Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 1892
- Issue
- 7 (10.11.1892)
- Date
- 1892-11-10
- Page
- Seite 108 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 108. -^Jeschurun. Nr. 7. t und das linke Schulterblatt, welches sich mit feinem Genossen von der rechten Seite nicht mehr auf einem Niveau erhalten konnte, senkte sich einigermaßen. ^Zufolge dieser kleinen Mängel wurde aus Juda in der Zukunft nur ein Givilschneider, denn wer weiß, vielleicht wäre er sonst ein Held geworden und hätte auf dem Aampfschauplatze Lorbeeren geerntet, obwohl er hiefür keine angeborene Vorliebe hatte. . . Seit seiner ersten Kindheit zog er die Nadel : dem Bajonett vor und der Anblick vorbeimarschierender Soldaten verursachte ihm eine Gänsehaut. Mährend der fachmännischen Praxis kam es vor, daß Zuda an der Seite seines Nalers Ausflüge nach der Umgegend machte. Zn solchen Fällen nahmen sie außer dein nötigen Merkzeug zwei Säcke mit und darin brachten sie ' immer etwas mit, um die Speisekammer der Mutter Ruchele zu verproviantieren. Nach sechsjähriger Praxis war Zuda bereits ein Züngling und ein fertiger Schneider. Für den Feiertag hatte er einen selbstgenähten Kaftan aus Aainlot, einen schwarzen wollenen Gürtel und ein paar Stiefel. Oie Mütze trug er nach rückwärts zurückgeschoben und schickte sich an eine Reise nach einer sehr entfernten Gegend beinahe ans Mellende, anzutreten. Zn einem mit einem plane bedeckten Magen unternahm er in Gesellschaft seines Oalers und einiger Familienmitglieder eine Reise nach Sokolow, wo er ein gewisses, kleines Geschäft abzumachen hatte. Gr sollte sich dort verheiraten. (Fortsetzung folgt.) % es inehr, als goldene Worte, SS' Die Du vor der Lutherpforte Richtest an des Volkes Herz?! Kaiser! Laß' sie Thaten werden, Setz' ein Denkmal Dir auf Erden, Dauernder als Stein und Erz! Dein Kaiser! Von Albert Lachs. Duldung! — Würdig Deiner Ahnen, „Duldung" schriebst Du auf die Fahnen, Die Dich grüßend heut' unweh'n. Mahnend pocht's an die Gewissen: Sieh das Vaterland zerrissen, Sieh's in blnt'gem Weh' vergeh'n! Glaubenskampf und Raeenhetze, j Spottend göttlicher Gesetze, j Wüten rings im Vcterland: > Sänbr' es von des Unkrauts Samen,! Thu's in Kaiser Friedrichs Namen,! Vonder„Schmach", — wie Er's genannt! Das vierhundertjähr'ge Erbe Neu erkämpfe, neu erwerbe Es. durch Dich belebt, verjüngt: Sei der Liebe Triumphator, Sei der Welt ein Reformator, Der ihr Friedenspalmen bringt! Kaiser! Laß' es Thaten werden, Setz' ein Denkmal Dir auf Erden! Ewiger, denn Stein und Erz! Und, wie in der Lutherpfvrte, Graben wir uns Deine Worte Unvergänglich tief ins Herz' (Dt. Rchsbl.) Das New-Uorker Ghetto. I Von T, Wiener. 1 j Sie vereinigen sich mit Vorliebe zu Gemeinden nach! Lands-Mannschaften und Städten ihrer Herkunft und so l finden wir eine Galizianer, eine Warschauer, eine Ungarische,? eine Bialystocker, eine Suwalker, eine Wilnaer, eine Grodnoer > u. s. w. Synagoge. Jede Gemeinde hafl ihre besonderen! Kultnsbeamten, ihren Rabbi und meist auch ihr Gemeindebad (Mikweh). Das Haupt der Orthodoxie, zu welcher 1 sich alle daselbst bekennen, ist Rabbi Josef ans Wilna, eine 1 große Leuchte des Talmuds, aber iu weltlichen Dingen ganz > unwissend. Seine Hauptfnnktion besteht darin, das Schlachten; und den Verkauf des Koscher-Fleisches zu bewachen. Der : andere Rabbiner Dr. Klein, ein geborener Ungar und auch; schon weltlich unterrichteter Mann,' hat.bedeutenden Einfluß; in ungarischen Kreisen.! Jede Gruppe hat ihre besonderen Gepflogenheiten und i ihren eigentümlichen Jargon-Dialekt. Die Litthauer können den Kehl-Laut h nicht Hervorbringen, die Wilnaer den Zischlaut sch nicht, der bei ihnen wie ein scharfes s lautet; die Polen haben eine singende Gewohnheit beim Sprechen, und die Sprache der Podolier und Wolhynier ist stark mit russischen Wörtern und Wendungen durchspickt. Am buntesten itnb bewegtesten ist das Leben in der Hester-Ludlvw-, Baxter-, Allen-, Essex-Suffolk-, Norfolk- und in den angrenzenden und kreuzenden Straßen. Hier namentlich in den erstgenannten Straßen, wimmelt und krabbelt es wie in einem Ameisen-Haufen. Die Passage ist fast unmöglich am Donnerstag nachmittag und Freitag vormittag, wo die Hallsfrauen ihre Einkäufe für den Sabbat besorgen. Allerlei Gerümpel, Verkaufsstände, Karren und Urväter-Hausrat versperren den Durchgang Der Policemmul hat Mühe Ordnung zu halten und wirft in seinem Amtseifer hier und da einer Höckerin den versperrten Korb mit seinem Inhalt um, worauf sich ein entrüsteter Schrei erhebt. „Gerade wie bei uns in Rußland, Das ist die Freiheit!" Diese naive Freiheitsauffassnng charakterisiert eben die rohe und ungebildete Masse. Auf und ab wogt eine dichtgedrängte Menge, deren Aussehen ineist nicht sehr appetitlich ist. Die lange Tracht und die Ohrlvcken sind zwar verschwunden und alles trügt den runden, schwarzen Filzhut, dieses Uuisormstnck des heutigen Heerdenmenschen, aber man sieht es den meisten Männern an, daß ihnen die kurze Tracht noch ungewohnt ist. Gang und Haltung sind schlotterig und von Nettigkeit und Reinlichkeit ist meist keine Spur. Haar und Bart sind wirr und unordentlich. Die Gesichter sind vergrämt und verdüstert und tragen noch den Stempel russischer Knechtschaft und Knute. Freier grebt sich das junge Volk, das sich hier rasch modernisiert — vielleicht zu rasch, da es häufig mit der Liebe zum Alten auch die Liebe zu den Eltern und zur Religion hingiebt und zum Erschrecken verwildert und verroht.