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Jeschurun · 1892-11-10 · 7 (10.11.1892) · p. Seite 99

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
1892
Issue
7 (10.11.1892)
Date
1892-11-10
Page
Seite 99 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 7 Seite 99. -■x j> * r * Lebhaftigkeit, Beweglichkeit und Sprechart. Der Psalmist sagt von den heidnischen Götzen, daß sie Augen haben und nicht sehen, Ohren und nicht hören. Das gilt auch von den Anbetern Stöckers und Rohlings. Sie haben Augen und sind blind, wenn sie Schönes, Gefälliges und Anziehendes unter den Juden sehen, haben Ohren und sind taub, wenn sie das verdiente Lob jüdischer Tugenden hören sollen. Lassen wir nun die Antisemiten mit den eigentümlichen Ohren und Augen und dem Abzeichen des Abscheus auf der Stirn und nahen wir uns unseren Glaubensgenossen. EZ werden Klagen laut über den religiösen Jndifferentismns, der unter den Juden herrscht und Mittel vorgeschlagen, demselben abzuhelfen. Dergleichen giebt es gar viele, wir aber wollen hier bloß ein einziges hervorheben. Es heißt: Sehen! In unserer Zeit wird zumeist das Ohr oder das Hören der Heranwachsenden Jugend auf religiösem Gebiete in Anspruch genommen. Der Religionslehrer unterrichtet, redet, benutzt das Ohr der Schüler als Medium für die religiöse Unterweisung. Das genügt aber nicht. Tiefer, mächtiger und nachhaltiger sind die Eindrücke, welche das Sehen oder das Auge auf uns macht. Dies zeigt sich auch auf dem Gebiete der Kunst. Malerei und Skulptur bringen Wirkungen auf uns hervor, die länger andauern und in unserer Seele sich erhalten, als musikalische Schöpfung. Soll daher der religiöse Jndifferentismus in unserer Mitte abnehmen, so muß man das Sehen oder das Auge zu Hilfe rufen, d. h. mit anderen Worten, das lebendige, anschauliche Beispiel, das natürlich nur im Hause der Eltern gegeben werden kann. Was das Auge jahrelang von Vater und Mutter sieht, das prägt sich dem Herzen tief ein und ist noch in späteren Jahren selbst als bloße Erinnerung ein Präservativ gegen den kalten, nüchternen, herzlosen Jndifferentismus. Allerdings müssen die sichtbaren religiösen Formen, welche gleichsam das künstlerische Element in der Religion sind, gefällig, ansprechend, gemütlich, lieblich sein, die Phantasie anregen und das Gefühl erwärmen. Religiöse Ceremonien, welche der klügelnde und berechnende Verstand mißt und abwägt, gleichen dürren Pflanzen, welche das Herbarium einer Religion bilden. Allein sehen muß eine junge Generation und nicht bloß hören, wenn sie für das Judentum begeistert und demselben treu anhangen soll. Der Schule überlassen wir das Ohr der Jugend, das elterliche Haus beschäftige das Auge derselben. Im hebräischen bedeutet Auge soviel wie Quelle, und es bleibt eine überfließende Quelle der Erfrischung und Belebung, wenn es von frühester Jugend an religiöse Bilder vor sich hatte. (Ein Schlußarükel folgt.) Höre Israel! Von Jbri Anochi. (Schluß dieses Kapitals.) Man finde, soweit Eure Niederlassungen um den Globus gehen, einen Ort, wo nicht Eure Ansichten über die heutzutage wie jemals zu befolgenden Gebote und Verbote auseinanderklaffen. Und da kommen kluge Köpfe auf den „rettenden" Einfall, den „Schulchan Aruch“ dem jeweiligen Geschmacke entsprechend umzugestalten und auszuputzen; wer wird sich ihren „Entscheidungen" fügen? sie selbst etwa? — Fürwahr, die Meinungen über die Wichtigu r u n. keit der Ritualgesetze sind so sehr geteilt, daß eine Wiederverständigung