Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 1892
- Issue
- 4 (20.10.1892)
- Date
- 1892-10-20
- Page
- Seite 58 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seile 58. -^Jeschurun. Nr. 4 Zusammentreffen/, kem ZufEiges. Länger als siebenbundssi-t ^nhre/ hatten über etuen Terl der spanischen Halbinsel die Muhammeds geherrscht, mm waren sie au» dem y^ten Bollwerk ihrer Herrschaft verdrängt worden. So lcv^^E der Kampf gegen die Mauren tobte, fanden die Vlärn^ des Kolumbus bei dem Fürstenpaar, das damals in ^.Milien und Aragonien regierte, kein Gehör; erst nachdem »-die Feinde niedergeworfen waren, wurde der kühne Seefahrer hinausgesandt. Und die Vertreibung der Inden war wiederum das Dankesopfer, das dies strengkirchliche Fürstenpaar für den Sieg darbrachte. So wuchs aus derselben Wnrzel der Ruhm des Entdeckers und das Elend der Juden. . . . Diejenigen, die mit Kolumbus ausgegangen sind, waren sicherlich wohl meist von einem den Juden feindlichen Geiste beseelt. Aber niemand hat unserer Gemeinschaft eine größere Wohlthat erwiesen, als diese Sendlinge einer Nation, die uns vernichten wollte. Denn auf dem Boden des neuen Erdteils, auf dem verjährte Überlieferungen und alte Vorurteile keine Macht hatten, entfaltete sich zuerst der freie Geist, der die Juden als völlig gleichberechtigt gelten ließ. Wir sehen ehrfürchtend das Walten Gottes, der die Völker auf wunderbaren Wegen zum Heile führt. Wer vor vierhundert Jahren als Jude erfuhr, daß Spanien sich einen neuen Erdteil erobert hat, der mußte zitternd daran denken, daß das Reich rücksichtsloser Unduldsanckeit, brutaler Verfolgungssucht sich erweitere und an Machtfülle gewinne. In Wirklichkeit begann von diesem Jahre der Verfall Spaniens, des Horts und des Vorkämpfers der Intoleranz, und die Entdeckung des neuen Erdteils war das wirksamste Mittel um eine neue Zeit heraufzuführen. Wir Juden vor allen müssen aus mannigfachen Gründen den Tag segnen an welchem die Todfeinde unserer Gemeinschaft das neue Land entdeckten und in Besitz nahmen. Diese beutegierigen Abenteurer, die über das Land herfielen, waren das Werkzeug in der Hand eines Höheren, der es mit der Menschheit wohlmeint und hier den Opfern der Unduldsamkeit eine Zufluchtsstätte bereitete." Kleine Chronik. Bürgerliche Verhältnisse. * w. Die israelitische Bevölkerung Elsaß-Lothringens zählt nach der Volkszählung vom 1. Dezember 1890 34645 Seelen bei einer Totalbevölkernng von 1,603,505, gleich 21,6 Israeliten auf 1000 Einwohner. * Einem polnischen Blatte berichtet man aus Petersburg,! daß der neue Finanzminister Witte den jüdischen Ökonomisten j Rafalowitsck ins Finanzministerium berufen habe. — j Eine getaufte Jüdin die Gattin eines Ministers und ein! ungewüsserter Jude im Finanzministerium — wird da j das „heilige" Rußland nicht aus den Fugen gehen? j * Man hat sich allmählich daran gewöhnt, über und aus! Rußland die widersprechendsten Nachrichten zu erhalten.! Neben der vorhergehenden Mitteilung geht eine andere durch! die politische Tagespresse, nämlich die, daß alle jüdischen! Besitzer von Gütern, die jemals Eigentum christlicher Land-! wirte waren, ausgewiesen werden. Ferner sollen die Leiter I des Polytechnikums in Riga angewiesen wordeit sein, keinem > Juden den Titel eines Ingenieurs zu verleihen. ■ * Oberrabb. Dr. Adler in London erhielt von Mr. Cohen dem Leiter der Schule in Bagdad, ein Telegramm, welches ihn benachrichtigte, daß in der Gemeinde Hamadan, Persielt Plünderung und Morden der Inden bevorstehe, von außerordentlicher Gefahr sprach und unverzügliche Hilfe unserer Glaubensgenossen in London und Paris erbat. Dr. Adler veranlaßte sofort das Nötige und dank der Intervention der Herrn Leopold Schloß und Lewis Emanuel ging noch am selben Tage ein Telegramm vom Lord Roseberry an den britischen Minister Laseelles in Teheran ab, mit dem Schah zu unterhandeln und alles dran zu setzen, die Judenhetze in Hamadan zu verhindern, welcher Ort viel näher bei Teheran als bei Bagdad liegt. * In Jerusalem wurde von einer arabisch und französisch geschriebenen judenfeindlichen Broschüre aus Ägypten ein e große Anzahl von Exemplaren importiert, welche jedoch auf Anregung der leitenden jüdischen Kreise konfisziert wurde. Gemeinde, Synagoge und Schule. * Der Verbandslag der ostpreußischeu Gemeinden findet demnächst statt. Es werden wichtige Fragen auf der Tagesordnung stehen und es ist daher sehr wünschenswert, daß der Verbandstag von allen Verbandsgemeinden beschickt werde. * Das Israelitische Waisenhaus zu Dinslaken versendet soeben seinen siebenten Rechenschafts-Bericht, welcher eine recht erfreuliche Weiterentwickelung der Anstalt konstatiert. Trotz der Opfer, welche leider die Gesamtjudenheit berührenden traurigen Ereignisse des letzten Jahres an jeden Einzelnen gestellt haben, haben die Beiträge für das Waisenhaus keine Einbuße erlitten. Die Zahl der Pfleglinge betrug am 31. März d. I. vierundzwanzig. Die Einnahme und Ausgaben bilanzieren mit ca. 24000 Mk. Für die Sorgfalt, mit welcher die Ausgaben auf das allernotwendigste beschränkt werden, spricht die Thatsache, daß trotz der höheren Lebensmittelpreise die diesjährigen Ausgaben die des Vorjahres nur wenig übersteigen. * Der Oberrat der Israeliten Badens bringt in der neuesten Nr. seines „Verordnungsblattes" das neuerlassene Gesetz über den Elementarunterricht, soweit es den jüd. Religionsunterricht und die Mitwirkung der israelitischen Kultusbehörde bei der Aufsicht über die Volksschule betrifft. Nach den neuen Bestimmungen kann jede Kultusgemeinde, die, in Ermangelung eines angestellten Lehrers ihres Bekenntnisses, den Religionsunterricht auf eigene Kosten eingerichtet hat, in Zukunft einen von der Oberschulbehörde festzusetzenden Beitrag von der Staatskasse erheben, vorausgesetzt, daß die Zahl der Kinder während der vergangenen drei Jahre (das laufende abgerechnet) mindestens 15 betrug und diese Zahl auch für das folgende Jahr gesichert erscheint. * Aus der von den Israeliten des Grvßherhogtums Baden gegründeten „Friedrichs-Stiftung zur Unterstützung badischer Volks- und Religionsschullehrer" werden für das Jahr 1892 wieder die statutenmäßigen Gaben von mindestens je 35 bis höchstens 70 Mk. im Gesamtbeträge von etwa 1200 Mk. an würdige und dürftige Bewerber verteilt werden. * Die Ursache für die skandalösen Vorgänge in Oswiencim, über die wir in voriger Nr. berichtet, liegt darin, daß die dortige Gemeinde sich in zwei Lager spaltet: in die der „Deutschen" und die der „Chassidim." Während