; Tasche" — lautet die Antwort. Der jüdische News-boy, j der zungenfertig die verschiedenen jüdischen Zeitungen aus- | schreit und der Händler mit jüdischen Gebet- und Unterj Haltungsbüchern, Schaufäden, Gebetriemcn, Gebetmänteln, Papirossen (Cigarretten) u. s. w. verleihen der Gegend ihr charakteristisches Gepräge. Das Ghetto erweitert sich, und die Atmosphäre wird etwas lichter, wenn wir den East-Broadway, die Grand Street und Kanal-Street betreten. Ersterer ist für diese; Gegend, was die Wallstraße oder die 5. Avenue für den i Westen ist, nämlich Verkaufs- und Wohnstätte der Krösusse! des Ghetto. Die Grand-Street ist in ihrem Anfang recht' breit und mit eleganten Magazinen eingefaßt, während die I Kanal-Street den Hauptstapelplatz des jüdischen Buch- und j Zeitungsverlages, der hier ungewöhnlich entwickelt ist, bildet, j es erscheinen allein in New-Iork sieben bis acht jüdische j Zeitungen im Jargon und eine in hebräischer Sprache. Sie dienen dem Neuigkeitsbedürfnis und zum Teil auch der Arbeiterbewegung, die hier recht rührig ist. Die Roman- und Sensationslitteratnr wird hier zum Schaden der unteren Massen ans schreckliche Weise ausgebentet, die ganz erpicht j ans diese Abart geistiger Erzeugnisse ist und dafür den letzten > Cent opfert. Der häßliche Jargon bürgert sich auf ameri- I kanischem Boden unausrottbar ein, und die leidige Anfklärerei! treibt ihre gefährlichen Sumpf-Blüten. j Wehe, die dem Ewigblinden! Des Lichtes Himmelfackel leihen!! Sie strahlt ihm nicht; sie kann nur zünden! Und äschert Städt' und Länder ein. -— . j Hier findet der Sozialismus oder der Anarchismus eine! nur zu ergiebige Nahrung. Ihm gilt dieser häßliche j Jargon als ein durchaus berechtigtes und ebenbürtiges! Idiom, und er bedient sich desselben als willkommenes j Mittel zur Aufstachelung der unteren jüdischen Arbeiter-! masten, die ihm treue Gefolgschaft leisten. Jüdische Studenten! und Gymnasiasten sind die furchtbarsten Handlanger dieser! Bewegung nnd der betreffenden Redaktionen. Für solche j Personen giebt es keinen Raum in diesem Lande, wenn sie! kein Handwerk gelernt haben und zur niedrigen Han-! r u n. Seite 109. tierung nicht greifen mögen. Daher ist es kein Wunder, daß sie bei dem verneinenden Geiste, der sie vom Hause aus beherrscht, sich hier mit Macht in die Bewegung stürzen. Ihre Propaganda gilt zunächst den herübergekoinmenen gleichgesinnten Mädchen, mit denen sie ungezügelten Umgang nach der Lehre Tschernischewskis und anderer pflegen, nnd die ihrem sittlichen und materiellen Ruin hier weiter entgegengehen. Dieses Ghetto-Labyrinth ist für derartige Maulwnrfsarbeit ganz besonders geeignet und zeitigt gar seltsame Blüten. Auch der Thespiskarren rasselt über das Ghettopflaster, denn zwei oder drei jüdische Theater sorgen für theatralische Unterhaltung und erfreuen sich eines ungeheuren Zuspruchs, aber die göttliche Thalia ist zur schauderhaften Megäre entstellt, und der Timtam führt den Orchesterstab. Was ist dem Paria die Kunst, das Schönheitsgefühl? Er will sich im freien Lande aud) nach seiner Weise amüsieren und die Tollheit unserer Zeit, das fin de siecle spiegelt sich auch hier wieder. Dem religiösen Bedürfnis dienen, wie schon erwähnt, unzählige Betschnlen und Synagogen, deren Hanptstvlz das in der Norsolk-Street gelegene und im maurischen Stil ausgeführte „Beth- Hamidrasch Hagodol" ist, wo, wie üblich, auch Talmud „gelernt" wird. Der hebräische Jugendunterricht wird auch zum großen Teile noch in herkömmlicher Weise im dumpfen „Cheder" (Schul-Stube) vom unwissenden Melamdim gehegt und gepflegt. Die Talmud-Thora auf dem East-Broadway zählt an 1200 Jünglinge und eine „Jeschiba" bereitet zum höheren Talmudstndinm vor. Der Sabbat wird da noch wie in der alten Heimat begangen. Jeder Geschäftslärm verstummt, nnd in Sabbatkleidern sieht man alles.von und nach den Synagogen rennen. Die einen tragen den „Tallesbeutel" mit dein G^betbuche unterm Arm, die anderen unterlassen auch dieses, der Sabbatstrenge gemäß, und haben ans demselben Grunde das Taschentuch um den Hals oder um die Lenden geschlungen, denn in der Tasche darf es nicht getragen werden. Das Sabbatessen wird Tags vorher zubereitet, denn am Sabbat darf kein Feuer angezündet werden. Jeder enthält sich des Fahrens, des Rauchens, oder längerer Touren, doch habe ich noch nichts von den üblichen telegraphenähnlichen Sabbatgrenzen bemerkt, wie sie so oft di Außenseite russischer Städte zieren. Festesfeier, Geburt, Hochzeitsschlüsse, Hochzeitsfeier, Scheidung, Beerdigung — kurz das ganze russischjüdische Leben, von der Wiege bis zum Grabe hat sich hier auf amerikanischem Boden gleichsam krystallisiert und alles vollzieht sich nach den strengen Forderungen der Tradition. Keineswegs anmutend ist das häusliche und wirtschaftliche Leben in den hohen und ungesunden, Mietskasernen ähnlichen, Wohnungen dieser quetschenden Enge beschaffen. Die Leute entbehren vollständig des wirtschaftlichen und verschönernden Sinnes, der ihnen in den slavischen Ländern nicht eingepflanzt worden. Sie hocken oft zu vielen Familien in einem und demselben Raume zusammen, und man kann sich leicht denken, wie traurig es da hinsichtlich der Reinlichkeit und der Hygienie anssieht. Nach des Tages Hitze sitzt alles draußen vor der Hausthür mit der überreichen Kinder- - schar und atmet die „lieblichen Düfte" ein. Hier sollte die Gesellschaft vor allem Hand anlegen, zunächst auf Beschaffung