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Jeschurun · 1892-11-10 · 7 (10.11.1892) · p. Seite 104

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
1892
Issue
7 (10.11.1892)
Date
1892-11-10
Page
Seite 104 (sequence 8)
Language
German
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Seite 104. -^Jeschurun. Nr. 7. Ausschließlich religiöse Feste sind: Rosch haschana und Jomkipurundzwar nicht nurdeshalb, weil sie keinen historischen Hintergrund sür dos Volk bilden, sondern auch deshalb, weil sie einen internationalen Charakter an sich haben. Nachmosaische Feste sind: 1. Chanuka, das Einweihungssest des Tempels durch die Makkabäer, 2. Purim oder das Loosfest. Peßach- oder Überschreit" ngsfest soll uns an den wunderbaren Auszug Israels aus Ägypten erinnern. Das Fest beginnt am Abende des 14ten Nissan und dauert 8 Tage. Die ersten und die letzten zwei Tage sind Hauvt-, die mittleren vier Halbfeiertage. An den beiden ersten Abenden wird das Familienmahl unter frommen Bräuchen nach einer festbestimmten Ordnung eingenommen, der in der hebräischen Sprache „Scder" „Ordnung" bedeutet, daher die beiden 2 Abende — Sederabende heißen. Nicht nur daß das Entree der Mahlzeit ein Ei bildet, wie dies bei den römischen Mahlzeiten stets der Fall war, die ganze Art und Weise des Sichanlehnens beim Sitzen soll das Gefühl der Freiheit und Selbständigkeit in uns erwecken und zum Bewußtsein bringen. An diesen Abenden ist der Genuß des ungesäuerten Brotes und bitterer Kräuter ein Gebot, dem man sich ohne Pflichtverletzung nicht entziehen kann; in den übrigen Tagen darf allerdings nichts Gesäuertes weder in Speisen noch im Trank genossen werden; der Genuß jedoch des ungesäuerten Brotes ist keineswegs notwendig. Die bittern Kräuter sollen uns an die Bitternisse der Israeliten, die sie in Ägypten zu erleiden hatten, erinnern; das ungesäuerte Brot nicht nur daran, daß Israel bei seinem Auszuge aus Ägypten ans Mangel an Zeit den Teig in Säuere nicht übergehen lassen konnte, sondern auch wie die Säure (der Sauerteig) den Teig in die Höhe aufgehen läßt, bei allem Bewußtsein der Freiheit und Selbständigkeit jede Änfgeblasenbeit, jeden Stolz und Eigendünkel von uns fernhalten. So sind selbst die Speisen, die wir am Peßachfeste genießen, förderlich der Vahren Freiheit des Menschen. Peßach ist aber nicht nur das Feiheitsfest Israels als Beginn seiner nationalen Freiheit •— es ist auch das Freiheitsfest der gesamten Natur. Auch diese erwacht nach scheinbarem Winterschlafe zu neuem frischem Leben, und indem sie sich verjüngt, übt sie die gleiche Wirkung auf jeden, der Geist und Herz am rechten Flecke hat. Die Freiheit, die der Mensch erlangen kann, ist eine zweifache und zwar 1. eine äußerliche und 2. eine innere. Äußerlich frei ist der Mensch, wenn er nicht Sklave eines anderen, wie Israel dieses in Ägypten gewesen ist. Die innere Freiheit jedoch ist von der äußeren unabhängig, wie auch Schiller sagt: „Frei ist der Mensch und wär' er in Ketten gebunden." (Wilh. Tell.) Zur inneren Freiheit jedoch ist Selbstbeherrschung, Ein- und Unterordnung in einen höheren Willen, in das Gesetz, sei es nun göttlichen oder nienschlichen Ursprunges unbedingt notwendig. Das Peßachfest brachte nun den Israeliten die äußerliche Freiheit; die innerliche Freiheit sollten sie erst sieben Wochen nach