Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 1892
- Issue
- 7 (10.11.1892)
- Date
- 1892-11-10
- Page
- Seite 102 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 102. ^-Irschurun. Nr. 7. tionen andere Formen und Gestaltungen erhielten, wie wir dies in bezug auf das Gebet aus den Psalmen ersehen. Doch einigte man sich bald zu bestimmten allgemeinen Gebeten und entwarf darnach gewisse Gebetsformeln, welche zu stehenden Gebeten des israelitischen Volkes für alle Zeiten wurden. Das unter dem Namen ״Schemone Esre", Achtzehngebet, führt die Tradition auf diese erste Zeit des zweiten jüdischen Staatslebens in Palästina zurück, deren Abfassung, wenn auch nicht ganz nach der gegenwärtigen Gestalt, den Männern der großen Synode zugeschrieben wird. Ebenso geschah es mit den Vorlesungen aus dem Pentateuch und den Propheten für welchen auch bald feste Bestimmungen aufgestellt wurden. Aus diesen entwickelte sich der tägliche synagogale Gottesdienst zu drei und vier Tageszeiten: morgens, mittags, nachmittags und abends: der Morgengottesdienst, Mittagsgottesdienst, Mnssaf (an Neumond und Fest), Nachmittagsgottesdienst, Miucha, und Abendgottesdienst, Maarib. Diese gottesdienstlichen Tageszeiten standen mit dem Opferkilltus des Tempels in Jerusalem, mit der Darbringung des Morgen-, Mnssaf- und Abendopfers, im Zusammenhang. Der abgehaltene Gottesdienst in der Synagoge an denselben begleitete die Opfer. So versammelten sich die Opferbeistandsmänner zu jeder dieser Zeiten mit den diensthabenden Priestern in der zur Synagoge bestimmten Quaderhalle zur Abhaltung des fynagogalen Gottesdienstes, des Gebetes und der Lehre, der Thoravorlesungen. Auch in den andern Synagogen Jerusalems, sowie in denen der andern Städte und Ortschäften Palästinas und der verschiedenen Gegenden fremder Länder, wo Inden wohnten, wurde an diesen Tageszeiten Gottesdienst gehallen. Es bildete gewisfermaffen der Gottesdienst der Opferbeistandsmänner, אנשי משטף die Grundlage des spätern Synagvgenkultns, auf dem er sich aufbaute. Ohne Opfer und Altar, ohne Tempel und Priester sollte Israel seinen Gott anfsnchen, vor ihm sein erlittenes Geschick in Gebet und Klage aussprechen. Konnte es das? Die Volks- und Gesetzeslehrer nach der Zerstörung des Tempels antworteten daranf. R. Jochanan b. Sakai (im 1. Jahrh) rief tröstend seinen Jünger zu: ״Es blieb uns noch eine Versöhnnngsstätte, wenn auch der Tempelaltar niedergebrannt; es sind die Liebeswerke des Eiuen gegen den Andern, geht und beschäftigt euch mit denselben!" ״Heil euch Israeliten, vor wem ihr euch reinigt, und wer eilch reinigt; es ist euer Vater im Himmel!" war die Mahnung des R. Akiba (im Anfänge des 2. Jahrh.). Ein Dritter lehrte: ״Wir haben keinen Altar, keine Bundeslade, keinen Sühndeckel —, unsere Stütze ist nur unser Vater im Himmel!" Von einem Vierten war die Lehre: ״Die Gebete sind gegen die täglichen Opfer angeordnet." Ein Fünfter: ״Groß ist das Gebet, vorzüglicher als das Opfer." Ein Sechster, Raba (im 4. Jahrh.): ״Wer sich mit der Thora beschäftigt, ist, als wenn er darbrächte Ganz-, Sünd- und Schuldopfer." ״Wer sich reinigt und betet, erbaut gleichsam einen Altar." Einige gingen weiter und sannen über den Grund des Opferkultus nach und lehrten, daß das Opfer nur geboten war, um die Israeliten von der Darbringung der Götzenopfer abzuhalten. ״Ein Prinz" heißt es in einem Gleichnisse darüber, ״erlaubte sich in seinem Hochmute den Genuß verbotener Speisen; sein königlicher Vater hörte davon nnd befahl seinem Sohe, nunmehr an seinem Tische zu speisen, damit er von seiner Sünde ablasfe. So verhielt es sich mit den Geboten der Opfer. Israel war dem Götzendienste ergeben; es brachte den Waldteufeln Opfer (3. M. 17. 