Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 1892
- Issue
- 7 (10.11.1892)
- Date
- 1892-11-10
- Page
- Seite 103 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 7. ^Jeschurun. Seite 103. Die Einen begnügen sich damit, dem „Konfirmanden" die „Beracha" vor und nach dem Pentateuch- resp Propheten- Abschnitt mechanisch beiznbringen, ohne diese kurzen Stückchen vorher auch nur übersetzt und erklärt zu haben. Andere vermeinen ein übriges zu thun, indem sie dem Knaben die Haphtara — wo sie noch im Urtext vorgetragen wird — einpauken, wieder andere — und dies besonders in Posen, Westpreußen und Oberschlesien — suchen eine gewisse Force darin, den Bar-Mizwa den ganzen Wochenabschnitt, mit oder ohne Neginah, Herleiern zu lassen. Wie unbedeutend die eiste, wie geisttötend und darum vom pädagogischen; Gesichtspunkte unbrauchbar die letzte und wie geringwertig endlich die erste und letzte Art dieser Vorbereitung: i das brauche ich wohl den Lesern gerade dieser Zeitschrift nicht erst zu sagen. Es bemächtigt sich meiner ein Gefühl des Bedauerns, so oft ich einen solchen in Unfreiheit dressierten Konfirmanden vorführen sebe und ihn sein Sprüchlein Herleiern höre — ein Gefühl des Bedauerns besonders ob des nutz-, zweck- und wertlosen Vergeudens einer Spanne Zeit, die gleich günstig nimmer wiederkehrt. Der Bar Mizwa ist zum Lernen geneigt und darum sollte der Bar Mizwa-Unterricht zu einem förmlichen zielbewussten Konfirmations- oder sagen wir lieber: Religionsunterricht gemacht werden. Er darf aber nicht in einem Zeitraum von 4—6 Wochen durchgepeitscht werden, sondern muß ein! volles Jahr, mindestens aber i.eun Monate in Anspruch > nehmen. — Ein besonderer Sporn für die Kinder ist eine I öffentliche Einsegnung verbunden mit einer kurzen z Katechese an dem Bar Mizwa-Sabbat. Die Feier nmß! kurz sein und die aktive Beteiligung des Konfirmanden j auf ein Minimum reduziert werden. Schreiber dieses voll-! zieht diesen Akt nicht ohne Anerkennung seit einer Reihe von j Jahren wie folgt: Nach der Vorlesung aus der Thora,! wobei der Bar Mizwa selbstredend als „Maphtir" „auf-; gerufen" wird, folgt das Gebet für Kaiser, Reich und! Gmeinde, sodann ein auf die Barmizwa-Feier bezügliches! einleitendes Gebet. Der Lehrer steht auf der Kanzel, der Konj firmaud ihm gegenüber am BetpnU. Sodann folgt eine! kurze, auf etwa 10 Fragen sich beschränkende Katechese.; Die Reihenfolge der Fragen und Antwvrterr wird dem j Konfirmanden erst am Freitag bekannt gegeben bis dahin > wird ihm wiederholt und eindringlich gesagt, daß er auf jede Frage aus dem dnrgenvmmenen Unterrichtsstoff gefaßt sein müsse. Nach der Katechese spricht der Konfirmand das Glaubensbekenntnis, worauf eine Ansprache des Konfirmierenden an den Konfirmanden (nicht an die Gemeinde j folgt. Wo es irgend durchführbar, leitet und beschließt ein! Gesang mit deutschem Texte die Feier. Ob das vom Konfirmanden zu sprechende Glaubensbekentnis vom Lehrer oder vom Konfirmanden abzufassen fei — darüber gehen in Kvllegenkreisen die Meinungen auseinander. Die Einen vertreten die Ansicht, daß das Bekenntnis nur dann Wert und Bedeutung habe, wenn es dem Herzen und dem Geiste des Bekennenden entspringe, also von diesem selbst verfaßt sei; die Anderen behaupten, daß man von einem 13 jährigen Knaben eine geklärte religiöse Anschauung nicht erwarten dürfe, ihm