Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 1892
- Issue
- 4 (20.10.1892)
- Date
- 1892-10-20
- Page
- Seite 57 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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-s^Ieschurun. v Seite 57. Nr. 4. \ Sollte denn wirklich die Innerlichkeit, die seelische Ergriffenheit, dieses alleinige Wahrzeichen des echten jüdischen Kanzelredners von jener Äußerlichkeit, von einer solchen Gabe des Zufalls abhängig sein und in ihre Fessel geschlagen werden müssen? — Ja, und abermals ja! Der Gottesmann und Prophet sonder gleichen, derselbe Mose, welcher als Verkündiger der heiligsten Botschaften unübertroffen ist, mußte im Anfänge, als er eben noch nicht ganz und gar von seiner Sendung ergriffen war, sich seines redegewaltigen Bruders als Dolmetsch bedienen. Er glaubte sich der ihm übertragenen Sendung unfähig aus Mangel an Sprachgewandtheit und Zungenfertigkeit; er konnte und wollte sich nur dann seiner Aufgabe unterziehen, als ihm in Aron ein tüchtiges Organ beigegeben wurde. — Braucht es noch eines stärkeren Beweises für meine Behauptung? Ich stelle nicht in Abrede, daß es Momente geben kann, wo selbst ein schwachstimmiger Redwrmuud die Zuhörer hinreißt. Wird doch zuweilen sogar ein Stummer, in gewissen Augenblicken der heiligsten Extase oder des tiefsten Jammers, vermittelst Handbewegungen und Mienenspiel seine Zuschauer überzeugen und rühren? Bedarf es doch unter manchen Verhältnissen nur eines einzigen Blickes, um gar vieles damit zu sagen! Aber wer als Redner zu gelten trachtet, dem soll vor allem das natürliche Medium der Rede: die Stimme in ihrer möglichsten Vollkommenheit eigen sein. Wenn es dem ungeachtet einen oder zwei ausgezeichnete, vielbewunderte Prediger gab, ohne, die besonders geeignete Stimme zu besitzen, dennoch w^hre Meister des Wortes und Zierden der jüdischen Kanzel waren, so ist es eben nur die Großartigkeit, die seltene Kraft ihres Genies, das ihnen über diesen Mangel ebenso leicht htnwegeholfen, wie über manches andere, noch schwierigere Hindernis. — Du kennst ja das anekdotenhafte Lob des berühmten italienischen Malers: Er würde auch dann, nur kraft seines Genies allein, unsterbliche Meisterwerke geschaffen haben, wenn er ohne Hände zur Welt gekommen wäre. Und ist es nicht ungefähr dasselbe, was uns die Geschichte von dem Prototyp der Redner, von Domesthenes, erzählt, daß er, um seiner stammelnden, ungeschmeidigen Zunge Herr zu werden, täglich hinausging zum Meeresstrande, woselbst er keine Mühe und Anstrengung scheute, bis er endlich sogar das Brausen undToben der Wogenübertönen konnte? Ich werde zwar nie ein Domesthenes sein, und auch meine Zunge stockt keineswegs — aber mich lockt der freundliche Herbstsonnenstrahl hinaus in's Freie; ich lasse für heute die Feder ruhen. Adieu! Dr. H. S. Revue der Presse. * Die gesamte Zeitschriftenpresse der vergangenen Woche beschäftigte sich mit dem heiligen — nein! nicht dem „heiligen," denn er ist nicht kanonisiert worden, weil er Beziehungen zu einer Jüdin unterhalten haben soll! — also mit dem unheiligen Entdecker Kolumbus. Auch in der jüdischen Fachpresse wird des kühnen Forschers gedacht. In der Wiener „Wochenschr." wird darauf hingewiesen, daß an der Entdeckungsreise K/s sich auch mehrere Juden beteiligt haben. Die Namen dieser Wackeren hat uns die Geschichte leider nicht überliefert, wohl aber ist das Bild ihrer Thätigkeit bei der Forschungsreise auf ewige Zeit aufbewahrt worden. Und zwar war es der