Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 1892
- Issue
- 7 (10.11.1892)
- Date
- 1892-11-10
- Page
- Seite 100 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 100. I e s ch u r u n. ^6- Nr. 7. Alltagswerk befreiten Sabbatstunden bis nach Hawdala u. s. w. nicht bloß die Phantasie, sondern die Wirklichkeit sehr wohl auskvmwen könne: dafür liefern den Beweis die in Eurer Mitte noch setzt lebenden Brüder, welche sprechen: Wie? früher, da wir wie das Wild des Feldes gehetzt wurden und man uns lebendig verschlingen wollte, sind wir nicht gestrauchelt, haben wir von der Thora nicht gelassen, sie war uns ein Baum des Lebens; jetzt, da uns die wohlverdiente Duldsamkeit, aller Widersacher imgeachtet, immer mehr zuteil wird, könnten luir ermüden, ermatten? Nein! Jeschurun, werde nicht übermütig! Die so sprechen stehen Euch in gesellschaftlicher Bildung und öffentlichem Ansehen keineswegs nach, und dessen unbeschadet füllt es ihnen nicht ein, die Religions- oder richtiger der Thora-Sittenpslichten hintenanzusetzen. Euer gesetzmäßiges Judentum bietet Euch den Kompaß für den geraden Weg durchs Leben in allen Verhältnissen. Auch solche „Inden" haben den Kompaß verloren, die stets dem Ritus das Wart reden, aber der Verwirklichnng des Sozialimb Moralgesetzes der Thora im Verkehr mit den Menschen mit der Faust ins Gesicht schlagen. Es giebt in Israel Marktschreier ans der einen wie ans der anderen Seite. Sie schreien in einem fort. Hie Form — hie Geist! Die Zeloten imö Sikaricr haben ihre Leiborgane, in denen sie ihr Steckenpferd, die unjüdische gegenseitige persönliche Verhetzung nach Herzenslust reiten. Euch aber muß man fragen: Wie lange hinkt Ihr nach zwei Seiten? L eid ganze Inden, wenn Ihr dieses Namens würdig sein wollt! „Höre Israel!" Wenn Ihr Euch nun von dem „fremden" Gott wieder lossagen, von dem beschämendetl Joch befreien, das verlorene Paradies wieder gewinnen möchtet — Ihr könnt es, die Radikalkur ist durchführbar, so Ihr nur engerisch, mit ernstem Willen ans Werk geht. Der Simsvn vermag, solange nicht zu spät, mit einigem Kraftaufwand die Fesseln zu sprengen. Die verdorrten Gebeine Israels können wiederum ml Blut und Fleisch und Haut umgeben, zu einem einheitlichen Organismus verbunden rverden und mit neuemnein mit „altem", aber nie veraltendem Geist frisch beseelt werden. Nach dem „Wie" befragt nur nicht eines Laien ungelenkigen Mund, der zu schwach an Worten, als daß wie Regen seine Lehre fließe, wie Thau seine Rede träufle. Auch fraget nicht, ich beschwöre Euch, Ihr Söhne Jerusalems, fraget nicht jene Schönredner, die Euch in der alten und neuen Welt ein Judentum vormalen, welches weder Eure Väter noch Eurer Väter Väter gekannt haben; alleweil ein andres, „modernstes," zeitgemäßeres Judentum, bis daran nichts mehr zu modernisieren giebt, weil alles Jüdische verflogen. Ihre Erleichterungs-Systeme, wahre Kartenhäuser, stehen und fallen mit ihren Baumeistern. Denn jene Schönredner sind mit Kriterien und Schlußfolgerungen über das Heiligste stets dienstbereit. Das alles sind „falsche Propheten." In verschiedener Weise haben sie ihr Glück versucht, den Geist des Judentums ohne Beibehaltung aller seiner Formen im Volk zu konservieren. War das nicht Kraftverschweudung und sträflicher Mißbrauch des Worts? Hat sich nicht ihr Gebühren als verlorene Liebesmüh' herausgestellt? Wind