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Jeschurun · 1892-10-20 · 4 (20.10.1892) · p. Seite 56

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
1892
Issue
4 (20.10.1892)
Date
1892-10-20
Page
Seite 56 (sequence 8)
Language
German
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Seite 56. I e s ch u r u n. r<- Nr. 4. Katheder und Kayel. Znm hebräischen Sprach- und jüdischen Religionsunterrichte. Bon Dr. Ad. Jellinek. Eine wichtige pädagogische Anleitung, speziell für den! Unterricht in der Religion und in der hebräischen Sprache, j finden wir im 18. Psalm. Da lesen wir Vers 9: Die Gebote Gottes sind gerade und erfreuen das Herz. Fröhlich soll das Herz bewegt werden, wenn Verstand und Gedächtnis mit vereinten Kräften zusammenwirken, um dem Geiste des Lernenden Kenntnisse einz»prägen. Auch ein anderer Psali mist, der Verfasser des 119. Psalms ries aus: Gesänge waren mir Deine Gesetze! Sie klangen so lieblich, so freundlich wie die entzückenden Töne des Gesanges. Dies erklärt uns auch das Geheimnis, daß der Talmud mit so vieler Hingebung und großem Erfolge studiert wurde sowohl von Knaben! wie von gereiften Männern. Die talmudischen Debatten, welche mit brillantem Scharfsinnegeführt werden, die Antithesen, welche aufgeworfen werden und einen überraschenden Ausgleich finden, die Fragen und die Antworten, welche den Mittelpunkt der talmudischen Dialektik bilden, waren eine Quelle der Freude oder freudiger Befriedigung für den Forscher. Der Unterricht in der hebräischen Sprache und in der jüdischen Reügion niuß dieses psychologische Moment zu Hilfe rufen, um sein Ziel leichter und sicherer zu erreichen. Ich gebe hier ein Beispiel zur Veranschaulichung des Gesagten. Die ersten beiden Buchstaben des hebräischen Alphabets, verbunden mit einander, geben das Wort Ab, Vater. Schließt man den zweiten Buchstaben durch einen einfachen Strich, so j erhalten wir das Wort Em, Mutter. Nimmt man dann I von diesem zweiten Buchstaben den untern Strich weg, so! haben wir das Wort Och, Bruder. Setzt man an die j Seite des zweiten Buchstabens b einen langen Strich d. h. j n oder Nun, so entsteht das Wort Ben, Sohn. Die ersten! beiden Buchstaben des hebräischen Alphabets mit einigen! Modifikationen zeigen uns also ein Famielienhaus, in welchem z Vater, Mutter, Sohn und Geschwister zusammenleben und | im Boden der Familie wurzelt die Moral, wie ja auch j die Thora ihren Moralkodex im 3. Buche Moses XlX 3! mit dem Satze beginnt: Jeder sott seine Mutter und seinen 1 Vater ehrfürchten. Die Beziehungen zwischen Eltern, Kindern und Geschwistern, die Vorschule des sittlichen Lebens, wer in dieser nicht gebildet wurde, kann unmöglich das sittliche Ideal verwirklichen. Ab, Vater bedeutet aber auch Gott; er ist der Vater der Menschheit, aller Menschen wie der Prophet Maleachi ausruft. Der Mensch ist Ben, der Sohn Gottes und soll Gott ebenso lieben, verehren, ihm gehorchen und dankbar st in wie ein Sohn seinem Vater gegenüber es thut. Aus dieser einfachen These lassen sich die Hauptbeziehungen des Menschen zu Gott entwickeln. Die Menschen untereinander sind Brüder, jeder Nebenmensch, wer und was er auch sei, ist mein Oeh, mein Bruder, den ich wie einen Bruder lieben, ihm nichts zufügen soll, was ich wünsche, daß es auch mir nicht geschehe. Dieses einfache Bild, dem Familienleben entnommen, ist der kürzeste Katechismus der Hauptpflichten der