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Jeschurun · 1892-10-20 · 4 (20.10.1892) · p. Seite 54

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
1892
Issue
4 (20.10.1892)
Date
1892-10-20
Page
Seite 54 (sequence 6)
Language
German
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Seite 54. I e s ch u r u n. Nr. 4. redakteur des Chefredakteurs A. Zederbanm, wirkte. Zuletzt arbeitete er an der russischen Übersetzung des Brockhaus'schen Konversationslexikon mit, wie er denn auch zahlreiche gediegene Artikel in russischen Zeitschriften und Sammelbüchern veröffentlichte. Außer den Gedichten, welche in der von dem Petersburger „Vereine der Freunde der hebräischen Sprache" zur Feier des 25jährigen Jubiläums der hebräisch-dichterischen Thätigkeit Gordons heransgegebenen Sammlung enthalten sind, erschienen noch viele andere Gedichte in verschiedenen Zeitschriften und Sammelbüchern. Auch seine großen und kleinen Erzählungen erschienen in eigenen Ausgaben und in älteren und neueren Zeitschriften. Mehrere Jahre redigierte ' Gordon den wissenschaftlichen und kritischen Teil der! russisch-jüdischen Zeitschrift „Woschvd". Auch für jüdische j Zeitschriften in deutscher Sprache schrieb er. Er übersetzte endlich die fünf Bücher Moses in's Russische mib unter seinen Manuskripten finden sich anch ritssische Übersetzungen einiger anderer Teile der heiligen Schrift. Gordon hat Aufklärung und Liebe zur heiligen Sprache überall, wohin er kam, verbreitet. Die großartigsten Leistungen des unsterblichen Dichters,! namentlich aus epischem Gebiete sind: j „Ahabhath David u-Miclial“ in 12 Gesängen. Sein j Stofs ist der Bibel entnommen. Dieses Lied wird so lange i in unserem Volke leben, als die hebräische Sprache. In! ihm sind alle Bilder plastisch und rein, die Farben richtig und zart, die Phantasie, die darin waltet, ist glühend, die Sprache ist lauter und anmutig. Über das Ganze ist der Gest des Morgenlandes ausgebreitet, jede Strophe erfreut das Herz. Wie ein Edelstein wird dieses Lied stets inmitten der ewigen Poesie erstrahlen; der Duft dieser! Blüte wird noch dauern, wenn die Dichterblnmen anderer Völker schon längst verwelkt sein werden. „Latst Botixstsra.^ An richtiger Zeichnung der Natur, der Gefühle, der heftigen Leidenschaften der Töchter des! Orients, an morgenländischem Kolorit, an wilder Schönheit kann dieses Gedicht mit den bekanntesten Poemen dieser Gattung in der Weltlitteratnr konkurrieren. „Bim’zuloth jam“ nimmt seinen Stoff aus der Zeit der spanischen Judenvertreibnng. Das Gedicht schildert den Sieg eines heldenhaften jüdischen Mädchens über eine Rotte von Eroberern und Unterdrückern. Die Verse, welche von den Verbannten und der Verbannung sprechen, sind! furchtbar erschütternd, fast wie die Verbannung selbst. „Ben scliinne arajothu behandelt eine talmirdische Sage aus der Zeit der zweiten Tempelzerstörnng In Versen, scharf und schneidig, malt der Dichter die Grausamkeit des Feindes und die Nachlässigkeit der Großen, welche in den Tagen der äußersten Not Rabulistik treiben, aber auch den Heldenmut und das traurige Ende eines Jünglings, der den Feinden in die Hände fällt, und die Liebe eines hebräischen Mädchens In „Kozo schel jud“, einem epischen Gedichte, das seinen Inhalt aus der Gegenwart schöpft, giebt uns Gordon das getreue Bild eines jüdischen Weibes im „Ansiedlnngs- Rayon"; die Last des Erwerbes ruht auf ihr, die Pflege und Erziehung der Kinder obliegen ihr. Sie weint über ihr trauriges Los, in den Händen eines Mannes