8.), opferte auf Anhöhen, da befahl Gott, vor mir im Heiligtume sollen sie ihre Opfer darbringen, damit sie vom Götzendienste abgehalten werden." Es waren diese und andere ähnliche Lehren eine richtige Konsequenz der Urideen, die den synagogalen Gottesdienst geschaffen. So lesen wir in Pf. 40. 7.: ״Ganz- und Sündopfer begehrst du nicht;" in Hosea 6. 6.: ״Liebe verlangst du, aber keine Opfern;" in Micha 8. 7.: ״Hat Gott denn Wohlgefallen an Tausenden von Widdern?" in Jeremia 7. 21.: ״Füget eure Ganzopfer zu euren Schlachtopfern und esset selbst das Fleisch!" Man erinnerte sich, daß der synagogale Gottesdienst älter war als Opfer und Altar, Tempel und Priester des zweiten jüdischen Staatslebens. Warum sollte und konnte derselbe ohne ihn nicht bestehen? So war der Fortbestand des Gottesdienstes gerettet. Nur einen Tempel auf Zion hat der Feind zerstört, aber Tausende von Synagogen erhoben sich dafür in allen Städten und Ortschaften. ״Ich schlafe, aber mein Herz ist wach" (Hohelied 5. 2.), d. h., erklärt ein Lehrer, ״ich schlafe von der Darbringung der Opfer, aber mein Herz ist wach für das Schemagebet." ״Früher," so läßt die Agada Gott den Israeliten zurnfen, ״früher habt ihr mir laut Vorschrift zweimal täglich das beständige Opfer dargebracht, aber da der Tempel zerstört ist, wünsche ich anstatt dessen die Verrichtung des Schemagebets am Morgen und Abend." Die Synagoge wurde gewissermaßen als das zweite Heiligtum anstatt des frühem in Jerusalem gehalten. Man lehrte: ״Und ich werde ihnen zum kleinen Heiligtum sein" (Ezechiel 11. 16.), ״das sind," lehrte R. Jizchak (im 2. Jahrh.), ״die Synagogen." Eine Zuflucht bist du uns von Geschlecht zu Geschlecht'( (Pf. 90. 2.), ״das sind," mahnte Raba (im 4. Jahrh.), ״die Synagogen und Lehrhäuser." Nicht uninteressant dürfte es sein, wie diese Auffassung ein Gemeingut des Judentums geworden und noch im Mittelalter in den frömmsten Kreisen ihre Vertretung hatte. (Schluß folgt.) Katheder and Kanzel. ״Bar Mizwa!" Etwas für die Praxis. Von Ben Israel. Die beiden Wörtchen, die an der Spitze dieser Zeilen stehen, sind unserer männlichen Jugend überaus geläufig. Ob der Knabe den Religionsunterricht regelmäßig oder unregelmäßig besucht, ob er während desselben aufmerksam oder träge gewesen —■ was ״Bar Mizwa" ist, das weiß er ganz genau. Er weiß, daß er an seinem Bar Mizwa- Sabbat zur Thora gerufen, daß er von allen Seiten beglückwünscht und von vielen Seiten — beschenkt wird, und darum sieht er diesem Tage mit lebhafter Spannung entgegen und läßt die Mühsal der Vorbereitung für denselben willig und gern über sich ergehen. Diese Stimmung der Schüler müßte mehr, als es gewöhnlich geschieht, von dem Lehrer benutzt, ich möchte fast sagen: ausgenutzt werden. — Der Unterricht, den unsere Bar Mizwa-Knaben erhallen, ist ein sehr verschiedenartiger und in den meisten Fällen ungenügender.