Menschen gegen einander. Die Religion oder das Judentum gleicht einer Mutter (Ern), die ihre Kinder hegt, pflegt, nährt, erzieht, belehrt und deren Anlagen, Talent und Kräfte durch Unterricht entwickeln läßt. Dies ist, wie gesagt, ein einziges Beispiel, das ich zur Veranschaulichung dessen, was ich behaupte, liefere. Wird es nicht die Kinder erfreuen, wenn ein Lehrer in der Schule dies mit freundlichen Mienen, mit heller und heiterer Stimme vorträgt? Die Antwort überlasse ich andern. Homiletische Briefe. Zweiter Brief. * (Schluß.) Zum Prediger gehört also, wie zu jeder andern Kunst vor allem natürliche, um nicht zu sagen angeborne Fähigkeit. Denn das eben hat die edle Kunst mit dem groben Handwerk gemein, daß sie sich aus Bücheru nie und nimmer erlernen läßt. So unendlich weit jene beiden auch sonst auseiuandertiegen, in drei Beziehungen berühren sie sich, darin nämlich, daß natürliche Anlage, Anschauung und Übung ihre Hauptbedingungen sind. — Hier wäre wohl der Platz, wo ich die natürlichen Geistesanlagen eines Predigers beschreiben sollte. Doch wirst Du mir zugestehen, daß dies ein unausführbares Wagestück wäre. Ist es denn möglich, das Entstehen, Wachsen und Gedeihen des Talents oder gar des Genies zu belauschen? Ist noch je einer in die geheime, unsichtbare und rätselvolle Werkstätte geistigen Schaffens eingedrungen, daß er sich anheischig machen könnte die Vorgänge desselben zu schildern! Geistige Fähigkeiten lassen sich nur ahnen, erraten und das Ahnen ist eine gefährliche, das Erraten eine schweren Sache. Frage nur bei den Herren Pädagogen an, ob sie im Besitze der vielgesuchten psychologischen Wünschelrute sind. Sie werden Dir, wofern sie ehrliche Leute sind, mit „nein" antworten. Alles was die Pädagogik nach dieser Richtung hin geleistet hat, ist wohl von hohem Werte. Weshalb aber sollten diese Leistungen mehr Wert haben, als die der Astronomie, die sich ebenfalls mit einer unfaßbaren, unbegreiflichen Welt beschäftigt und deren Resultate zum Teil noch nichts anderes als Hypothesen, wenn auch der Warheit ganz nahe kommende Hypothesen sind? Wie vielen Täuschungen setzt man sich beim Entdecken geistiger Fähigkeiten aus! Wieviel Jrrtümer muß man bei der Analyse derselben mit in den Kauf nehmen! Wie oft führt man da sich selbst hinter's Licht, oder wird man hinter's Licht geführt! Warum sollte ich also Dich und mich mit einem so unfruchtbaren Rätselspiel beschäftigen? Geistige Aulagen, Talent und Genie kommen, man weiß nicht woher, machen sich geltend, man weiß nicht wie. Den Schleier dieser Geheimnisse zu heben, wollen wir andern überlassen. Worüber wir aber ja ausführliche Erwägungen anstellen dürfen, das ist die körperliche Anlage zum Prediger. Wer wird da nicht zunächst an die „Stimme" denken? Ein sonores Organ, dem die weichsten Töne der Innigkeit, wie die härtesten Laute des Unwillens vollkommen zu Gebote stehen, dem der dumpfe Klageton des Jammers ebenso leicht gelingt, wie der Helle Jubel des Entzückens, bei dem die einschmeichelndsten Trostesworte ebenso überwältigend von den Lippen erklingen, wie der tief einschneidende Tadel, die strenge, unwiderstehliche Mahnung, die durchdringende überzeugende Lehre: das ist für jeden öffentlichen Redner ein unentbehrliches und unschätzbares Geschenk der Mutter Natur. — „Auch für den jüdischen Prediger?" — höre ich Dich fragen.

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