geniale Christof Kolumbus selbst, der seinen israelitischen Mitkämpfern in seinen Berichten und Memoiren ein unsterbliches Denkmal setzte. Die Mitreisenden Juden befanden sich unter dem persönlichen Kommando des Genuesers. Von welcher Bedeutung dieser Umstand für die Mitreisenden war, hat sich später gezeigt. Denn, wie mehrere zeitgenössische Schriftsteller berichten, wollten die unzufriedenenen Matrosen den am Bord der „Gallega" befindlichen Juden die Schuld beigemessen haben, daß die Unternehmung so lange nicht glücken wollte, allein Kolumbus wußte seine Schützlinge stets vor Angriffe!! zu bewahren und gab der Bemannung zu verstehen, daß gerade die Anwesenheit der Juden allen Glück bringen werde. Während der Reise hatten sich offenbar die aufgebrachten Matrosen mit den Juden ausgesöhnt, denn kein Geschichtsschreiber — und auch Kolumbus in seinen Berichten nicht — that in dieser Zeit der Juden Erwähnung. Am 2. November wurde eiu Jude mit einer speziellen Mission betraut. Man hatte an einem Hafen der Insel Cuba Anker geworfen. Kolumbus glaubte, sich auf dem Festlande und nur wenige Meilen von Hang Aschen zu befinden. Diese Idee war in seinem Geiste und in dem seiner Offiziere derartig festgewurzelt, daß er sich damit beschäftigte, dem Groß-Khan von China Geschenke zu übersenden. Am genannten Tage beauftragte er einen Edelmann, der mit an Bord war, und einen Juden, der hebräisch, chaldäisch und arabisch sprach, sich zu dem Monarchen des Landes zu begeben. Nach viertägiger Abwesenheit, am 6. November, kehrten die beiden Abgesandten des Admirals in den Hafen zurück. Den Bericht über die kleine Expedition erstattete, wie Kolumbus erzählt, der Jude. Kolumbus äußerte sich, trotzdem kein König gefunden wurde, über den Erfolg sehr befriedigt und konstatiert in seinem Berichte, daß er später auch die übrigen Juden zu Forschungsreisen benützte und daß die „Juden immer viel sahen und viel fanden." Als Kolumbus nach siebeneinhalbmonatlicher Seefahrt am 15. März wieder im Hafen von Palos gelandet war und sich hierauf nach Barcellona an den damals dort weilenden Hof begab, erstattete er im Palaste der Deputation den Bericht über seine wunderbare Reise. In demselben hatte er nicht vergessen, der Dienste, die ihm die Juden durch genaue Erforschung der entdeckten Länder und durch ihre praktischen Ratschläge leisteten, gebührend zu erwähnen. Den Inden wurde auch ein Teil der mitgebrachten Schätze bewilligt, allein ihre Namen durften bei Hof nicht genannt werden. Was weiter mit den Genossen des großen Seefahrers geschah, ist leider in den damaligen Annalen nicht verzeichnet. Eines aber steht fest für alle Zeiten: oie Juden haben bei der Entdeckung Amerikas mitgewirkt und wurden ihrem steten Schicksale gemäß — nur in geringem Maße dafür belohnt. * * In der A. Z. d. I. behandelt Dr. B. Rippner die Kolumbusfeier von einem anderen Gesichtspunkt. „Die große Entdeckung geht uns Juden näher an, als es für den ersten Augenblick den Anschein hat. Das größte und traurigste Ereignis das die jüdische Geschichte der Neuzeit zu verzeichnen hat, nämlich die Vertreibung der Juden aus Spanien, stößt zeitlich hart an den Beginn der großen Entdeckungsreise, die die Kultur des alternden Europas nach Amerika gebracht hat. Am zweiten August des Jahres 1492 mußten die Juden aus Spanien auswandern; und am dritten August des Jahres 1492 trat Kolumbus mit seiner kleinen Flotte aus einem spanischen Hafen die folgenreichste Seereise an, die je stattgefunden hat. Das