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Jeschurun · 1892-11-10 · 7 (10.11.1892) · p. Seite 98

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Journal
Jeschurun
Volume
1892
Issue
7 (10.11.1892)
Date
1892-11-10
Page
Seite 98 (sequence 2)
Language
German
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Seite 98. -s^Ieschurun. ^6- Nr. 7 ist und die ganze Art auf eine Mystifikation schließen läßt, die entweder irgend ein Antisemitlein mit der Deutschen Warte oder diese mit ihren Lesern sich erlaubt hat. — Es sind moralisch defekte Kämpfer, die vorgeben auf der deutschen Warte — ohne Anführungszeichen — zu stehen, um treue und ergebene Söhne des Vaterlandes zu bekriegen; neben der sittlichen fehlt ihnen — Gottlob! — auch die physische Kraft, um uns ein Leids zu thun, gleichwohl müssen auch wir auf dem Posten sein. * * * Unsere Glaubensgenossen in Galizien befinden sich in einer Lage, in der unsere Gegner auch uns sehen möchten. Ein warmtöuiger Aufsatz in dem Lemberger Organe des Vereins ,,Schvmer Israel" gewährt einen Einblick in die einschlägigen Verhältnisse.! Zwar gab es Zeiten, in denen der Druck auf unfern! Brüdern in jenem Lande weit wuchtiger lastete, als gegen-! wärtig, aber das waren andere Zeiten, das waren Zeiten? des Absolutismus, der staatlichen Willkühr, die mit den! Juden auch die Angehörigen anderer Konfessionen in gleichem j Maße trafen. Heute aber, wo Galizien im Vereine mit \ den andern zu Österreich gehörigen Kronländern einen j Rechtsstaat bildet, kann ein Zustand, wie der gegenwärtige ' nicht länger hingenommen werden.! Galizien zählt 800,000 jüdische Bürger, die in gleichem! Maße mit allen Bürgern dieses Landes die Lasten tragen, > sie entziehen sich nicht im geringsten irgend welchen Pflichten, i aber wo es sich darum handelt, daß auch sie an der gej meinsamen Tafel teilneynnn — da wird ihnen ein Halt j zugernfen! „Ihr gehört nicht dazu! Ihr seid Fremdlinge!! Nicht für euch ist die Tafel gedeckt!" Man durchblättere j die Listen der autonomen Beamten von dein kleinsten! Marktflecken bis zur autonomen Behörde im Lande, die j eigentlich berufen ist, die Rechte aller Bürger in gleichem j Maße zu schützen und für dieselben einzustehen, und sage,! wieviele dort der Unsrigen vorhanden sind? .... Man! wird jedoch fragen: Besitzen die Juden irgend welche Mittel, j um dagegen anfzutreten? Ja! Die Mittel dazu sind:! Solidarität, Selbstachtung und zielbewußtes Vorgehen in , allen öffentlichen Angelegenheiten, ohne sich einschüchtern > zu lassen, und mannhaftes Eintreten für die verletzten Rechte! durch Wort und Schrift. Endlich wäre es an der Zeit,! daß die Juden in Galizien bei den Wahlen in die ver-! schiedenen Vertretungskörper nicht blindligs zu Werke gehen, sondern treu dem jetzt herrschenden Systeme: do nt des (ich gebe, damit du gebest) nur denjenigen Männern ihre Stimme geben, die auch für ihre Rechte ein Herz haben werden. Das alte Sprichwort „Fortes fortuna adjuvat“ (die Tapfern fördert das Glück) hat sich stets bewährt. Mögen auch die Juden in Galizien versuchen stark zu sein. Sie haben sich schon genug vergebens geduckt und gebeugt! * Günstiger schienen die Verhältnisse unserer Glaubensgenossen in Ungarn sich gestalten zu wollen, denn dort sollte sogar die mosaische Religion den gesetzlich anerkannten Konfessionen eingereiht werden, nachdem die ungarischen Juden bis dahin gleichsam Bürger zweiten Ranges waren. Sie trugen diesen Zustand