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Jeschurun · 1892-10-20 · 4 (20.10.1892) · p. Seite 62

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
1892
Issue
4 (20.10.1892)
Date
1892-10-20
Page
Seite 62 (sequence 14)
Language
German
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Seite 62. nehmen wollte, daß sie aus purem Ehrgeiz oder aus „Ämterjägerei" sich diesem Vorschläge des Herrn Wolf gegenüber und auch jetzt diesem ineinen Versuche einer Einigung gegenüber ablehnend verhalten wollten. Wenn die Bezirks-, Provinzial-, und Landesverbände, ähnlich der Organisation des allgemeinen „Deutschen Lehrervereines" nach wie vor bestehen blieben und nur alljährlich einmal nach Aufgabe der Satzungen des „Deutsch-israelitischen Lehrerbnndes" sich zu Wanderversammlnngen vereinigen würden, wie Großes und Herrliches könnte da für die jüdiche Volksschule, für ihre Lehrer und für das Judentum überhaupt geleistet werden! Wir haben eine Zeit der Gedächtnisfeierlichkeiten zu Ehren Diesterweg's überall durch lebt; in deutschen Landen begannen die Landes-, Provinzial- und amtlichen Lehrer-Versammlungen ihre Tagesordnung mit einer pietätvollen Würdigung des toleranten und humanen Mannes, des Altmeisters der Pödagogik, dessen Leben ein einziger Kampf war für seinen Grundsatz „Lebe im Ganzen." Und meine israelitischen Berufsgenossen kennen die Quelle, aus welcher vor Jahrtausenden der Born entsprungen ist, an der sich Diesterweg, wenn auch erst aus zweiter Hand, gelabt hat, es sind dies die goldenen Wort: „Trenne Dich nicht von der Gesamtheit!" „Alle Israeliten sind Brüder!" „Ganz Israel bürgt einer für den andern!" Ist es möglich, daß solch' großen und herrlichen Aufgaben gegenüber, wie sie dem Deutsch-israelitischen Lehrerbund bevorstehen, kleinliche persönliche Interessen Kirchturmpolitik u. dgl. in. sich geltend machen können? Wollen wir in einer Zeit, welche uns Angriffe, Zurücksetzung und Feindschaft von allen Seiten bringt, unseren Feinden das klägliche Bild einer Zersplitterung, einer Unzahl von Vereinen und Vereinchen bieten? Nur geschlossen können wir dem Feinde eine Breitseite bieten, Tirailleur-Gesechte haben noch niemals zum Siege geführt. Ruft nicht auch der pflichtrene Schisfsführer im Sturme: „Alle Mann auf Deck!" Und ein Sturm ist gegen uns im Anzuge, ja er tobt schon lange Zeit gegen uns! Sind wir Fatalisten, daß wir glauben sollen es ist Gottes Fügung, wir können und dürfen nichts dagegen thnn? Wollen wir ruhig zusehen, und die Hände in den Schoß legen, wenn eine jüdische Volksschule nach der anderen entvölkert und aufgehoben wird, wenn wir sehen, daß schon die Kinder unserer geringsten Brüder ohne Religionsunterricht aufwachsen, weil sie sogenannte Simnltanschulen besuchen, an denen — mit einzelnen lokalen Ausnahmen — wohl die Schüler aller Konfessionen vertreten sind, nicht aber die Lehrer! Wollen wir uns einzig und allein damit trösten, daß Gott sein Volk dennoch nicht verlassen wird? Ja das Judenlnm wird nicht untergehen, wohl aber die jüdische Volksschule! Lehren nicht schon unsere alten Weisen: Nicht das Forschen ist die Hauptsache, sondern die That?! — Darum, meine lieben Berufsgenossen in Stadt und Land, im Süden und Norden, im Westen und Osten! Scharet Euch um das gemeinsame Banner eines „Deutsch-israelitischen Lehrerbundes!" Forschet nicht, wie