Mannheim
Compact Memory

Jeschurun · 1892-11-10 · 7 (10.11.1892) · p. Seite 106

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
1892
Issue
7 (10.11.1892)
Date
1892-11-10
Page
Seite 106 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/9610650-9609361-9609413--063-9609423
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Seite 106. ^Jeschurun. 7<- Nr. 7. ‘Wf. Sk der Entseelte das Muster eines Oberpriesters in des Wortes herrlichster Bedeutung. Als der Antisemitismus nach Böhmen verpflanzt wurde, erließ Bischof Hais einen fulminanten Hirtenbrief gegen diese Bewegung. Hierdurch hat er sich uns alle zu großem Danke verpflichtet, zumal seine Worte — wenigstens in seiner Diöcese — auf fruchtbaren Boden fielen. — Vor etlichen Jahren besuchte er anläßlich der Firmung seinen Geburtsort und bei dem feierlichen Empfange in Raby dankte ihm der israelitische Kultusvorsteher in warmen Worten für den beregten Hirtenbrief. Der Bischof antwortete ungefähr Folgendes: „Wir sind ja gute Bekannte von Jugend auf; ich danke für Euren Empfang, derselbe hat mich sehr erfreut; den Hirtenbrief zu erlassen, hielt ich für eine meiner heiligsten Pflichten/' * Über die jüdischen Kolonien in Südrnstland berichtet der Schriftsteller L. Finkelstein im „Woschod" u. a. „Die meisten Kolonien des Bezirks Cherson wurden im Jahre 1804 gegründet. Sie haben aus verschiedenen Gründen kritische Zeiten durchgemacht. Unerfahrenheit der Kolonisten, Mangel an Mitteln, ungenügendes Rindvieh, Hungersnot, unzweckmäßige Verwaltung re. Die Kolonien des Bezirks Jekaterinoslaw stammen aus der Regierung von Nikolaus I. Nach der Verordnung von 1844, welche diese Kolonien organisiert, sind jedem Kolomsten 40 Desiatinen Bodenflüche zugewiesen. In Wirklichkeit erhielten die Kolonisten ein jeder nur 30 Desiatinen, 10 Desiatinen wurden zum allgemeinen Stutzen der Kolonie reserviert. In folge der großen Zunahme der Kolonisten, deren Familien sehr zahlreich waren, waren die 30 Desiatinen bald unzureichend. Die Kolonisten erbaten nun, bald vereint, bald einzeln, die 10 Desiatinen für jede einzelne Familie verwenden zu dürfen, jedoch vergeblich. Im Jahre 1868 setzte dies die Kolonie Grachkaya durch, doch ist sie die einzige unter den 17 Kolonien des Bezirkes Jekaterinoslav geblieben, deren Kolonisten mehr als dreißig Desiatinen besitzen. Nun hatten ab-'-r die Kolonisten die Möglichkeit, Grundstücke, die anderen Besitzern gehörten, in Pacht oder Verwaltung zu nehmen. Das Gesetz oom 3. Mai 1882 jedoch bestimmte, daß es den Juden vcrbo-en s i, ländliche'Besitzungen, in Pacht oder Verwaltung zu nehmen. Dieses Gesetz war ein furchtbarer Schlag für die Kolonisten." * Bei dem Festmahl, welches zur Feier des einjährigen Bestandes der Ackerbaukvlonien für jüdische Kinder in Odessa gegeben wurde, bemerkte der Direktor der kais. Domänen in Cherson und Beßarabien in Beantwortung eines auf ihn ausgebrachteu Toastes, daß er als einer der Begleiter des Domänenministers Ostrowski gelegentlich des Besuches der jüdischen Ackerbaukolonien die Mitteilung machen könne, daß das Ergebnis dieses Besuches für die Juden sich günstig gestalten werde. * Aus Jassy wird über grausame Verfolgungen der dortigen Juden berichtet. Täglich werden Hunderte von Familien ausgewiesen. Für nächsten Sonntag sei eine Massenausweisung angevrenet, die 500 Familien betreffen soll. Ein Gesuch der Juden, den Winter über bleiben zu können, wurde vom Premierminister abgeschlagen. * Über die jüdische Kolonie zu Woodbine in New- Jersey (Amerika), eine jener