klaglos. Erst gelegentlich der diesjährigen Wahlen regte sich in den Kreisen jüdischer Notabeln der Geist des Widerspruchs. Und da mail die Juden bei den Wahlen brauchte, so gab der Kultusminister GrafCsaky im Abgeordnetenhause das formelle Versprechen, daß er die Frage der Reception spätestens anfangs Oktober dem Reichstage unterbreiten und dieselbe mit Hilfe der allezeit getreuen Majorität auch dnrchbringen werde. Seitdem sind nun drei Vierteljahre ins Land gezogen, allein die Versprechungen sind auch nach dieser Richtung hin bloße Versprechungen geblieben. Der Oktober ist vorüber, aber für die im Laufe desselben fällige Receptionsfrage war kein Platz und keine Zeit vorhanden. Das gegenwärtige ungarische Kabinet ist, wie ein gut unterrichteter Mitarbeiter der „Neuzeit" richtig bemerkt, infolge seiner Energielosigkeit überhaupt nicht geeignet, eine wirklich liberale Maßregel, wie es die Reception ist, durchzuführen. Diejenigen, welche entweder ein unmittelbares Interesse an der Reception haben, oder welchen daran liegt, daß ein langjähriges schweres Unrecht wieder gutgemacht werde, werden sich also schon bis zu dem Tage gedulden müssen, wo eine wirklich liberale Regierung das gegenwärtige Kabinet ablöst und endlich daran gehen wird, all die Reformen und freisinnigen Institutionen durchzuführen, welche die gegenwärtige Regierung in so reichem Maße nach allen Windrichtungen hin versprochen hat, ohne auch nur daran zu denken, dieselben jemals zu erfüllen. jettende Artikel. Hören, sehen und schweigen. Von Dr. Ad. Jellmek. Sehen. Es kommt wohl nicht selten vor, daß man vom Hörensagen etwas berichtet und verbreitet, aber nicht vom Sehensagen. Auch die deutsche Sprache hat das Wort „Sehensagen" nicht ausgeprägt, während sie ein „Hörensagen" kennt. Durch das letztere wird viel gesündigt. Man sagt Nachteiliges von anderen, wenn man es auch bloß vom Hörensagen erfahren hat. Was ist wichtiger, hören oder sehen, Ohr oder Auge? Sehen! Das Ohr, wenn es auch verstopft oder geschlossen ist, hindert nicht, der Außenwelt Eingang in unser Bewußtsein zu verschaffen, während das geschlossene oder lädierte Auge alle Erscheinungen außer uns verhüllt. Allein, auch ein gesundes, kräftiges Auge sieht nicht immer richtig, objektiv, unparteiisch. Wie sehen z. B. die Antisemiten den Juden? Mit gehässigem, neidischem, scheelsüchtigem Auge und daher entstellt, oft eine Karrikatur des echten Juden. Alle jüdischen Nasen erscheinen ihnen krumm, ein jüdisches Charakteristikum, was aber nicht wahr ist. Denn nicht alle jüdischen Semiten haben das Merkmal der gebogenen Nase und neuere Forschungen auf dem Gebiete der Altertumskunde haben gezeigt, daß auch andere Volksstämme keine griechische, sondern eine gebogene Nase hatten. Die Augen der Antisemiten gleichen denen des Armillus, eines ist klein, ein anderes groß. Sehr klein ist das antisemitische Auge, wenn es schöne Seiten in der jüdischen Erscheumngswelt betrachten soll, ja es blinzelt kaum in einem solchen Falle; groß aber, weck geöffnet ist es, wenn es gilt, häßliche abstoßende Gestalten unter den Juden zu betrachten und zu beurteilen. Der Jude, der nach seiner ganzen äußeren Haltung, seinen Manieren und Geberden, seiner Rede- und Ausdrucksweise in nichts von den übrigen Mitbürgern sich unterscheidet, ist den Nachkommen des Armillus widerwärtig, ihr Ideal ist der polnische Jude in seiner Tracht, mit seiner

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