dem Auszuge aus Ägypten erhalten. Dieser siebenwöchentliche Zkitraum war notwendig, um die Israeliten auf die wichtigste Offenbarung Gottes am Berge Sinai vorzubereiten. Das Schewnothfest fällt also seit der göttlichen Offenbarung am Sinai stets auf den 50. Tag nach dem 1. Peßachtage. Auch das deutsche Wort .Pfingsten" ist aus dem griechischen Worte „Pentekoste“ (der 50.) entstanden. Auch bei den Christen, bei denen der 1. Tag des Osterfestes stets auf einen Sonntag fallen muß, ist der 50. Tag nach Ostersonntag stets der Pfingstsonntag. Weil 7 Wochen vom Peßachfeste bis zum Schewnothfeste verflossen sein müssen, heißt dieses Fest Schewnoth- oder Wochenfest. Die wichtige Bedeutung dieses Festes besteht darin, daß es den Israeliten die innere Freiheit, die Freiheit des Geistes und Herzens brachte und ihnen die Mittel an die Hand gegeben hat, dieses einzig wahrhaften Glückes stets teilhaft zu sein und zu bleiben. Das Schewnothfest führt ferner den Namen: „das Fest der Erstlinge" — da nämlich der Orient — Morgenland — sowohl die Erdals auch die Baumfrüchte zur Pfingstzeit schon zur Reife gelangen, mußten die Erstlingsfrüchte von den Israeliten Gott dargebracbt werden. Daß Gott der Früchte nicht bedarf, ist wohl selbstverständlich; der Israelit aber soll mit jedem Jahre, bei jeder neuen Frucht daran erinnert werden, daß er und alles, was ihni gehört, von Gott, dem Schöpfer und Erhalter des Alls — abhängig und ihm daher freudigen Herzens dienen soll. Auch das Fest der Erstlinge will jenes Selbstvertrauen, welches in Selbstvergötterung ausartet, uns entziehen und das Hochgefühl des erlaubten Genusses durch den dankerfüllten Aufblick zu Gott in uns erwecken, fördern und erhalten. Das 3. Nativnalfest ist das Suckvthfest oder Laubhüttenfest. 40 Jahre nämlich ließ Gott die Israeliten in der Wüste in einfachen Hütten wohnen und trotz der manigfachen Gefahren, die ihr Dasein bedrohten, blieben sie an Körper und Geist frisch und unversehrt. So hatte sich der göttliche Schutz zum zweitenmale in wunderbarer Weise bethätigt. Das Suckothfest führt in der Bibel schon einen zweiten Namen, der uns dessen Bedeutung für die Nachkommen knndgiebt und zwar heißt es auch das Erntefest; dieses Fest war das heiterste int alten Israel. Schwerbeladen wurden die vollgefüllten Wagen durchs Hausthor geführt und wonniglich gestimmt übergab man den Ertrag des Jahres den Vorratskammern. Damit jedoch in der Zeit der höchsten Freude der Jsraelite das Bewußtsein seiner wahren Bestimmung, nicht verliere, sollte er gerade in dieser Zeit das feste Gemäuer, die bequeme Wohnung verlassen und in einfache Hütten sich begeben. Zur Zeit des größten Überflusses an Einfachheit und Entsagung sich gewöhnen — das will uns das Laubhüttenfest lehren, um so auf alle Wechselfälle des Lebens und Geschickes gefaßt zu sein. 7 Tage dauert dieses Fest und zwar vom 15. bis zum 22. Tischri. Der 23. Tag dieses Monats heißt hebräisch: Schemini azereth, der 8. Tag als Beschlußtag des Freudenfestes. Außerhalb Palästina wird auch der folgende Tag als „Simchas Thora" d. h. als Freudenfest der Thora gefeiert. An diesem Tage wird der Pentateuch d. h. die 5 Bücher Moses öffentlich in der Synagoge abgeschlossen und unmittelbar nach dem Abschlüsse sofort mit dem Vorlesen des

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