Niederlassungen für die russischen Juden, welche aus dem Unterstützungsfonds des Barons Hirsch errichtet worden sind, berichtet man der „Daily News", daß dieser Platz jetzt ein Städtchen mit behaglichen Häusern, umgeben von gut bebauten Farmen, geworden ist, statt der früheren öden Haide. Von den für die Kolonie um 39000 Dollars erstandenen 200 Hektaren sind ein Teil bereits in 62 Farmen von je 12 Hektaren parzelliert und in Besitzung genommen worden. Jede Familie erhält ein Wohnhaus, Scheune, Ackergeräte, Aussaatkorn, eine Kuh und 25 Hühner. Der Preis, welcher das Reisegeld von Rußland mit einschließt, ist 1200 Dollars, welche innerhalb zehn Jahren in Raten zu zahlen sind. Synagoge, Gemeinde und Schule. * Am 19. Oktober starb in Frankfurt a. M. der Kantor M. Weintraub. Derselbe hat siebenunddreißig Jahre als Kantor an der dortigen Hauptsynagvge gewirkt und sich auch als Komponist einen Namen gemacht. Ein Sohn des Verstorbenen ist Kapellmeister in Halle a. S. * Ein reichverdientes, erfolggesegnetes Leben hat am 29. Oktober in Wien geendet. Der weit über das Weichbild dieser Stadt und über die Grenzen seines Vaterlandes hinaus gefeierte Schriftsteller und Historiker Professor Dr. Gerson Wolf, der Inspektor aller Religiousschulen Wiens, ist nach kurzem Krankenlager im Alter von 70 Jahren verschieden. Was der Dahingegangene auf dem Gebiete des Religionsunterrichts in Österreich geleistet, ist ebenso bekannt, wie seine reiche wissenschaftliche Thütigkeit. Am 16. Jnli 1823 in Holeschau (Mähren) geboren, vollendete derselbe seine philosophischen Studien an der Wiener Universität. 1850 wurde er Religionslehrer der Wiener israelitischen Kultusgemeinde und 1884 Inspektor für den israelitischen Religionsunterricht. Außer seinen Religionsbüchern,, welche in allen Schulen Österreichs eingeführt sind, veröffentlichte er zahlreiche Schriften, welche sich insbesondere auf die Geschichte der Juden in Österreich beziehen. Sein Andenken sei gesegnet! * Die Probepredigten in Wien haben wieder begonnen. Freitag, den 4. d. Mts. hat Rabb. Dr. Taglicht beim Abendgottesdienst gepredigt, ihm folgt Rabb. Dr. Kleemann aus Nagy-Atad. — Fast noch wichtiger für die Wiener Gemeinde war der Umstand, daß Oberrabb. Dr. Jellinek nach längerer Pause am 29. Oktober wieder zu predigen begonnen hat; er sprach über den Ausspruch des Patriarchen Abraham: „Es sei keine Streitigkeit zwischen mir und dir, denn wir sind Stammesbrüder und Verwandte," und ermahnte die Gemeinde, bei der Feststellung des neuen Statuts friedlich, freundlich und brüderlich zusammen zu wirken. * Der Grabstein des entschlafenen Oberkantvrs der Gemeinde Pest, Prof. Friedmann,- enthält eine umfangreiche hebräische Inschrift, die in deutscher Übersetzung nach dem in Budapest erscheinenden „Kultnsbeamten" lautet: i „Hier ruhet der große/gefeierte Sänger der Gesänge Israels, der vollkommene hochgeehrte Herr Mose Josef Friedmann. Er war ausgezeichnet durch Fähigkeiten und reich an Kenntl nissen. Sein Name ist gekannt in Israel. Der Oberkantvr j unserer Gemeinde, einem Löwen gleich erhob er seine Stimme, da erbebten die Säulen der Pfosten vor der Stimme des Rufenden. Mit seinem Munde pflegte er seine^ Station. Sein Gebet, mit Verständnis trug er es vor und mit heiliger Andacht. Sein Gesang glich dem neuen Kruge voll alten Weines. (Anspielung auf die altjüd. Weisen, denen er moderne Form verlieh.) Tiefgerührt war jeder, der ihn hörte. Er starb am Sabbat, 26. Ab 5651, 66 Jahre 'v-5sr

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.