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Jeschurun · 1892-10-20 · 4 (20.10.1892) · p. Seite 55

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
1892
Issue
4 (20.10.1892)
Date
1892-10-20
Page
Seite 55 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 4. -s^Ieschurun. Seite 55. Wissenschaft und Meratur. Drei Rätselbücher der Menschheit. Von Dr. Ludwig A. Rosenthal. (Fortsetzung.) Sollte hieraus nun die Lehre des bloßen Genusses gefolgert werden und wir an allem Bessern verzweifeln? Oder sollen wir uns selbst der Freude entziehen, die mit dem klarern Bewußtsein des Menschen unvereinbar scheint und in j schopenhauer'scher Sehnsucht dem Nichts entgegenträumen? > So oft derartige Lehren aufgetaucht sind, so oft sie in! weiteren Kreisen Befolgung fanden, hörte der Sinn für alles j kräftige streben auf, und doch stärkten sich alle rohen und vernichtenden Triebe im Menschen, der entweder bauen oder niederreißen muß. Kohelec wäre aber kein heiliges Buch geworden, wenn allein dieser weltfeindliche Standpunkt sich darin hätte aufdecken lassen. Shakespeare und Göthe wären nicht diese bewußten Zeichner des Menschenlebens und der Menschenseele gewesen, wenn sie mit all ihrer Dichterkraft in ihren bewunderungswürdigsten Werken uns nur so traurige Weisheit gepredigt hätten. Allerdings wühlen diese Rätselbücher in den Wunden der Menschheit herum, und in ihneil klagt die zum Bewußtsein ihrer selbst gebrachte Menschenseele über die Schranken und Hemmnisse, welche die Wirklichkeit unseren Glücksbestrebungen entgegensetzt. Aber die großen Ärzte des Menschentums bleiben dabei nicht stehen — haben i sie das Wesen der Krankheit und ihre Ursachen erkannt, so hat das schwächliche Klagen ein Ende, und sie sinnen auf l Heilmittel. So wird im Kohelet in der zweiten Hälfte der I stete Ruf „alles ist eitel" seltener, die anfangs verachteten > Dinge gelangen zu ihrem Werte. Die Weisheit macht den Weisen mächtiger, Als zehn Gewaltige, bie die Stadt beschützen. Weiß sei Dein Kleid zu jeder Zeit, Es fehle nie das Oel auf Deinem Haupte, Denn längst gefiel dem Herrn Dein Werk. Wie ist dieser Umschwung in den Anschauungen möglich, j den man so oft als Widerspruch im Predigerbuche angesehen! hat? Hier findet sich ein Teil des salomonischen Rätsels! gelöst, wenn er, im Hinweis auf die Kürze unseres Erdenlebens, uns den Rat giebt: Wozu Du Kraft in Deinen Armen hast, Das üb' auch ans!- Und weiterhin: Wirf' Dein Brot auf das Wasser hin. Findest es wieder nach langer Zeit! Gieb sieben Teile, gieb acht dahin, Du weißt nicht, welch Leid auf Erden wohnt. Wie's kommt, wenn die Wolken von Regen schwer? Sie schütten ihn nur auf die Erde ans. Ob nach (Lüden der Baum, ob nach Norden er fällt? Wohin er fallen wird, da wird er liegen. Wer zuviel auf die Würde achtet, Der höret nicht. Wer zuviel auf die Wolken blickt. Der erntet nicht. Wie Du des Sturmes Bahn nicht weißt, So ist Dir unbekannt die Gottesschöpfung, Wie er's hervorgebracht. Am Morgen bestelle die Aussaat. Am Abend lasse nicht ruhen die Hand, Du weißt nicht, welches gedeihen wird? Wie gut, wenn beides gedeihet. Dann ist das Lickt dem Äuge süß. Dann schaut der Blick so gern den Strahl der Sonne. Auch in dem finsteren Bilde, welches der große Brite uns vorführt, auch im Hamlet darf dieser