zu sein, der ihr Denken und Fühlen nicht versteht und ihr die ganze Sorgenbürde aufhalst, während er selbst in der Welt umherirrt und nach Glück sucht. In diesem Gedichten geißelt Gordon mit einer eisernen Zuchtrute die Eiferer. Es ist ein scharfer satyrischer Zug, der durch die Dichtung geht und sich mit Zorn und Spott gegen überlebte Bräuche richtet. Dagegen weht der Hauch liebenden Erbarmens mit der armen Jüdin, „einer Pflanze des Herrn, die ans dürrem Boden zu Grunde geht," durch das Gedicht. In „Sehne Jossef ben Schimeon“, einem epischen Gedichte, dessen Stoff unserer Zeit entnommen ist, erklimmt Gordons Muse die höchste Stufe der Vollendung. Er zeichnet in demselben den grellen Gegensatz zwischen den Idealen der Besten unserer Jugend und der bitteren nackten Wirklichkeit. Erbarmungslos zergliedert er mit zweischneidigem Messer die Eigenschaften unserer Seele. Die Gemeindevorstände und ihre Gewaltakte gegen die besten Gemeindemitglieder schildert er nach ihrer ganzen Verderbtheit, Unreinheit und Widerwärtigkeit. In diesem Gedichte atmet Gordons Genius loderndes Feuer, er tritt in furchtbarer Majestät ans. Wie ein verwundeter Löwe springt er ans dem Dickicht, los aus die Niederreißer und Zerstörer in unserer Mitte. Doch auch im Zorne und Grolle beherrscht er seine Feder und läßt sie Maß, Anstand und Form bewahren. Auch wechselt an einigen Stellen das Löwengebrülle mit dem sanften Girren der Taube, dort nämlich, wo er von den Leiden unserer Jugend und ihrer mächtigen Sehnsucht nach Lehre nnd Wissen spricht. Die „M’schalim k’tanim lij’lodim g’dolind' sind Perlen, jede ein Meisterwerk. In diesen Gedichten hält er unserer Generation einen Spiegel vor, offenbart ihr ihre Schmach und züchtigt sie mit der Rute seiner Entrüstung. Es giebt in der europäischen Litteratur nichts den angeführten Dichtungen an Großartigkeit Aehnliches. Als hebräischer Dichter speziell ist er einzig an Schreibart, Inhalt, Geist nnd Charakter. Einsam steht er unter hebräischen Dichtern durch seinen Wermutbittern Spott, der aus den Tiefen der jüdischen Volksseele geschöpft ist, nnd alles was er schreibt, ist durchaus originell. Hier wurden nur einige von den Dichtungen Gordons ans den Teilen 3 und 4 der Sammlung genannt, aber aus Raummangel nichts von Gordon dem Novellisten, dem Publizisten, dem gebildeten Kritiker, dem Gelehrten, nichts von seiner schriftstellerischen Thätigkeit in russischer Sprache erwähnt. Auch seine Artikel betreffs der Kolonisation Palästinas und seine Mitarbeiterschaft beim „Hamelitz" wurden nicht zur Besprechung gebracht. Denn in einem kurzen Bericht über Gordon erschöpfend zu schreiben, ist ebenso unmöglich, als den Eisielthurm ans einem Granpenkorne aufzuführen. Unsere hervorragenden Größen, Weisen, Dichter und Schriftsteller werden von Tag zu Tag weniger. Aber wir hoffen, daß auch speziell bei den Dichtern das Wort unserer Weisen: „Wenn die Sonne des Einen erlischt, erstrahlt die Sonne des Anderen" sich erfüllen, daß uns die Sonne noch leuchten nnd uns Dichter hervorbringen werde, — und zwar Dichter welche Sänger (m’schorrini) und nicht Wehklager (m’kon’nim)*) sein werden. *) Mit dem Verlust der nationalen Selbständigkeit hörte die hebräische Poesie auf schir (Lied) zu sein, und wurde zur Kinnali (Klage) Gordon selbst nennt sich einen m’kon’nen. Das Manuskript dieses Artikels ist in hebräischer Sprache verfaßt und in deutscher Übersetzung in der „Selbstemanzipation wiedergeben.

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