j gründen wir einen neuen Provinzialverein, wie werben wir i Mitglieder für unsere kleinen Vereine, sondern übt die | mannhafte, That schließet Euch zusammen zum allgemeinen- Deutsch-israelitischen Lehrerbunde! Praktisch könnte die Ver-! einigung, meiner Ansicht nach, in folgender Form durchgej führt werden: Es werden durch die bestehenden Lehrerj verbünde im deutschen Reiche, auf den Provinzialversamm-! lungen oder durch schriftliche Abstimmung, Delegierte ge- - Nr. 4. wählt, welche zu einem Delegiertentage in Berlin, vielleicht in den Chanukkabezw. Weihnachtsferien, zusammen treten. Diese Delegierten beraten zunächst über die Vereinigung selbst, beschäftigen sich mit der Festsetzung der Satzungen, wählen ein Vereinsorgan und beschließen die Gründung einer zentralen Darlehens- und Unterstützungskasse für amtierende Lehrer, sowie einer Emeriten- und Witwen- und Waisen-Unterstütznngskasse. Ich hoffe, daß der Deutsch-israelitische Gemeindebund, der stets ein warmes Herz für die Lehrer hat, auch dieser Vereinigung seine Unterstützung leihen wird. Denn „Wer die Schule hat, der hat die Zukunft," das wissen ja auch wohl jene edlen Männer, welche an der Spitze des segensreich wirkenden Gemeindebundes stehen. — — Wir kommen nun zit dem fünften und letzten Punkte unserer Besprechung: 6. Welche Stellung soll der „Dentsch-israelitische Lehrerbund" zit dem allgemeinen „Deutschen Lehrerverein" einnehmen? Der „Deutsch-israelitische Lehrerbnnd" drückt schon in seinem Namen ein ganzes Programm ans. Er soll und will vor allem deutsch sein, d. h. er will die Liebe zum allgemeinen deutschen Vaterlande pflegen, will Achtung vor den Männern hegen, welche unser deutsches Vaterland so groß gemacht haben, Gehorsam den Gesetzen und der Obrigkeit leisten, wie es schon unsere israelitische Religion gebietet. Da aber auch der Deutsche Lehrerverein" diese Grundsätze hat, so verbietet der „Deutsch-israelitische Lehrerbund" keinem seiner Mitglieder, auch diesein interkonfessionellen „Deutsch en Lehrer ver ein" anzugehören. Auch der „Dentsch-israelitische Lehrerbnnd" hat die Hebung der Volksschule, die Fortbildung des Lehrers, die Hebung des ganzen Standes auf seine Fahne geschrieben. Darum will er stets Seite an Seite mit seinem älteren Bruder kämpfen, er will „getrennt marschieren, aber vereint schlagen" So lange aber die jüdische Volksschule und die jüdischen Volksschullehrer vor den Gesetzen nicht den christlichen Schulen und ihren Lehrern völlig gleichgestellt sind, so lange ist auch des Bestehen eines „Deutsch-israelitischen Lehrerbundes" notwendig. Es muß dieses ganz besonders bemerkt werden, weil von katholischer Seite und orthodoxevangelischer Seite versucht wird, einen Keil in den „Deutschen Lehrerverein" hineinzutreiben, wir aber wollen nicht mit lenen Störenfrieden und Friedensstörern zusammen genannt werden. — Indem ich nun glaube, Ziel und Zweck des „Deutsch-israelitischen Lehrerbundes" ausführlich genug dargelegt zu haben, bitte ich die geehrten Berufsgenossen, insbesondere die Herren Vorstandsmitglieder der Einzelverbände, durch weitere Besprechungen in diesem Blatte diese wichtige Angelegenheit zu beleuchten und zu klären, oder aber mir selbst freundlichst weitere briefliche Mitteilungen machen zu wollen. — I e s ch u r u n.

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