Lichtblick nicht fehlen. Auch er hat ja nur den Fehler daß er zuviel nach den Wolken blickt, deshalb sowohl Aussaat, wie Ernte versäumt, daß er sich ängstlich fragt, wohin wird der Baum fallen? und folglich gar nicht daran geht, ihn zu fällen. Spricht es doch Hamlet selbst aus: Die angeborne Farbe festen Willens wird Durch des Gedankens Blässe angekränkelt Und Unternehmungen voll Wert und Nachdruck Durch schwache Rücksicht von der Bahn gelenkt, Verlieren so den Namen einer That. Seiner Grübelei und seinem Zögern hat der Dichter mit gutem Bedacht die Gestalten der schnellen und thätigen Fortinbras und Laertes entgegengestellt und so gezeigt, wie weit der entschlossene Mensch sich dem großen, an Fähigkeiten reichen Geist gegenüber im Vorteile befindet, wie dieser seine Gaben nicht thätig verwertet. Hantlet ist Denker, Redner, Dichter, nur nicht im stände, mit fester Entschlossenheit etwas heilbringendes zu leisten. Und braucht man im Göthe'schen Faust vielleicht nach dem Lobe „der Entschiedenheit und der That lange zu suchen? Ist seine Übertragung des griechischen Wortes Logos, des Logos, der am Anfang war, nicht überaus deutlich und bekannt? Ich kann das Wort so hoch unmöglich schätzen; Ich muß es anders übersetzen, Wenn ich vom Geiste recht erleuchtet bin. Geschrieben steht: Im Anfang war der Sinn. Bedenke wohl die erste Zeile, Daß Deine Feder sich nicht übereile! Ist es der Sinn, der alles wirkt und schafft? Es sollte stehn: Im Anfang war die Kraft! Doch auch, indem ich dieses niederschreibe, Schon warnt mich eins, daß ich dabei nicht bleibe. Mrr hilft der Geist! Auf einmal seh' ich Rat Und schreib getrost: Im Anfang war die T hat! Sv preisen diese Werke im herrlichen Dreiktang das thätige Leben. Sie sehen in der That des Menschen die erlösende Kraft von all den Schmerzen und Unzulänglichkeiten des Daseins. Wer nur lebt um ein selbstsüchtiges Glück zu erlangen, wen es nach der Ewigkeit seines Werkes und nach dem ewigen Ruhme seines eigenen beschränkten Menschenwesens verlangt, der wird in der Welt seinen Wünschen kein Genüge leisten können und beständig, gerade mit weiterschreitendem Bewußtsein und mit mehr sich entwickelnden Geisteskräften, sich der Eitelkeit und Nichtigkeit seines eigenen Wesenttnd Strebens bewußt werden. Wer aber das Schöpferwort versteht „Überwinde die Welt und beherrsche sie", wer die Lehre begreift: „Im Schweiße Deines Angesichtes sollst Du Dein Brot essen", der wird sich nur als ein winziges Glied des Weltganzen und der Menschheit ansehen und sich nur bemühen, nach Kräften zu wirken. Im Anfang muß die That sein; dann kommt alles Andere, wonach der Mensch verlangt, was er aber nur gelegentlich findet. Die Liebe zu seiner Lebensaufgabe, zu seinem Berufe raubt dem Menschen alle diese kleinlichen Wünsche und Ansprüche und läßt ihn glücklich und zufrieden leben, wo der selbstsüchtige nur das öde, trostlose Nichts finbet. Ja, wird man erwidern, der hochstehende, dem die Gelegenheit zu Thaten geboten wird, mag diese Grundsätze zu seineil eigenen machen — was soll das uns, die wir Tag für Tag im Kreise der gleichen Gewohnheiten dahinleben? Bleibt für uns der Grundsatz „Im Anfang war die That" nicht eine inhaltslose Redensart? (Fortsetzung folgt.)

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