Mannheim
Compact Memory

Jeschurun · 1892-11-10 · 7 (10.11.1892) · p. Seite 107

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
1892
Issue
7 (10.11.1892)
Date
1892-11-10
Page
Seite 107 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/9610650-9609361-9609413--064-9609424
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

^Jeschurun. Seite 107. Nr. 7. alt. Dieses Denkmal errichteten ihm die Häupter unserer Gemeinde, damit es bezeuge, daß dreiunddreißig Jrhre er gestanden im heiligen Dienste seiner Brüder. Wehe, daß wir ihn verloren!" — So ehrt eine vornehme Gemeinde sich, indem sie ihre Heimgegangenen Beamten ehrt! * Der Rabbiner der Gemeinde Ung.-Brod hat im Werke, dort eine Rabbinats-Vorbereitungsschule zu gründen Jedoch liegt die Bewilligung noch beim Landesschulrate. Vorläufig lernen 4 Kinder die Gymnasialfächer privat und gleichfalls den Talmud. Personalien. Herr S. Bernstein, bisher Lehrer in Memel ist von der Gemeinde Ortelsburg zum Lehrer und Kantor gewählt. Herr B. hat sein neues Amt bereits übernommen Herrn Em. Kahn, bisher in Rügenwalde, ist von der Gemeinde Naugard zum Prediger Lehrer und Kantor gewählt worden. FaillilikMitung. Dev Flickschneider. Skizze von Klemens Junosza. Aus dem polnischen von 5. Horowitz. (Fortsetzung.) An einem separaten Tischchen saß in der Stube der Mann des Wissens und der großen Weisheit mit einem sonderbar strengen Antlitze; vor ihm lag ein dickleibiges Buch, die Fingerspuren vieler Generationen an sich tragend, von welchen jede wahrscheinlich mehr Schnupftabak als Seife benutzt hatte, denn die Ecken der Blattseiten waren ganz schwarz geworden. Der Meister hatte eine strenge Miene und der Blick seiner großen schwarzen Augen fiößte der ganzen Schule Angst ein. Bon unter seiner verschossenen Plüschmütze kam rötliches Haar zum Borschein und der lange, kastanienbraune Bart wallte ihm auf die Brust. Der Meister hielt eine lange Röhre mit einer tiefen Porzellan-Pfeife im Munde. In diesem Gefäße, welches ihm vor vielen Jahren ein großer Kaufmann direkt aus Danzig gebracht hatte, glimmten Stückchen eines schwarzen Tabaks, der am paquet die Aufschrift trug „Vorzüglicher, dünn geschnittener Tabak." Das diesem vorzüglichen, fein geschnittenen Kraut entsteigende bläuliche Rauchwölkchen, vereinigte sich mit der schweren dumpfigen Schulatmosphäre, so daß der Geruch, dem Duft von Rosen, Beilchen und Maiglöckchen ganz und gar nicht ähnlich war. Der von Angst ergriffene Juda schaute entsetzt auf den Meister, auf dessen kastanienbraunen Bart und auf die lange pfeifenröhre, von welcher die Traditionen der zukünftigen Bürger und Kaufleute des Städtchens behaupteten, daß sie sich überaus glatt an die Schultern anschmiege und daß sie das Berständnis der vernommenen Schriftzeichen des hebräischen Alphabets sehr erleichtere. Mährend des weitern Berweilens in der Stiftshütte der Weisheit überzeugte sich Juda persönlich, daß diese Überlieferungen nicht die Frucht der Erdichtung und der Phantasie waren, sondern die aufrichtigste Wahrheit. Der Meister hatte nämlich neben seiner großen Gelehrsamkeit I und überaus zartem Verstände einen kräftigen Arm und in der edlen Absicht Aufklärung zu verbreiten schonte er ganz und gar nicht die kostbare pfeifenröhre. Sein Lehrsystem war sehr einfach und nicht wählerisch. Der Meister ging den Verstand um und traf durch die — Schultern direkt ins Gedächtnis. Es war nicht feine Schuld, daß er so oft da hindurch führen mußte. Der gelehrte Losieer Talmudlehrer, der achtbare Iojne Gewaltlehrer, las langsam laut mit einer singenden Deklamation und sich fortwährend schüttelnd vor, und die Kinder wiederholten unisono die gelesenen Ausdrücke, die Stimme des Meisters nachahmend und seine Geberden kopierend. Das ist eine vorzügliche Lehrweise, die außer andern großen Vorzügen auch den, unfern modernen Lehrern unbekannten, Vorzug besitzt, daß man dadurch die Rosten erspart für die Schule eine Firmatafel anschaffen zu müssen. Der ungeheure Lärm, der viel billiger und weniger kostbar als eine Tafel mit entsprechender Aufschrift ist, verkündet schon aus der Ferne den paffonten und den nahen Nachbarn, daß hier eine Stätte des Wissens existiert und stellt dem Schulleiter gleichzeitig das beredte Zeugnis aus, daß die Jugend nicht müßig geht, sondern eifrig und fleißig dem Unterrichte obliegt und seinen Geist übt. R. Iojne erfreute sich deshalb auch mit Recht des großen Ansehens als kluger und energischer Mensch, denn er vermochte der Jugend die schönsten Sachen aus den Büchern zu lehren — die er selbst zwar lehren — aber nicht genau verstehen konnte. Juda brachte in dieser Wissensstätte fünf Jahre zu und nachdem er mit der Pfeifenröhre des R. Iojne nähere Bekanntschaft gepflogen hatte, machte er solche Fortschritte, daß er die heiligen Bücher mit der schönsten, weinerlichen Intonation las, und sich dabei so geschickt und gleichmäßig schüttelte, als säße ihm eine Sprungfeder im Rücken. Juda entwickelte sich geistig, aber nicht körperlich: er war schmächtig, blaß. Auf seinem matt-blassen Gesichte ließ sich nie eine Röte blicken, nur die großen, weitgeöffneten Augen, obwohl sich in ihnen eine Ermüdung ausprägte, hatten einiges Leben. — Für einen zukünftigen Schneider war die Gelehrsamkeit, welche Juda aus R. Iojnes unversiegbarem Borne schöpfte, mehr als hinreichend und deshalb wurde ihm befohlen das Theder zu verlassen und bei der Schneiderwerkstätte seinen Platz einzunehmen, — bei dieser berühmten Familien-Werkstätte, in welcher Iuda's Großvater jenen, in der Geschichte der lokalen Schneiderkunst einzigen Frack fertig gemacht hatte, der noch bis zum heutigen Tage in der Erinnerung der ältern Stadtbewohner fortlebt. Juda verließ das „Theder" ohne zärtliche Rückerinnung und ging auch an die neue Beschäftigung ohne große Freude. Er fädelte g)wirn ein, nähte Knöpfe an, setzte Flicken ein, und erlernte von: Vater praktisch wie man die Kleider auf dem Rücken der Kundschaft zu glätten hat und zu begreifen, daß zu enge bequem heiße und was zu locker, vorzüglich an die Figur anliegt, daß alle Personen von Stand in der ganzen Untgegend den Schnitt loben müssen, und daß selbst der Graf zu wynloki in seiner ganzen warschauer und ausländischen Garderobe kaum ein besseres Kleidungsstück besitze. Bei dieser Arbeit begann sich seine bisher gerade Statur langsam und merklich zu krümmen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.