haben sie Euch gesäet und Stoppeln geerntet. Also auch solche Prediger habt Ihr nicht um Auskunft anzugehen. Was Euch not thnt und wie Jhr's mit dem Bessermachen beginnen sollt, ist nicht im Himmel und nicht jenseits des Meeres zu suchen. Und nicht Engeln ist die Thora erteilt." Sondern ganz nah ist Euch der Rat des Heils: in Eurem Mund und Herzen steht's geschrieben seit den Tagen am Sinai vor über dreitansenddreihundert Jahren, seitdem Ihr Euch einstimmig verpflichtet habt zu thnn und zu hören (11.24,7). Euch ist durch die Lippen des letzten historischen Propheten ungesagt (Mal. 3,22): Der Lehre Moses allezeit gedenkt! Pflicht und Recht auf Horeb Euch ward geschenkt. (Ein Schlnßkapitel folgt.) Ein Mahnruf aus Lehrerkreisen. Von Leopold Kalz. (Schluß.) 2. Die definitive Anstellung der Lehrer. Liebe Leser! Ich hätte beileibe nicht gedacht, daß Ihr ein solches Interesse an meiner Gedankenwelt gewinnen würdet. Die vielen anerkennenden Schreiben beglücken mich geradezu. Aber sie allein geben mir auch den Mut Euch zu einer zweiten Fahrt in den Schacht aufzufordern: Die definitive Anstellung der Lehrer. Ja, unten, tief unten im Schacht ruht dieser Schatz; er harrt lange seiner Förderung an's Tageslicht. Mancher Vorstoß, ihn zu heben, ist bereits gemacht — aber Erfolg war nur teilweise zu verzeichnen. Es bedarf wiederum der vereinten Kraft — soll er in seiner ganzen Gestalt vor unseren Augen liegen. Erfreuliche Schritte wurden unternommen von den Provinzen: Hessen, Hannover, Posen und teilweise Schlesien. Von einzelnen Städten nenne ich Dessau. Sie alle stellen ihre Lehrer definitiv mit Pensionsberechtigung an Das ist eigentlich nur ihre Pflicht. Denn wer Rechte haben will, muß Pflichten übernehmen. Doch dieser Pflicht scheinen viele Gemeinden sich nicht bewußt zu sein. Mich bedünkt, als hielten viele den Lehrer — gleichviel vb Elementar- oder Religionslehrer — für ein notwendiges Übel, das man nun einnial nicht beseitigen kann. Manche sogar stellen dessen Thätigkeit unter diejenige ihres Vorbeters. Dabei sollten sie doch berücksichtigen, daß letzterer vom Überfluß wäre, wenn der erste feine Schuldigkeit nicht thäte. Was würde z. B. aus den Heranwachsenden Jünglingen und Jungfrauen, wenn ihnen nicht die hebräische, die heilige Sprache, das einigende Band unserer Glaubensbrüder, erschlossen würde? Würden sie dann imstande sein, den in hebräischer Sprache vorgetragenen Gebeten beim öffentlichen Gottesdienste folgen zu können? Nein, solchen Zuständen muß mit eherner Faust, mit von Wahrheit und Gerechtigkeit bewaffneter Zunge und Hand für ein und alle Male ein Ende gemacht werden, sollen dem Judentum dereinst nicht Widersacher aus dem eigenen Lager entstehn. Ist es nicht empörend, wenn eine Gemeinde sich des alten Lehrers entledigt, der seine ganze Kraft Generationen hindurch gewidmet, der sie geistig genährt — der nun nicht einmal die leibliche Nahrung für sich und die Seine mehr besitzt? von der Sorge um den Tag? O, wenn ich tausend Zeugen hätte, ich vermöchte nicht den Gram zu schildern, der solch' einem Greise das Herz ersterben macht. Drum geht mein zweiter Ruf an Euch: Thut Eure Pflicht für Euer Recht. Seht aus den Staat, der jeden Dorfschullehrer sicher stellt, der Opfer, und wären sie riesengroß, nicht scheut — und thuet, ein Gleiches. Stellet Eure Lehrer nach einem,