beinah unmöglich erscheint. Das alles hat mit ihrer Sinnlosigkeit die Flucht vom Thorastudium gethan. Und dennoch spricht mau von Israels Einigkeit in seinen Gesetzen und Sittenideeu! Erinnert das nicht viel eher an die zügellose „Freiheit" (bif’roa p’raothi in Israel, bis Mutter Debora erstand? Ja, so weit ischs mit der Brüderlichkeit gekommen, daß wo sich eine Vereiniau ] Gelehrter oder Laien für „innere" Angelegenheiten bildet, wo eine jüdische Versammlung tagt, vielversprechende und wenighaltende „Synoden" und „Konferenzen" znsammentreten: da gilt es als selbstredend, daß von vornherein die Besprechung alles spezifisch „Religiösen" — ausgeschlossen werde! Die Statuten oder Programme bürgen für Umgehung der Klippen! Denn sonst ginge ja alle Vereiusgemütlichkeit jäh in die Brüche. Die Katze meidet den heißen Brei, das Kind soll nicht mit dem Feuer spielen und niemand mit dem Schießgewehr .... Wer lacht da? Es ist gar zu schaurig und traurig, traurig. Gleicht solche Verträglichkeit nicht auf einHaar derjenigen weiland der Pharisäer und Sadducäer? Ist das Bild zu schwarz gemalt? Ihr sollt doch ein Volk von Brüdern sein, nicht nur dem Blute nach, sondern vor allem im Thoragesetz und im Thorageist! Wie anders könnt Ihr einer für des andern Handlungen bürgen? Es sei denn, daß Euch das Verstecktthun jenes Vogels vor den Jägern behagt: sonst werdet Ihr Euch der betrübenden Zustände in Israel bewußt werden. Nach alledem bleibt es dabei: „Was Gott gebunden hat, kann der Mensch nicht lösen." Unternimmt dieser es, so bleibt es nicht ungestraft, wie wir heute lebenden Juden es an uns sehen. Wollt Ihr einen packendern, unwiderlegbarern Beweis für die unantastbare Heiligkeit Eurer überlieferten Sittengesetze? . . . Doch alles hat eine Zeit. Daß Ihr in Eurer neuzeitlichen Mauser auf Abwege gerietet, war für die Realisten unter Euch, welche nur an das Zunächstliegende, Handgreifliche und an Genußleben dachten, bei den welterschütternden und verwirrenden Umwälzungen Eurer wie aller sozialen Verhältnisse historisch unumgänglich. So mußte es dahin kommen, daß heutigen Tages viele von uns sich als „Juden" ausgeben, welche Israels Bibel so sehr entfremdet sind, daß wo sie in ihren Häusern überhaupt noch anzutreffen ist, in einem Prachtband als Luxusgegenstand den Salontisch ziert, kaum berührt, geschweige studiert wird! . . . Soweit habt Ihr Euch vom Zug der Zeit verführen lassen. Daß Ihr nun, da der Geschichtshorizont sich wieder zu klären anfängt, die Verirrungen erkennet und wieder in den rechten Pfad einzulenken suchet, ist eine historische Forderung, der Ihr zu folgen habt — wenn Ihr noch ferner „Juden" bleiben wollt! Folgt Ihr nicht willig, so braucht sie Gewalt — die „Anti-Semiten"! Ihr habt Euch erst in der neuen äußeren Lage zurecht finden wollen, als sich Euch die morschen Pforten des Ghetto öffneten; nun ist es hohe Zeit, daß Ihr Eurem inneren Wesen gerecht werdet. Nach einer Revolution pflegt man einzusehen, daß man zu weit gegangen. Was Euch von Bessersehenden gesagt wurde, als Ihr noch im rechten Rummel-Tummel der Entformung stacket: Ihr werdet zur Form des Judentums zurückkehren müssen, wenn Ihr Euch mit Berechtigung dem Reste Israels zuzählen wollt. Daß mit jener, mit dem alten Freitagabend, mit dem Empfang der Sabbatbraut im Bethaus, dem Kindersegnen und Kiddusch am festlich geschmückten, linnenbedeckten Sabbattisch im Lichterglanz, mit den gemütsbelebenden, von

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