vielmehr, nach voraufgegangener Erklärung, vorschreiben müsse, was er zu bekennen habe. Die Erfahrung spricht für die letztere Anschauung, und so hat Schreiber dieses ein in der Gemeinde Glogau von dem amtierenden Rabbiner eingeführtes Glaubensbekenntnis acceptiert, das sich vor allen andern — gedruckten und geschriebenen —- dadurch auszeichnet, daß es einerseits nicht trocken, andererseits frei von jeglicher Salbaderei ist. Hier ist es: Dankerfüllt gegen Gott, dessen Gnade meine Kindheit behütet hat, gegen meine Eltern und Lehrer, die mich den Weg der Tugend geführt haben, spreche ich in geweihter Stunde das Bekenntnis des Glaubens aus, dessen Lehre und Satzung ich meiner Seele tief einprägen will. Es giebt nur einen Gott; er ist unendlich und ewig, er ist reingeistig uud kein Auge kann ihn schauen. Er ist der Schöpfer des Weltalls und waltet darüber in Weisheit und Liebe. Er schützt die Guten, er straft die Bösen; sein Vaterauge blickt fürsorgend auf alle seine Geschöpfe. Ihn will ich lieben mit ganzer Seele und ganzer Seele und ganzer Kraft, zu ihm will ich beten, auf ihn hoffen und vertrauen. — Gott hat den Menschen in seinem Ebenbilde geschaffen; er hat ihm die unsterbliche Seele verliehen, die Gott erkennt, die sich selbst erkennt in ihrer Gottähnlichkeit, die frei wühlen kann zwischen der Sünde und der Tugend. Sv will ich denn jede Kraft zum Guten, die Gott mir gewährt hat, eifrig pflegen, den Trieb zum Bösen mit aller Macht bekämpfen und freudig den Weg der Pflicht und der Gerechtigkeit wandeln; ich will in jedem Menschen das Ebenbild Gottes ehren und das Gebot erfüllen, welches unseres Glaubens Grund und Kern ist: rnc j rnnS 5QN81 „Du sollst deinen Nächsten lieben, wie dick) selbst!" Gotthatsich dereinst unseren Vorfahren am'Lnnai offen bart und die Thora des Muse ist ein heiliges Erbe, das Israel bewahrt hat bis auf diesen Tag. Gott hat die Israeliten erkoren, daß sie die Kunde von dem Einzig-Eineu, der die Allmacht, die Allgerechtigkeit und die Atllicbe ist, zu allen Völkern der Erde tragen sollen. Wir hoffen, daß dereinst das Reich Gottes über die ganze Erde sich au^- breiten nstrd, daß alle Menschen Gott als ihren Vater und einander als Brüder erkennen und lieben werden. Dieses Gottesreich der Zukunft hilft jeder anfbauen, der die Sünde scheut und Tugend und Wahrheit liebt. So will ich denn als treuer Israelit stets Gott vor Augen haben, die Liebe und Treue, die gute Eltern mir erweisen, in dankbarer Seele bewahren und in froher Zuversicht auf Gottes Beistand den neuen Lebensweg antreten. Ich bange nicht, denn mit mir ist Gott! Amen. Ich resümiere meine in diesen Zeilen gegebenen kleinen Anregungen dahin: Der übliche, auf die Berachvth und die Haphtarah allein sich beschränkende Bar Mizwa-Unterricht ist nicht zu empfehlen; dieser Unterricht muß in einen förmlichen Konfirmations-Unterricht verwandelt werden. — Jeder Bar Mizwa soll im Gotteshause einer kurzen Katechese unterzogen und von dem Lehrer eingesegnet werden, dann erst wird dem Unterrichte der Wert und dem Gottesdienste an dem betreffenden Sabbat die Weihe nicht fehlen! m& Mädchen-Konfirmations-Unterricht. Von Dr. M. Grünwald. (Fortsetzung.) National-religiöse Feste sind: Peßach, Schewuoth und Suckoth, weil sie außer ihrer historischen Bedeutung für die Volkswerdung Israels eine tiefreligiöse Bedeutung haben.